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Kommentar zur Kunst-Rangliste : Alles ist in Meta

Vom „ArtReview“ mit Platz eins der „Power 100“ gekürt : Die deutsch-japanische Videokünstlerin Hito Steyerl. Bild: Urban Zintel/laif

Laut „Art Review“ liegt die aktuelle Auswahl der „Power 100“ einer Analyse der Machtverhältnisse in der zeitgenössischen Kunst zugrunde. So rangieren Soziologen, Historikerinnen und Theoretikerinnen weit vor Galeristen.

          Alle Jahre wieder kommen die „Power 100“, verkündet von „Art Review“. Die von der englischen Kunstzeitschrift gelisteten Personen werden als die „einflussreichsten Akteure der zeitgenössischen Kunstwelt“ angepriesen. Es liegt in der Natur einer solchen Liste, dass sie kritikresistent ist; sonst wäre sie wenigstens als Statistik verkleidet. Das aktuelle Spitzenfeld erweckt immerhin Zufriedenheit: Auf Platz eins steht die deutsche Videofilmerin Hito Steyerl, vorgerückt von Rang sieben 2016. Ihr folgt Pierre Huyghe, den, wer mag, als „zerebral konzeptuellen Künstler“ empfinden kann. Steyerl und Huyghe verbinden Auftritte mit großartigen Werken bei den Skulptur Projekten Münster, womit sich auch diese Leistungsschau zu Recht geehrt fühlen darf. Auf Platz vier, runter von zwei, hält sich Adam Szymczyk; das ist richtig – in dem zuversichtlichen Gefühl, dass seine Documenta14 Geschichte geschrieben hat.

          Nun kann „Einfluss“ eine janusköpfige Angelegenheit sein, gewissermaßen in die falsche Richtung losgehen. Auf Platz 29, runter von elf, steht Beatrix Ruf, unbeschadet ihres Rücktritts als Direktorin des Amsterdamer Stedelijk Museums wegen „der mutmaßlichen Interessenkonflikte zwischen ihrer institutionellen Rolle und ihren ausgedehnten Aktivitäten als Beraterin“, wie das für die Liste formuliert ist: Bestehe doch Rufs Stärke in ihrer Fähigkeit, als „Meta-Kuratorin“ auf diversen Kanälen zu operieren. Das ist dann doch Geschmacksache. Aber es steht auch nirgends, dass so ein Ranking etwas mit moralischen Kategorien zu tun haben muss – und streng genommen auch nicht mit der Kunst an sich. Dafür scheint „Meta“ das Modell der Stunde zu sein. Kuratoren, Künstler, Kunst – alles ist in Meta. Und für den, nun ja, Meta-Diskurs ist auch gesorgt, mit mindestens drei Denkpersonen. Auf Platz 48 ist Judith Butler eingestiegen, apostrophiert als überragende amerikanische Gendertheoretikerin, was unbedingt stimmt. Deutlich weiter oberhalb, auf Platz neun, rangiert der Neuling Bruno Latour, eingeführt als „Philosoph und Soziologe de rigueur“, o là là. Und auf Rang drei ist die Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway von Platz 43 hochgeklettert. Neben all dem wehenden Geist kommen, fast verschämt, auch ein paar wichtige Galeristen vor; immerhin halten sie den Laden am Laufen. Im Ganzen sehen die „Power 100“ stark nach wishful thinking aus.

          Umso besser wäre es zu erfahren, welches Personal so ambitioniert wunschdenkt; es bleibt auch diesmal das Geheimnis von „Art Review“. Begegnet ist man einer solchen Person auf der freien Kunstwildbahn, jedenfalls wissentlich, noch nie. Dabei wird tatsächlich versichert, dass die Liste „auf einer fundierten Analyse der Machtverhältnisse in der zeitgenössischen Kunst“ basiere, erstellt „in Rücksprache mit ausgewählten Autoren, Künstlern, Kuratoren und Kritikern“. Das, mit Verlaub, ist dann doch zu dünn als Vertrauensgrundlage. Wer mit analysierten Machtverhältnissen herumfuchtelt, sollte sich nicht selbst in der Anonymität verbergen – wenn er sich schon im Ernst zutraut, das globale Kunstsystem für so durchschaubar zu halten, dass ihm ein Faden einzuziehen ist. Die nächste kompilierte „Macht 100“ sollte ihre Juroren outen. Sonst nutzen noch so schöne Metaphern für die Prämierten am Ende nichts.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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          Quelle: F.A.Z.

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