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Hintergrund Sind so kleine Steine

19.11.2002 ·  Was sind eigentlich Konflikt-Diamanten? Im neuen Bond-Film spielen sie eine zentrale Rolle.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Diamanten lassen sich nicht mit abgeschlagenen Händen und Armen oder abgeschnittenen Nasen und Ohren aufwiegen. Denn so makaber es klingt: Derart viele Edelsteine gibt der Boden Sierra Leones gar nicht her, damit man sie mit all dem Fleisch und all den Knochen messen könnte, die im Laufe der Jahre zusammengekommen sind. Das weiß auch der 23Jahre alte Lehrer Jonah Dumbuya, dem die Rebellen der "Revolutionary United Front" (RUF) seinen rechten Arm und beide Ohren brutal "amputiert" haben. Als Dumbuya aber versuchte, den Wert eines Diamanten aus Sierra Leone zu beschreiben, wollte er vor allem an das viele Blut erinnern, das an jeder ungeschliffenen Pretiose klebt.

Zehn Jahre lang wurde in dem wohl ärmsten afrikanischen Land um die reichlich vorhandenen Bodenschätze gekämpft. Wer sich den RUF-Rebellen in den Weg stellte, wer nicht kooperieren oder fliehen wollte, wurde verstümmelt oder getötet. Mit Waffen, die aus den wohlhabenderen Ländern dieser Erde stammten und die der Rebellenführer Foday Sankoh unter anderem mit Diamanten bezahlte. Das war einfach, denn er besaß nicht nur den größten Teil der Ländereien, in denen die Steine gefunden wurden, und hatte gute Kontakte zu Diamantenhändlern in Belgien, in Großbritannien und in der Schweiz. Sankohs Ehefrau lebte zudem auch unbehelligt in den Vereinigten Staaten, wo sie Rohdiamanten für Hunderttausende von Dollars verkaufen konnte.

Neues Zertifikat

Einem Rohdiamanten sehen nur wenige Experten an, woher er stammt. Dieter Hahn, Chef der ältesten deutschen Diamant-Schleiferei Ph. Hahn Söhne und Präsident der Diamant- und Edelsteinbörse Idar-Oberstein, schätzt die Zahl derart qualifizierter Fachleute auf 4000. Das soll sich nun ändern. Denn mittlerweile scheint es nicht mehr opportun, mit Blut befleckte Diamanten zu verkaufen. Seit einigen Jahren setzen Nichtregierungsorganisationen wie "Global Witness" (London) und "medico international" (Frankfurt) die Edelsteinbranche mit Kampagnen wie "Fatal Transactions" unter Druck. Und sie haben Erfolg: Jeder Rohdiamant soll vom 1. Januar 2003 an mit einem Herkunftszertifikat ausgestattet werden. Anfang November fand das letzte Ministertreffen in Interlaken in der Schweiz statt, bei dem Politiker aus etwa 40 Staaten ein Papier beschließen wollen, das es ermöglicht, künftig den Handel mit sogenannten Blut-Diamanten zu erschweren, wenn nicht sogar zu unterbinden.

Die Herkunft der Steine interessierte bis vor wenigen Jahren im Grunde niemanden. Gekauft wurde, was auf den Markt kam. Diamanten aus Sierra Leone und dem Kongo, genauso wie aus dem Bürgerkriegsland Angola. Drei Jahrzehnte lang wurde in der ehemaligen portugiesischen Kolonie gekämpft. Zunächst um die Unabhängigkeit, dann um Ideologien und fast immer um Bodenschätze. Allein zwischen 1992 und 1998 erzielte die von Jonas Savimbi geführte antikommunistische Unita mit Diamantenverkäufen Gewinne von 3,7 Milliarden Dollar. Finanziert wurden davon Waffen, mehr als 500.000 Menschen starben.

Weltmarktanteil der Blut-Diamanten: 4 Prozent

Mindestens vier (manche vermuten sogar bis zu 15) Prozent der Weltproduktion sind Blut- oder Konflikt-Diamanten mit einem geschätzten Wert von 250 Millionen Dollar. Dubiose Händler, so könnte man meinen, kaufen oder stehlen sie von Schürfern im Busch von Sierra Leone oder in den heißen Flußtälern Angolas und schmuggeln sie zu den zwei bedeutendsten Börsen nach Antwerpen und Tel Aviv. Sie werden geschliffen, meist in Indien, Thailand oder auf Mauritius, und schließlich als Ein- oder Mehrkaräter in die Vereinigten Staaten transportiert, wo bis zu zwei Drittel der Diamanten-Jahresproduktion auf den Markt kommen. 1998 waren dies 33 Millionen Schmuckstücke im Wert von 22 Milliarden Dollar.

Doch so verschlungen und weltumspannend die Wege eines Steins oftmals sind, früher oder später gelangten sie doch in den Machtbereich eines Konzerns: De Beers. Viele Jahre lang kaufte der südafrikanische Marktführer den größten Teil aller Rohdiamanten einfach auf, darunter auch die Ware aus den afrikanischen Kriegsgebieten. Damit verfolgte das beinahe 115 Jahre alte Unternehmen eine gezielte Strategie. Denn unglücklicherweise sind Diamanten genau das, womit De Beers auch wirbt: unvergänglich. Neuer Bedarf entsteht nur, wenn neue Käufer gewonnen werden können. Zudem sind die edlen Steine gar nicht so wertvoll, wie die Diamanten-Industrie gerne glauben machen möchte, da sie beinahe schon zur Massenware zählen. Um die Preise in die Höhe zu treiben, gründete DeBeers die Zentrale Verkaufsorganisation in London (CSO). Dort häuften sich zuletzt Steine für mehrere Milliarden Dollar.

