15.10.2004 · Elf renommierte deutsche Neurobiologen haben ein „Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“ vorgelegt und gefordert, Geistes- und Naturwissenschaftler müßten „gemeinsam ein neues Menschenbild entwickeln“.
Von Christian SchwägerlDas Manifest wird am 19. Oktober in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ erscheinen. Es sagt voraus, daß der Titel der Zeitschrift bald seine provokante, kontrapunktierende Wirkung verlieren wird. Geist und Bewußtsein seien nicht vom Himmel gefallen, sondern hätten sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das sei vielleicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.
Dies schreiben elf deutsche Hirnforscher in dem gemeinsamen Opus - und nicht irgendwelche Hirnforscher, sondern solche aus der ersten Reihe der deutschen Neurobiologie. Wolf Singer, Christof Koch und Gerhard Roth etwa, bekannt spätestens seit der Debatte um den freien Willen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch Angela Friederici, Sprechforscherin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, und Hannah Monyer, Heidelberger Pfadfinderin der Moleküle des Bewußtseins, sind vertreten, ebenso der Hirninformatiker Christoph von der Malsburg, der Lernforscher Henning Scheich aus Magdeburg. „Geist im Gehirn“ müßte die Zeitschrift wohl heißen, tritt ein, was die Autoren des Manifests vorhersagen: Wenn die Ergebnisse der Hirnforschung einer breiteren Bevölkerung bewußt werden, wird dies zu einer Veränderung unseres Menschenbildes führen, werden dualistische Erklärungsmodelle zunehmend verwischt.
Auf dem Stand von Jägern und Sammlern
Das Manifest geht über reine Behauptung und eine Vorwegnahme möglicher zukünftiger Forschungsergebnisse weit hinaus. Die elf breiten eine unvollendete Partitur aus, auf der das bereits Komponierte zu sehen ist, auf der Linien die Grenzen des tonalen Raums markieren und in der Skizzen des geplanten Gesamtwerks zu finden sind. Das „Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“, wie es betitelt wird, erscheint als Meisterwerk des Wechsels von Dur und Moll. In Dur werden die bisherigen Leistungen der Neurobiologie geschildert. Auf der obersten Organisationsebene des Gehirns, also bei der Klärung, welche Areale für spezielle Leistungen zuständig sind, und auf der untersten Ebene, dem molekularen Geschehen, habe die Disziplin schon viel herausgefunden.
Tomographen und Elektroenzephalographie (EEG) machten das Zusammenspiel der verschiedenen Hirnareale sichtbar, etwa beim Musizieren, bei der Handlungsplanung und beim Erinnern. Auch was in einem einzelnen der hundert Milliarden Neuronen passiere, werde immer deutlicher und immer besser modellierbar. Doch zur Beschreibung des Meso-Raums dazwischen wird Moll verwendet: Hier, wo das Gehirn quasi seine eigentliche Arbeit verrichtet, wisse man noch wenig und wisse vor allem nicht, wie man mehr herausfinden solle. Man befinde sich bei der konkreten Beschreibung des lebenden Gehirns, so die nüchterne Bilanz, "auf dem Stand von Jägern und Sammlern".
Bewußtsein und Willen weiter Geheimnisse
Die Ehrlichkeit, mit der die elf die heutigen und künftigen Grenzen ihrer Arbeit beschreiben, rührt an, unterscheidet sie sich doch wohltuend von der Selbstgewißheit, mit der andere bei diesem Thema völlig empiriefreie Denkgebäude verteidigen. Die Menschenbilder aus dem Gehirnscanner, in denen manche Extremdenker schon eine graphische Darstellung des Geistes gesehen haben wollen, seien nur von sehr begrenztem Nutzen, heißt es, das Unterfangen sei so, als wolle man einen Computer ergründen, indem man seinen Stromverbrauch an verschiedenen Stellen messe. Beinahe demütig wird das Manifest, wenn es um die großen Fragen geht, um Ich, Bewußtsein und Willen. Hier sei man gerade in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen. Zehn Jahre würden nicht reichen, sie zu beantworten.
Zehn Jahre sollen aber reichen, die Auflösung bei der Gehirnbeobachtung so zu verbessern, daß man dem Gehirn beim Gehirnsein zusehen kann, in einem neuronenscharfen Live-Film. Zehn Jahre sollen genug sein, um eine theoretische Neurobiologie zu begründen, die am Hochleistungsrechner physiologische Vorgänge simuliert. Im selben Zeitraum werde die Medizin ihren Patienten zeigen können, daß auch sie von der Hirnforschung profitieren, mittels Vorbeugung von Alzheimer und Neuroprothesen.
Prägung nicht reproduzierbar
Mit solchen allzu faßbaren Fortschritten kann man freilich nicht alle deutschen Philosophen und Geisteswissenschaftler beeindrucken. Und das wollen die elf auch gar nicht, sondern ihnen vielmehr die Hand ausstrecken. Was den Geisteswissenschaften heilig ist, das Individuum und die Freiheit, wird auf Samt gebettet. Eine vollständige Beschreibung des individuellen Gehirns und damit eine Vorhersage über das Verhalten einer bestimmten Person werde nur höchst eingeschränkt gelingen, da einzelne Gehirne sich aufgrund genetischer Unterschiede und nichtreproduzierbarer Prägungsvorgänge durch die Umwelt organisierten. Aller Fortschritt werde nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden, nicht die eigenständige Innenperspektive abschaffen.
