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Historiker Arno Lustiger gestorben Er hat gelernt, nie aufzugeben

Der Historiker Arno Lustiger ist im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Er war ein Mensch von unvergleichlicher Höflichkeit - und auch von Unnachgiebigkeit.

© dapd Der Historiker Arno Lustiger bei seiner Rede zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationlagers Auschwitz.

Sein Leben war kürzer, die Jugend war ihm durch die Verfolgung der Juden geraubt worden. Es zu verlängern, gelang ihm, indem er dieser Erfahrung zur Sprache verhalf. Über viele Jahre habe ich mit ihm regelmäßig gesprochen. Wenn er wieder etwas fertig hatte, rief er aus der Höhle seines Arbeitszimmers an. Er wollte es nur mitteilen, um dem Geschriebenen den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen. Er hatte Grund zu der Annahme, daß dies gelingen würde. Denn was er anbot, war immer neu. Niemand hatte das Thema vor ihm mit vergleichbarer Sorgfalt erarbeitet. Es war ein Mosaikstein in dem weiten Feld seiner Forschungen, auf dem er nahezu allein stand. So kam es auch fast immer zu einer Vereinbarung, die Sache zum Druck zu geben.

Er war warmherzig und unbestechlich

Arno Lustiger war der Mensch einer seltenen Mischung von Selbstbewußtsein und Bescheidenheit, von unvergleichlicher Höflichkeit und Unnachgiebigkeit. Das hing mit der Sache zusammen, die ihn umtrieb: die Bestandsaufnahme und Geschichte des jüdischen Widerstandes, die er seit den achtziger Jahren in materialreichen, genau recherchierten Büchern der Öffentlichkeit vorlegte im Vertrauen, daß sie für sich selbst sprechen würden. Das ist auch eingetreten. Seine Bücher über die Juden im spanischen Bürgerkrieg (Schalom Libertad), seine Darstellung des jüdischen Widerstands 1933-1945 (Kampf auf Leben und Tod), über Stalin und die Juden (Rotbuch), über die jüdische Kultur in Ostmitteleuropa, schließlich seine Autobiographie über sein Leben im Widerstand (Sing mir Schmerz und Tod) wurden stark beachtet und fanden viele Leser. Sein Werk als Historiker drängte sich auf wenige Jahre zusammen, ein Buch folgte dem anderen. Sein Thema weitete sich immer mehr aus und entwickelte sich zu einer Art Topographie des jüdischen Widerstands. Als Arno Lustiger mit seinen im Alleingang und ohne die Unterstützung wissenschaftlicher Institutionen betriebenen Forschungen begann, war sein Lebensthema von der Geschichtsschreibung nicht nur nicht anerkannt, sondern die herrschende Meinung bestritt sogar, daß es das, was ihn umtrieb, überhaupt gegeben hatte. Die Lehre von der jüdischen Passivität herrschte, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Dem autodidaktischen Historiker blieb die Aufgabe, zunächst einmal zu beweisen, daß es seinen Gegenstand überhaupt gab. Das ist ihm im Lauf der Jahre durch intensive Nachforschungen gelungen.

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Späte und verdiente Ehre

Arno Lustiger fand schließlich als Historiker die verdiente Anerkennung, als ihm die Universität Potsdam den Ehrendoktor und die Stadt Frankfurt eine Ehrenprofessur verlieh. Vor dem Bundestag hielt er 2005 zum sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz eine vielbeachtete Rede, durch die er seinen Forschungen auch in der Öffentlichkeit Ansehen verschaffte. Er vertraute den Dokumenten und Beweisen, die er zusammengetragen hatte und deren Überzeugungskraft nicht zu erschüttern war. Die Rede war Höhepunkt und Summe des Lebenswerks von Arno Lustiger. Eine andere Würdigung fand er, als er zusammen mit seinem Cousin, dem Kardinal und Erzbischof von Paris zu einer Audienz beim Papst gebeten wurde. Das Einzigartige dieses Lebens begreift man jedoch erst, wenn man weiß, daß der 1926 geborene mit einundzwanzig Jahren durch die Konzentrationslager Buchenwald und Bergen Belsen geschleppt wurde, daß er Auschwitz und zwei Todesmärsche überlebte. Da hatte er gesehen und erfahren, daß es jüdischen Widerstand und den Willen dazu gegeben hat. Vierzig Jahre dauerte, bis Arno Lustiger das Schweigebot, das von dieser Erfahrung verordnet war, zu brechen vermochte. Und länger noch dauerte es, bis er die jahrzehntelange Hemmung, über sich selbst zu sprechen, überwand. Sein Lebenswerk drängte, es wollte nun in drei Jahrzehnten bewältigt werden. Es ist Arno Lustiger mit immensem Fleiß, aber auch mit der Sicherheit, die nur aus der Erfahrung kommt, gelungen, das, was er sich vorgenommen hatte, zu verwirklichen in einem würdigen Überleben. Seine Entschlußkraft und Zähigkeit kamen aus der Verpflichtung, die von seinem Gegenstand vorgegeben war. Wenigstens die Anerkennung durch die Geschichtswissenschaft sollte denen, die widerstanden und Hilfe geleistet hatten, nicht vorenthalten werden. Das Werk von Arno Lustiger erinnert daran, daß es historische Erkenntnis nicht ohne Erfahrung gibt, daß sie von dem angetrieben wird, was sonst ungesagt bliebe.
 

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 17.05.2012, 13:19 Uhr

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