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Hintergrund Die Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek und ihre Geschichte

03.09.2004 ·  Einst hatte Goethe höchtspersönlich hier die Oberaufsicht inne: ein Überblick über die mehr als dreihundert Jahre währende Geschichte der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek.

Von Alexander Honold
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Der altehrwürdige Name der Anna-Amalia-Bibliothek entstammt dem Allerneuesten, denn erst seit Nachwendezeiten trägt das Bücherschloß im Zentrum Weimars den Namen seiner wichtigsten Patriotin. Die längste Zeit firmierte die Sammlung unter der spröden Bezeichnung einer Herzoglichen, nach den Gebietsreformen des neunzehnten Jahrhunderts dann Großherzoglichen Bibliothek.

Seit 1885 steht sie in nachbarschaftlicher Konkurrenz zum Goethe- und Schiller-Archiv. Als Thüringische Landesbibliothek ging sie aus dem Ersten, auch aus dem Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet hervor, bis sie in den siebziger Jahren ihre Selbständigkeit verlor und mit anderen Sammlungen zur Zentralbibliothek der deutschen Klassik vereinigt wurde.

Die Wechselfälle einer mehr als dreihundertjährigen Bibliotheksgeschichte dokumentiert ein reich bebilderter Band der Stiftung Weimarer Klassik, den man zu den bemerkenswerten Hervorbringungen des "Kulturstadt"-Jahres zählen darf. Aus detailgespickten Epochendarstellungen und thematischen Exkursen formiert sich eine Institutionsgeschichte im doppelten Sinne.

Glückliche „Erwerbungspolitik“

Wie keine zweite Einrichtung repräsentierte die Herzogliche Bibliothek im Profil und Zuwachs ihrer Bestände die zu Zeiten überaus glückliche "Erwerbungspolitik" des mitteldeutschen Kleinstaates Sachsen-Weimar. Da die Bibliothek Bau- und Ideengeschichte, politische und künstlerische Impulse bündelt, erfordert ihre Historie Querschnitte durch die Weimarer Kultur, die der Band, trotz der etwas bürokratisch gehaltenen Tonlage manches Beitrags, durchaus zu bieten hat.

Hinter der verwaltungstechnisch gefaßten Einheit des Gegenstandes verbirgt sich ein "archäologisches" Problem: Wann und wie beginnt eine Büchersammlung, "Bibliothek" zu sein? Die Anfänge sind so unspektakulär, daß spätere Chronisten bei der Angabe eines Gründungsdatums in Verlegenheit geraten sollten.

Seit 1650 ein festangestellter Bibliothekar

Um 1630 zählt ein erstes Inventar der Büchersammlung von Herzog Wilhelm dem Vierten ganze 87 Bände, zwanzig Jahre später schien bereits ein festangestellter Bibliothekar vonnöten. Im Jahre 1691 wurde die "mit Büchern jeder Art ausgestattete" fürstliche Kammerbibliothek im Residenzschloß, der barocken Wilhelmsburg, der Öffentlichkeit zugänglich. Dieser Schritt brachte sie der Conditio sine qua non einer Bibliothek schon näher, die weder im Namen noch im eigenen Gebäude liegt, sondern in einer gestrengen Benutzerordnung.

Zur selbständigen Einrichtung avancierte die Herzogliche Bibliothek mit dem Aufschwung des Weimarer Musenhofes. Die Berufung Wielands zum Prinzenerzieher 1772 durch Herzogin Anna Amalia bildete den Auftakt der Ansiedlung künstlerischer und intellektueller Geister zu einer beispiellosen Verdichtungszone kultureller Produktivität.

Umsiedlung ins Grüne Schloß

Voraus ging ihr bereits in den sechziger Jahren die Umsiedlung der Bibliothek in das dafür umgebaute Grüne Schloß gegenüber dem Stadtschloß. In diesem hohen, schmalen Gebäude ist sie noch heute untergebracht. Anna Amalia hatte bei der geplanten Vergrößerung der Bibliothek das ihr vertraute Wolfenbüttel vor Augen. Die mit dem Umbau beauftragten Baumeister Georg Schmid und Friedrich Straßburger orientierten sich an der Saalform der spätbarocken Klosterbibliotheken und vor allem des protestantischen Kirchenbaus, etwa der von Schmid mitgestalteten Dresdener Frauenkirche.

