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Stifter Adolf Messer : Überzeugter Nazi oder Alltagsopportunist?

Adolf Messer Bild: Messer Group

An der Uni Frankfurt wird darüber gestritten, ob der Unternehmer Adolf Messer als Namenspatron für eine Studenten-Lounge taugt. Der Fall ist verwickelt.

          Für linke Studenten ist der Fall ein weiterer Beweis dafür, dass die Goethe-Uni sich dem Willen der Wirtschaft unterwirft. Das Uni-Präsidium hält seinen Kritikern vor, einen Beschluss des Senats falsch zu interpretieren. Und Stefan Messer ärgert sich darüber, dass sein Großvater als Nazi dargestellt wird und die Motive der von ihm, Adolf Messers Enkel, geleiteten Stiftung in zweifelhaftem Licht erscheinen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          In dem Streit, der jetzt wieder aufgeflammt ist, geht es um die Adolf-Messer-Stiftung-Lounge auf dem Riedberg-Campus. Es ist ein Raum, in dem Studenten lernen und sich mit Kommilitonen austauschen können. Ausgestattet hat ihn die Adolf-Messer-Stiftung, die sich seit 1993 in der Uni engagiert und Preise an Nachwuchsforscher vergibt. 100.000 Euro wurden in die Lounge investiert. Weder hat die Stiftung dafür eine Gegenleistung gefordert, noch bestand sie darauf, dass der Raum den Namen Adolf Messers trägt. Das hatte die Hochschulleitung 2014 vielmehr selbst vorgeschlagen – insoweit sind sich Präsidium und Stefan Messer einig. Studentenvertreter wiederum sind seit längerem der Auffassung, dass Adolf Messer, Gründer des gleichnamigen Frankfurter Industriegase-Herstellers, nicht als Namenspatron für einen Lernraum an der Uni taugt: Der Ingenieur, der von 1875 bis 1954 lebte, sei 1933 in die NSDAP eingetreten und habe in seinem Betrieb Zwangsarbeiter beschäftigt. In ihrer Überzeugung sehen sich die Kritiker durch einen Senatsbeschluss vom 18. April bestätigt. Darin heißt es, das Gremium schließe sich einer Empfehlung der Senatskommission zur Benennung von Wegen und Plätzen auf dem Campus an, wonach die Adolf-Messer-Stiftung-Lounge „zeitnah“ einen anderen Namen bekommen sollte.

          Dass das Präsidium dem bisher nicht gefolgt ist, hält die Grünen-Hochschulgruppe für eine Missachtung des höchsten Gremiums der Universität. Der bis vor kurzem amtierende Asta, dem noch Grünen-Vertreter angehört hatten, hatte sich dieser Meinung angeschlossen. Zudem wurde dem Präsidium unterstellt, es wolle die Lounge nicht umbenennen, weil es um die Zuwendungen der Stiftung fürchte. Die Grünen-Hochschulgruppe hat deswegen die Uni-Kommission angerufen, die Zuwendungen privater Geldgeber auf ihre Vereinbarkeit mit dem hochschuleigenen Stifterkodex prüft.

          Millionen an Fördergeldern

          Nun ist allerdings schon die Frage, ob Adolf Messer ein Nazi war, nicht einfach zu beantworten. Ein Kurzgutachten der Historiker Andreas Fahrmeir, Jörg Lesczenski und Werner Plumpe kommt zu einem differenzierten Urteil. Dass Messer NSDAP-Mitglied gewesen sei, beweise nicht, dass er die braunen Machthaber aus Überzeugung unterstützt habe. Tatsache sei aber, dass die Firma kriegswichtige Produkte hergestellt und neben ihrem Frankfurter Werksgelände ein Lager für Zwangsarbeiter unterhalten habe. Plumpe bezeichnet Adolf Messers Verhalten während des „Dritten Reichs“ als „Alltagsopportunismus“; vorrangiges Interesse des Industriellen sei es gewesen, den Bestand seines Unternehmens zu wahren.

          Auch wenn sich mit dieser Bewertung der Wunsch begründen lässt, auf Messer als Namenspatron zu verzichten, verpflichtet der Senatsbeschluss dazu nicht: Auf diese Klarstellung legt Uni-Präsidentin Birgitta Wolff Wert. Das Votum habe empfehlenden Charakter und rege an, dass Vertreter von Uni-Leitung und Senat mit der Messer-Stiftung einen Vorschlag für einen neuen Namen erarbeiteten.

          Stefan Messer wiederum hatte zuvor den Eindruck gewonnen, dass eine Umbenennung der Lounge gar nicht mehr zur Diskussion stehe. Nach seinen Worten gab es einen Beschluss des Präsidiums, weiterhin den Namen seines Großvaters zu verwenden, in der Lounge aber eine Informationstafel zur Geschichte der Adolf Messer GmbH durch Angaben zu den Preisträgern der Stiftung zu ersetzen. In einem Brief, den Messer in der vergangenen Woche an Wolff geschrieben hat, schlägt er vor, den Raum neutral zu gestalten – ohne Tafeln und Unternehmensbilder. Am Namen der Lounge wie auch der Stiftung möchte Messer aber festhalten, auch wenn das Stiftungskapital nicht von Adolf Messer, sondern von Familienmitgliedern der dritten Generation stamme.

          Messer erinnert in dem Schreiben daran, dass die Stiftung der Universität in den vergangenen 25 Jahren „Millionen an Fördergeldern“ habe zukommen lassen. Man werde diese Unterstützung auch nicht einstellen. Um aber den in diesem Jahr wieder zu verleihenden Nachwuchspreis „im Lichte guter Zusammenarbeit“ vergeben zu können, hoffe die Stiftung, dass die „Uneinigkeiten zwischen Präsidium und Senat“ bald beigelegt seien.

          Darauf setzt auch Wolff. Sie sagt, das Präsidium habe ein Konzept für eine mögliche Umgestaltung oder Umbenennung der Lounge in Auftrag gegeben. Bei der Entscheidung werde man das Einvernehmen mit Senat und Stiftung suchen.

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