Hier kommen die elf, wahrscheinlich durch die Feder der virtuosen Pianistin Hannah Monyer, direkt zur Musik: Auch eine Fuge von Bach verliere nichts von ihrer Faszination, wenn man genau verstanden habe, wie sie aufgebaut sei. Die Hirnforschung müsse klar unterscheiden, was sie sagen könne und was außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs liege, so wie die Musikwissenschaft zur Erklärung der Schönheit einer Fuge von Bach schweige.
Schutz gegen Einsicht ins eigene Funktionieren?
Die Komposition gipfelt freilich trotz dieses Sanftmuts in einer Forderung, wie sie Anton Bruckner nicht bombastischer hätte vertonen können: Beträchtliche Erschütterungen unseres Bildes von uns selbst stünden ins Haus, Geistes- und Neurowissenschaften müßten in einen intensiven Dialog treten, um gemeinsam "ein neues Menschenbild zu entwerfen". Natürlich werden die Autoren wissen, wie ungewöhnlich es ist, wenn Naturwissenschaftler ein "neues Menschenbild" fordern, also zumindest semantisch in eine Sphäre vordringen, die bisher weitgehend von Religion, Philosophie, Ideologie und vielleicht noch der Geschichtsschreibung reklamiert worden ist. Ihr Anspruch erinnert nur an die Größten der Naturwissenschaft, an Galilei oder Darwin, die ihre Einsichten aber nicht Jahre oder Jahrzehnte vor deren Eintreten als "quod erat demonstrandum" vorvollzogen, sondern aus der schlichten Empirie entwickelt haben.
Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger hat in einem spekulationsfreudigen Moment gesagt, das Gehirn habe vielleicht eine Art Schutz gegen die Einsicht in das eigene Funktionieren. Werde er durchbrochen, drohe der Wahnsinn, jedenfalls gebe es Formen des Wahnsinns, die aus dem Zerbrechen an der Selbstreflexion geboren würden. Die Aggression, die Hirnforschern entgegenschlage, könne man vielleicht als Schutzreflex erklären.
Ein neues Menschenbild
Das drückt sehr drastisch aus, was Metzinger sonst in nüchterneren Worten sagt: Das Ende dualistischer Erklärungsmodelle, das die Unterzeichner ankündigen, trifft die meisten, zumal philosophisch ungeschulten Menschen unvorbereitet. Es geht an den Kern vieler Konzepte, etwa der Menschenwürde, die unserer Gesellschaft als Fundament dienen. Das heißt nicht, daß es keine Menschenwürde ohne übernatürliche Seelenvorstellung geben könnte. Der Transformationsprozeß ist aber äußerst heikel. Das Manifest ist als sein Teil zu sehen, doch wird es damit nicht getan sein. Die Durchsetzung einer organischeren Selbstwahrnehmung, die sich nicht in Fitneßtips und Gehirngymnastik erschöpfen dürfte, kann positiv sein. Eine Personenspaltung in Leib und Seele, wie sie der volkstümliche Dualismus anbietet, wird im Licht biologischer Erkenntnisse längst abgelöst. Doch was wird und was soll die Hirnforschung selbst anzubieten haben? Ein Hinweis auf die programmierte Sterblichkeit eines Geistes, der ausschließlich aus der Natur entsteht, wäre mindestens nötig gewesen.
Wichtig erscheint aber, daß für das neue Menschenbild kein determinierter Bio-Roboter, der bis vor kurzem die Leitvorstellung mancher Neurobiologen dargestellt zu haben scheint, ins Rennen gesetzt wird. Daß nun gerade Individualität und Handlungsfreiheit betont werden, läßt eine Lernkurve aus der Retro-Debatte über den freien Willen erkennen. Ein neues Menschenbild läßt sich nicht, wie die Autoren insinuieren, einfach "entwerfen". Selbst die Klügsten und Besten wären damit überfordert und zum Scheitern verurteilt. Wie soll man sich das auch vorstellen? Nach drei Monaten oder drei Jahrzehnten Beratung steigt weißer Rauch auf, und sodann wird auf einer Pressekonferenz das neue Menschenbild enthüllt? Ein neues Menschenbild wird sich vielmehr in einem schwer durchschaubaren Wachstumsvorgang in Gesellschaft und Wissenschaft entwickeln und entfalten, mit vielen Gegenreaktionen und Überraschungen. Die bedeutenden Forscher hinter dem Manifest, die zugleich recht tun mit der Lobpreisung ihrer Disziplin, mit dem Fingerzeig auf Neurotechnologien, mit der Mahnung zu ethischer Wachsamkeit und mit der Aufforderung zum Dialog der Wissenschaftskulturen, werden Wichtiges in die Software des kollektiven Hologramms einzuspeisen haben. Entwerfen werden sie es nicht.