Um die einheitliche Aufstellung in einer zentralen Bücherhalle zu ermöglichen, wurden die Geschosse des kleinen Renaissanceschlosses durchbrochen und oben zwei Galerieetagen angelegt. Die Einfassung durch hölzerne Pilaster markierte trotz des rechteckigen Grundrisses eine elliptische Innenform, deren Spannung durch die ebenfalls mit Büchern bestückten Gewölbebögen noch intensiviert wurde. Mit dem Durchblick auf die Regale in den Emporenrundgängen ergab sich in diesem Rokokosaal der "Effekt einer aus Büchern gebauten Halle", deren vertikale Großzügigkeit nicht weltliche noch geistliche Macht verherrlichte, sondern auf die raumgewordene Ordnung des Bestandes gerichtet war: "Wissen und Literatur legitimierten sich selbst."

Ausdruck einer Übergangszeit

Damit ist ein Prinzip der Bibliothek beschrieben, wie es nur in der für den Bildungsbegriff entscheidenden Sattelzeit am Ende des achtzehnten Jahrhunderts Gestalt gewinnen konnte. Die "Anna Amalia" ist, wie andere Hofbibliotheken, Produkt und Ausdruck einer Übergangszeit. Von ihren Wurzeln im Zeitalter der fürstlichen Kunstkammern her blieb ihr der bald unzeitgemäße Anspruch, die Welt des Wissens mit einem Blick zu erfassen. Auch waren, wie einst im barocken Raritätenkabinett, die Funktionen des Museums und des Archivs von jenen der Bibliothek noch weithin ungetrennt.

Anders als die großen Universitäts- und Staatsbibliotheken, welche die Vermehrung des positiven Wissens mittrugen und beförderten, konnte die Weimarer Einrichtung der zunehmenden Professionalisierung nur unzureichend nachkommen. Zwar wies Goethe, der seit 1797 zusammen mit Christian Gottlob Voigt die Oberaufsicht über die Bibliothek innehatte, darauf hin, "daß Bewahren und Benutzen zweierlei Dinge sind"; und genauer als zuvor wurde nun auf Mahnungen und Regreßpflichten geachtet.

Ein andächtiger Ort der Kunst

Gleichwohl blieb die Gebrauchsbibliothek ein andächtiger Hort der Kunst. Berühmt sind die Marmorbüsten Gottlieb Martin Klauers, denen bis heute das innere Oval des Saales vorbehalten ist. Die aufgestellten Porträtplastiken der Mitglieder des Herrscherhauses, aber auch der Protagonisten des geistlichen Lebens gruppierten sich zu einer Ehrengalerie, die den Reihen der stummen Buchrücken ihre raison d'être vor Augen führte. Werke und Menschen, in zeitloser Materie bewahrt, huldigten symbolisch der Idee lebendiger Individualität. Daß Goethe diesen Ort wählte, um sein fünfzigstes Jubiläum in Weimarer Diensten zu feiern, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Ähnlich der 1807 begonnenen Walhalla Ludwigs des Ersten, in der die gleichen Bildhauer vertreten waren, bevölkern frühe Vorboten des kommenden Historismus die Weimarer Porträtgalerie. Nach einem Vorschlag Riemers sollten in den Podesten der Büsten Goethes, Herders, Schillers und Wielands "kleine Archive" eingerichtet werden. Im Sockel von Danneckers Schillerbüste brachte man den exhumierten vermeintlichen Schädel des Porträtierten unter. Die Bibliothek wurde zum Denkmal ihrer selbst, Beinhaus eines verwehten Geistes.

Im Widerschein der revolutionären Umtriebe von 1848/49 bekundet die weihevolle Goethefeier zum hundertsten Geburtstag Züge von Rückwärtsgewandtheit. Bei aller Anteilnahme, die Großherzogin Maria Pawlowna an den Akquisitionen nahm, konnte der Bestand in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts "nicht mehr adäquat ausgeweitet werden". Die literarischen Gesellschaften bildeten nun die wichtigste Verbindung zum öffentlichen Leben. In den Glanzzeiten waren die Porträtierten noch selbst unter ihren Büsten einherspaziert, als einfache Benutzer.

"Herzogin Anna Amalia Bibliothek - Kulturgeschichte einer Sammlung". Herausgegeben von Michael Knoche. Stiftung Weimarer Klassik bei Hanser. Carl Hanser Verlag, München 1999. 262 S., zahlreiche Abbildungen, br., 38,- DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.1999, Nr. 146 / Seite 50
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