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HipHop-Tänzer „Storm“ im Interview Das Schwierigste ist der Electric Boogaloo

13.04.2007 ·  Niels „Storm“ Robitzky ist der deutsche Star der HipHop-Szene: Er tanzt und lehrt B-Boying, Popping und Locking in Paris und Berlin. Im Gespräch verrät er, warum Thomas Gottschalk für einen Breakdance-Hype sorgte und deutsche Theater „bescheuert“ sind.

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Niels „Storm“ Robitzky ist der deutsche Tanz-Star der Szene: Er tanzt und lehrt B-Boying, Popping und Locking in der Pariser Banlieue und in Berlin. Im Gespräch mit der F.A.Z. verrät er, warum Thomas Gottschalk für einen Breakdance-Hype sorgte, dass alle HipHopper ein Ego-Problem haben und warum deutsche Theater „bescheuert“ sind.

Sie haben gerade im Berliner Hebbeltheater Ihr Stück „Es war einmal...“ uraufgeführt, mit deutschen Jugendlichen und Tänzern aus der Pariser Banlieue. Bei HipHop denken wir immer gleich an die Bronx oder Pariser Problemviertel.

Ach, das ist Sozialromantik. Auswege aus schwierigen Familienverhältnissen bieten doch auch Fußball oder Basketball, nur kann man sich natürlich im Sport nicht so ausdrücken. Aber in dem Moment, in dem eine Kunstform eine Kunstform wird, kann sie Protest sein, muss es aber nicht. Es hängt doch vom einzelnen Künstler ab, was er damit ausdrücken will.

Im Spätherbst wird das Stück im Pariser Centre national de la Danse gezeigt. Warum sind Sie viel seltener an deutschen Theatern zu sehen als in Frankreich?

Das ist komplett bescheuert. Ich glaube, die deutschen Theater denken, wir wären die unterbemittelten Straßentänzer. Aber Tanz lernt man doch nicht auf der Straße!

Sie sind jetzt 37 Jahre alt und schon ganz schön lange im Geschäft - bereits mit vierzehn Jahren hatten Sie einen Manager. Wie hat das alles begonnen?

Also, das war kurz vor meinem vierzehnten Geburtstag. Es war ein total verregneter Sommer. Wir waren damals alle Skateboarder. Ich hatte aber nur so ein kleines Plastikbrett von der Tankstelle. Damit konnte ich die Tricks der Älteren sowieso nicht nachmachen. Ein paar von denen gingen in ein schwedisches Sommercamp. Da waren professionelle Skateboarder aus den Vereinigten Staaten, die alle schon Breakdance machten. Jedes Mal, wenn sie vom Brett fielen, haben sie irgendwelche Tricks gemacht, die dem Skaten verwandt waren. Wir sind damals auch schon zu Musik Kür gefahren - nicht wie die Skater heute hier mal 'ne Treppe runter oder da ein Geländer. Insofern kann ich sagen, dass ich auch damals in Eutin schon choreographiert habe.

Muss man dafür ein Naturtalent haben?

Die ersten Discoschritte hat mir meine Schwester beigebracht - zu Baccaras „Sorry, I'm a Lady“. Mein Vater spielte Klarinette, und meine Mutter war auch sehr musikalisch. Während ich in der Küche Hausaufgaben machte, drehte sie das Radio auf und zeigte mir Ballroomschritte. Manchmal blieb der Fernseher aus, und wir machten Hausmusik. Im Herbst nach diesem verregneten Sommer kam der Film „Flashdance“ raus, und fast zur selben Zeit hörte ich im Küchenradio Malcolm McLaren, den Manager der „Sex Pistols“. Er war gerade aus New York zurück. HipHop war damals noch gar kein Begriff für mich, aber als er berichtete, wie sich die Leute auf den Boden geworfen und verrückte Drehungen ausgeführt hatten, wie sie sich bewegten, als würden sie schweben - da dachte ich: Moment, das kommt dir bekannt vor! Da wurde mir klar, dass es sich um einen Tanz handelte, nicht nur um irgendwelche Tricks, die man mal eben so macht.

Wie hat man damals überhaupt von solchen neuen Entwicklungen erfahren?

Das ging durch alle Medien. Thomas Gottschalk führte in seiner Sendung „Na so was“ einen Breakdance-Wettbewerb durch, den gewann ein Berliner, der machte einen Roboter nach. Na ja, damals kamen die Schwierigkeiten auf, die wir heute noch haben, dass die Leute glauben, der Begriff Breakdance umfasse alles, was wir tanzen, Popping, Locking und B-Boying - dabei heißt Breaken nur alles, was am Boden ausgeführt wird.

Genau, lassen Sie uns mal ein kleines Lexikon des HipHop erstellen. Zum Beispiel „B-Boying“, das ist das eigentliche Breakdancing . . .

Und das findet am Boden statt. Das sind die Sachen, die so am meisten ins Auge stechen. Top Rock, dann die Drehungen wie der Head Spin, das Drehen auf dem Kopf. Aber was den Tanz ausmacht, das sind die Schritte, bloß sind die Schritte selbst auch schon akrobatisch.

Untrainiert kommt man nicht weit im HipHop.