NGO's klagen an

Als sich 1996 die drei Jahre zuvor in England gegründete Organisation "Global Witness" erstmals mit den Vorgängen in Angola beschäftigte und wenig später eine Kampagne gegen Blut-Diamanten startete, beachtete DeBeers die Vorgänge zunächst nicht. Doch als zwei Jahre später Fotos von handamputierten Kindern aus Sierra Leone auftauchten, als Politiker in Amerika und in Kanada sich für die Sache zu interessieren begannen und Analysten rieten, De-Beers-Aktien zu verkaufen, geriet eine ganze Branche in Aufruhr. Noch im Geschäftsbericht 1996 heißt es: "Die Einkäufe 1996 erreichten Rekordhöhen, was weitestgehend auf die zunehmende angolanische Produktion zurückzuführen ist." Heute bestreitet DeBeers, jemals Blut-Diamanten aus Angola im Besitz gehabt zu haben. Er könne das definitiv ausschließen, sagt Unternehmenssprecher Andrew Bone. "Wir kennen jeweils die Quelle unserer Steine." Dem widerspricht Alex Yeastley von "Global Witness" vehement: "Das ist eine komplette Lüge." Nachweislich hätte De Beers bis 1998 bis zu 90 Prozent aller Blut-Diamanten erworben und Geschäfte mit der Unita gemacht. Allerdings berufe sich das Haus neuerdings auf eine vier Jahre alte UN-Resolution, in der ein Handelsembargo gegen Angola verhängt worden war. "De Beers tut so, als existierten Blut-Diamanten offiziell erst seit dieser Resolution", berichtet Yeastley.

De Beers wurde Angola zu heiß

Das südafrikanische Traditionsunternehmen zog sich 1998 aus Angola zurück. Zudem warf es den anrüchigen Ballast über Bord und verkaufte Lagerbestände an Diamanten im Wert von 3,5 Milliarden Dollar. Die Nachfrage wurde nach oben getrieben: mit einem teuren Werbefeldzug, der den Millenniumswechsel als passende Gelegenheit pries, sich eine unvergängliche Wertanlage anzuschaffen. Befreit von den Altlasten und mit dem Versprechen, nur noch "saubere Ware" anzubieten, setzte sich De Beers vor zwei Jahren an die Spitze einer Koalition, die dem Handel von Blut-Diamanten den Garaus machen will. Ergebnis war ein Prozeß, der in genau der südafrikanischen Stadt gestartet wurde, in der Cecil Rhodes die De Beers Consolidated Mines Ltd. gegründet hatte: in Kimberley.

Zwei Jahre lang dauerten die Gespräche, beteiligt waren sowohl die Diamanten exportierenden wie die importierenden Länder, die Industrie, die Vereinten Nationen und auch eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen. Beim jüngsten 30. "World Diamond Congress" in London versicherten Händler und Produzenten noch einmal, künftig nur noch "legal geschürfte Rohdiamanten", die über ein Herkunftszertifikat verfügen, auf den Markt zu bringen. Eventuelle "schwarze Schafe" werde die Industrie brandmarken und vom Handel ausschließen, sagt Dieter Hahn, der seit acht Jahren Mitglied im Vorstand des Weltverbands der Diamanten-Börsen ist. "Ich bin sicher, daß der Anteil der Konflikt-Diamanten auf null Komma irgendwas sinken wird."

Jetzt droht Verschleierung

Anne Jung von "medico international" ist nicht so zuversichtlich: Wie einfach es sei, die Herkunft von Rohdiamanten zu verschleiern, habe schon das UN-Embargo gegen Angola gezeigt. "Die Steine wurden einfach in andere Länder geschmuggelt und bekamen dort ihr Herkunftszertifikat." Nach Sambia zum Beispiel. "Problemlos konnten diese Rohdiamanten in Antwerpen verkauft werden, obwohl jeder halbwegs fachkundige Händler und Schleifer weiß, daß es in Sambia gar keine Diamanten gibt." Auch werden in einigen afrikanischen Staaten die Steine mittlerweile einfach vorgeschliffen, womit sie schlichtweg nicht mehr unter den "Kimberley-Process" fallen.

Die Nichtregierungsorganisationen kritisieren darüber hinaus, daß die an den Verhandlungen beteiligten Länder sich nicht auf einheitliche Herkunftszertifikate einigen konnten, was für den Zoll die Arbeit nicht eben vereinfacht. Zudem muß das in zwei Jahren Erreichte und in einer Verordnung Niedergeschriebene nicht ratifiziert werden. Und was Händler und Produzenten angeht, spricht Anne Jung von "Lippenbekenntnissen": Bisher habe die Industrie noch kein "schwarzes Schaf" an den Pranger gestellt, obwohl es einige davon gebe.

Nichts läßt sich leichter über Grenzen hinweg schmuggeln als Diamanten. Der Wert einer Handvoll dieser Steine läßt sich mit Tonnen von Waffen, Tankern voll Öl oder Dutzenden Koffern mit Geld aufwiegen. Das scheint auch Usama Bin Ladin erkannt zu haben: Vor dem 11.September 2001 soll das Terrornetz Al Quaida Rohdiamanten im Wert von 20 Millionen Dollar in Sierra Leone gekauft und mit Linienmaschinen der belgischen Sabena nach Antwerpen geschmuggelt haben. Alex Yeastley zweifelt nicht daran, daß sich dafür auch nach dem 1. Januar 2003 Händler oder Schleifer finden lassen. "Eine erschreckende Vorstellung, wenn man davon ausgeht, daß die Anschläge in den Vereinigten Staaten nur rund 500.000 Dollar gekostet haben sollen."

Aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. November 2002, Nr. 44, S. 53

Quelle: @FAS
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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