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Hip-Hop und Adorno : Kollegah

Hauptsache große Geste, gern mit Ananas: Hiphop-Duo Rae Sremmurd beim Openair Frauenfeld in der Schweiz Bild: EPA

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring.

          Geschichten aus dem eigenen Leben gelten in manchen Redaktionen als besondere Köstlichkeit. Eine reichlich fette Praline hat Daniel Haas jetzt der Hamburger „Zeit“ serviert. Haas teilte in seiner Jugend das Schicksal vieler Verkopfter, dass Sabine von seinem Minnesang so wenig angetan war, dass sie lieber bei Klaus oder Herbert aufs Moped stieg. Das trug manch Trübsal in Haas’ Leben, bis er über den Hip-Hop zur wirklichen Wirklichkeit fand. Bevorzugtes Genre: Gangster-Rap. Im Hip-Hop kann das mit dem Moped nicht passieren. Hier heißt es mit RAF Camora: „Im Mercedes zu sechst.“

          Weil Haas seine Nöte aber mit Charme und Witz erzählt, würden wir gern liebenswürdig darüber schweigen, riefe er Andersdenkende nicht zornig zum Sängerkrieg. Also steigen wir in den Ring. Dass wir nicht wie von ihm erbeten mit einem lautstarken Yo! Yo! beginnen, bitten wir höflich zu entschuldigen, es scheint uns nicht altersgemäß. Wir können uns vermutlich auch schnell darüber einigen, dass man auf Hip-Hop gut tanzen kann – solange man nicht auf die Texte hört. Dass Sie, lieber Herr Haas, aber immer wieder den alten Adorno am kritischen Haarschopf herbeiziehen, um den Hip-Hop als Inkarnat des Spätkapitalismus zu feiern, haben wir Ihnen bis heute nie ganz verziehen. Denn es ist doch so: Der Gangster-Rap ist Vergangenheit, seit der Kopfhörer-Millionär Dr. Dre verlegen „Still don’t like police“ ins Mikrofon nuschelte. Und über die verrückte Liebe zu dem Offenbacher Gossenpoeten Haftbefehl scheinen Sie uns, lieber Herr Haas, eigentlich gedanklich erhaben. Dass hier viel zu interpretieren sei, ist uns so erwägenswert wie die Frage, ob es unter Intellektuellen je wirklich einen Fußballfan gegeben hat.

          Kurz und gut: Wir sehen Sie auf der schiefen Bahn, aber dem Schönen und Guten nicht verloren. Überdies sind wir der Meinung, dass der Gangster-Rap ein vergleichsweise harmloser Zeitvertreib gegenüber dem Genre der journalistischen Selbstauskunft ist. Wenn das nächste Mal in Ihrer Redaktion nach einem Ich-Text gerufen wird, stecken Sie die Stöpsel doch tief in die Ohrmuschel und hören Sie eine Sonate. Es findet sich schon ein Kollege, der zünftig aus seinem Leben rappt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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