Selbst wenn man Samba tanzen will, muss man sportlich sein. Und da bewegt man sich nur auf den Füßen! Wenn man die ganze Zeit auf allen vieren unterwegs ist, ist das viel anstrengender. Ein B-Boy-Solo dauert darum nie länger als vierzig Sekunden, höchstens eine Minute, dann ist man völlig fertig. Man muss lernen zu ökonomisieren. Dadurch, dass man seinen Körper auf allen vieren so gut kennenlernt, entdeckt man, wie man in allen Lebenslagen - ob man jetzt Umzüge macht oder ob es um ganz normales Aufstehen geht - am besten Kraft spart. Für mich ist das HipHop, die Analyse und die Entwicklung von Bewegung.

Wie wird man denn ein HipHop-Tänzer?

Man kann schon alles auf der Welt mathematisch erklären. Aber die Dinge so zu verinnerlichen, dass es aus einem selbst heraus entsteht, ohne dass man weiter darüber nachdenkt in dem Moment, das bedeutet für mich, ein Tänzer zu sein.

Wie viele Stunden muss man täglich trainieren?

Schwer zu sagen. Es geht im HipHop nicht bloß darum, die Schritte zu können, sondern einen eigenen Stil zu entwickeln und eigene Bewegungsabläufe. Nur so erreicht man das Ziel aller, sich einen großen Namen zu machen. Das ist ja das typische HipHop-Ego-Ding. Jeder große HipHopper hat ja ein Ego-Problem.

Alle?

Ja klar. Ansonsten würde er sich ja nicht so anstrengen.

Dann haben Sie auch so ein Ego-Problem?

Ja, da bin ich mir sicher (lacht).

Wir waren bei der Erzählung, als Sie berühmt geworden sind. Wie ging es weiter?

Im Februar 1984 war das. Die Zeitschrift „Bravo“ richtete die ersten deutschen Meisterschaften im Breakdance aus. Der Zuständige für die norddeutschen Vorentscheide wurde unser Manager und nahm uns mit auf Tournee. Ich hatte den Papi-Effekt. Die anderen waren älter und konnten schon ganz andere Sachen, aber ich war der Kleine, den alle liebten. Am Anfang hießen wir „The Magnificent Bodypops“. Aber ich machte gar keine Pops. Ich habe erst ein Jahr später gelernt, was das überhaupt ist.

Zurück zu unserem HipHop-Lexikon, zum Eintrag „Popping“.

Ein Pop ist eine Muskelkontraktion, die durch eine Gegenbewegung hervorgerufen wird. Die Zeichner von Trickfilmen nennen das Recall. Wenn ich etwa den Arm von rechts nach links nehmen will, muss ich ihn erst noch mal kurz nach rechts führen. Je kleiner ich das ausführe, desto mehr wird die Bewegung zum Pop.

Das macht im Alltag niemand.

Nein, zum Beispiel bei einem einfachen Schritt vorwärts muss ich den ganzen Körper, das Bein, die Hüfte, den Oberkörper, den Hals, den Kopf, erst einmal nach hinten nehmen. Popping umfasst alle Bewegungen, mit denen man Nichtmenschliches verkörpern kann - zum Beispiel Maschinen oder Roboter. Dabei ist der Electric Boogaloo das Komplizierteste, denn dabei baut man noch das Rollen mit ein. Brustkorbrollen, Hüftrollen, Knierollen. Die drei virtuosesten Tanzformen sind das B-Boying, weil es das anstrengendste von allen ist, dann Tap, wegen der Rhythmen, und Popping wegen der Isolation und der Körperbeherrschung insgesamt.

Locking finden Sie nicht so schwer.

Och nein, ist es nicht.

Erklären Sie das auch noch.

Locking hat sich so entwickelt. Der ausschlaggebende Tänzer war Don Campbell, der hat den Lock erfunden und daraus das Locking entwickelt. Der Lock ist daraus entstanden, dass Campbell einen bestimmten Tanzschritt zu einer Seite hin nicht ausführen konnte. Und jedes Mal, wenn er an diese Stelle kam, hat er kurz, aber im Takt gestoppt, er musste ja überlegen. Als Cartoonist, der er war, begriff er sehr schnell, dass daraus so etwas Charakteristisches, Witziges entstehen kann.

Konnten Sie immer vom HipHop leben?

Erst mal waren wir so arm, dass wir das Klopapier in der Bahn klauten. Wir hatten keine Wohnungen, sondern Tramper- Tickets und fuhren zu allen HipHop-Jams, die es gab. Mein damaliger Partner Swift Rock und ich haben davon profitiert, dass Breakdance so out war. Wir haben hart an uns gearbeitet. Statt zwei Drehungen auf dem Kopf konnten wir dreißig, vierzig zeigen. Die Nummer mit den weißen Handschuhen und der Glasscheibe machten wir natürlich auch nicht.

Virtuosität heißt das Stichwort.

Ja, aber wir haben auch an unseren Shows gearbeitet, am Ausdruck. Wir haben an nichts anderes gedacht als Tanz, vierundzwanzig Stunden am Tag.

In Frankreich sind Sie schon lange ein Star. Sie choreographieren richtige HipHop-Tanztheaterstücke.

Viele Leute denken, wir würden nur so herumzappeln. Aber HipHop ist eine Körpersprache, die universell ist und überall auf der Welt getanzt wird.

Seit Ihren Bandscheibenvorfällen drehen Sie nicht mehr auf dem Kopf.

Für den Fall, dass ich mich verletze, habe ich meinen Plan B und C. Und vor dem Alter habe ich keine Angst. Tap kann man noch mit achtzig Jahren tanzen.

Das Gespräch führte Wiebke Hüster.

Quelle: F.A.Z.
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