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Antike Literatur : Von der Altphilologie zur New Philology

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Der Vorsokratiker Metrodoros von Lampsakos (321 bis 277 v. Christus), er war Schüler Epikurs. Bild: Ville d’Autun – musée Rolin, clichés H.N. Loose

Die Edition kritischer Textausgaben ist in eine Krise geraten. Soll an der Rekonstruktion eines originalen Wortlauts festgehalten werden - oder wird es bald nur noch Lesarten geben?

          Als junger Student der Klassischen Philologie löste Eduard Fraenkel, wie er später erzählte, bei seinem Göttinger Lehrer Friedrich Leo ehrliches Erstaunen mit dem Bekenntnis aus, Aristophanes in einer Ausgabe ohne textkritischen Apparat gelesen zu haben. Diese Reaktion – so Fraenkel, der nach seiner Vertreibung aus Nazi-Deutschland den latinistischen Lehrstuhl in Oxford übernahm – ließ ihn begreifen, „was ordentliche Philologenarbeit bedeutet“.

          Die textkritische Edition, welche die Überlieferungsvarianten in einem Apparat dokumentiert und unter den vom Editor als Original des Autors rekonstruierten Haupttext setzt, galt lange als heiligstes Instrument und höchstes Ziel der altphilologischen Forschung. Doch nicht zuletzt durch neuere theologische oder altgermanistische Editionsprojekte, die auf die Rekonstruktion eines originalen Wortlauts verzichten, um stattdessen die Varianz der Überlieferung als gleichberechtigte Vielfalt zu präsentieren, hegen auch Altphilologen Zweifel. Ist die Setzung eines angenommenen Urtexts und die Verbannung der Varianten in den Apparat nicht eine Bevormundung des Benutzers in der eigentlich nicht sicher zu entscheidenden Frage des Originals? Eine Standortbestimmung der Klassischen Philologie, besonders gegenüber der Altgermanistik – wie sie im März unter Beteiligung beider Disziplinen im Berliner Wissenschaftskolleg stattgefunden hat –, ist geboten.

          Die meisten Werke der antiken Literatur sind uns in mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Abschriften erhalten, also in Quellen, die lange Zeit nach der Abfassung dieser Werke geschrieben wurden. Solche Zeugen liegen für ein- und denselben antiken Text oft in großer Zahl vor, wobei sie sich in Wortlaut und Umfang der gebotenen Textgestalt beträchtlich voneinander unterscheiden können. Dieser überwältigenden Vielfalt, der aber im Regelfall ein einziges antikes Original zugrunde liegt, versucht die nach dem Berliner Mediävisten und klassischen Philologen Karl Lachmann (1793 bis 1851) benannte Methode der Textkritik beizukommen. Sie ermittelt durch die Identifizierung von gemeinsamen und trennenden Fehlern das wechselseitige, gewissermaßen „genealogisch“ anzuordnende Abhängigkeitsverhältnis der Handschriften voneinander. Ziel ist neben der Aussonderung von reinen Kopien bereits bekannter Handschriften die Rekonstruktion eines sogenannten Archetyps, auf den die gesamte Überlieferung zurückgeht. Damit ist das Original freilich noch nicht erreicht, enthält doch der Archetyp meist Fehler, die auf dem vom Autor ausgehenden weiteren Weg eingedrungen sein müssen. Diese versucht der Textkritiker zu verbessern.

          Ein antiker Paradefall für die „New Philology“

          Einwände gegen die Lachmann’sche Methode wurden von altphilologischer Seite selbst vorgebracht, etwa dass sie dadurch eingeschränkt sei, dass Schreiber ,kontaminieren‘, also mehrere Textvorlagen miteinander vermischen können. Viel fundamentaler war allerdings der Angriff von Seiten der sogenannten „New Philology“ im späten 20. Jahrhundert. Sie erhielt in dem Manifest „Éloge de la variante“ des französischen Sprachwissenschaftlers Bernard Cerquiglini (1989) programmatischen Ausdruck und wurde vor allem in den mediävistischen Literaturwissenschaften rezipiert: Das Streben der traditionellen Textkritik nach dem einen ,Urtext‘ sowie ihre Bewertung der im Überlieferungsprozess auftretenden Textvarianz als einer fortschreitenden Textverderbnis, die mit aller Kraft zu vermeiden sei, wird hier – unter Verweis auf die Unsicherheit von Kategorien wie „Autor“ und „Werk“ in der Vormoderne – als Illusion, ja als Ablenkung vom Wesentlichen abgetan. Als vornehmste Aufgabe des Editors proklamiert man nun, die Varianz der Überlieferung zu dokumentieren und zu würdigen, sei sie doch Produkt eines kreativen, nach ästhetischen Prinzipien erfolgenden und möglicherweise von Anfang an einkalkulierten Prozesses. Auf die sich gerade entwickelnden Möglichkeiten der EDV zur Erfassung und Präsentation dieser Vielfalt wurde dabei von Anfang an ausdrücklich hingewiesen. Eiferte die „genealogische“ Methode Lachmanns in der Mitte des 19. Jahrhunderts den erstarkenden Naturwissenschaften nach, so zeigt sich in der New Philology die Wirkung des Poststrukturalismus, begünstigt durch das Aufkommen der „Digital Humanities“.

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