06.02.2011 · Der ewige Selbstbezug des modernen Menschen
Der Soziologe Friedrich Pohlmann widerspricht im "Merkur" dem schlechten Ruf der Einsamkeit. Natürlich gebe es den "leidvoll-negativen Selbstbezug" der Depression, doch das "geschärfte Selbstverhältnis" der auf sich Gestellten kann auch beglücken und als "Weitung des Selbst" erfahren werden: "nicht umsonst bezeichnete die Verbindung von ,Einsamkeit und Freiheit' die Leitmaxime der alten deutschen Univeristät". Pohlmann erinnert an das Einsamkeitsethos der römischen Stoa und der christlichen Anachoreten, weist auf die rauschhafte Anverwandlung von Natur und Ich in der Romantik hin und ruft die Klöster als "artifizielle Einsamkeitsorte" ins Gedächtnis, die mit dem "Charisma der Gottesnähe" belohnten. In seinem Traktat "De vita solitaria" lobte Petrarca "als frühester Repräsentant eines elitären Individualitätsideals" an der Einsamkeit die kreative, werkschöpfende Ruhe, und Montaigne konstatierte: "Unsere Seele vermag ihre Bahn um die eigene Mitte zu ziehn; sie kann sich selbst Gesellschaft leisten, sie hat genug anzugreifen und zu verteidigen, genug sich zu geben und von sich zu empfangen."
Doch gerade dieses im Bild eines um seine Zentralsonne kreisenden Planeten gefasste Duell beschreibt auch die depressiven und paranoiden Zustände: "Der innere Widerpart erscheint als ein fremd-feindliches Anderes, das ein fragiles Ich mit Zukunftsängsten, Schamgefühlen, Selbstzweifeln verletzt und zersetzt." Dass Einsamkeit in gegenwärtigen Zeiten mit Vorliebe im Extremsport gesucht wird, mag mit den somatischen Zuständen der restlosen Verausgabung zu tun haben. Den Grund für die Flucht aus dem Einsamkeitsmonolog sieht Pohlmann in der Zunahme "sozial isolierender Misserfolgserfahrungen oder -ängste", die zu Deutungsteufelskreisen führen, aus denen kein "produktives inneres Zwiegespräch" mehr herausführt. Zeiten "nackter materieller Not" waren mit dem Rückgang der Depressionszahlen verbunden. Nach ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überwindung ist die "Melange von diffuser Langeweile und unspezifischem Stress zur atmosphärischen Grundströmung des Lebensgefühls in den Massendemokratien der westlichen Moderne" geworden.
Der Ethnologe Karl-Heinz Kohl sekundiert Pohlmanns These, insofern er in "Gegenworte" die körperlich oft grausamen Initiationsriten des australischen Aranda-Totemclans als gesellschaftliche Integrationsmaßnahmen vorstellt. Jede Verletzung weihte den Neophyten schrittweise weiter in die Clangeheimnisse ein. Das Wissen ihrer Kultur wurde "gewissermaßen auf den Leib geschrieben". Als Mittel zur Bewältigung von Ängsten ist das Ritual für den Ethnologen auch heute noch virulent, besonders wenn es "um den Zugang zu gesellschaftlich relevanten Wissensbeständen und die Positionen geht, die deren Kontrolle ermöglichen". In der Politik führt Kohl nicht nur den Usus demokratischer Gremien an, "bei Stimmgleichheit auf das archaische Divinationsritual des Loseziehens" zurückzugreifen, sondern weist auch auf die Gepflogenheiten Joschka Fischers hin, der "zu seiner ersten Vereidigung als Landtagsabgeordneter in Turnschuhen erschien", aber am Ende seiner Karriere "den dunklen Anzug mit Weste und Krawatte" nur noch ablegte, wenn er vor "Mitgliederversammlungen seiner eigenen Partei sprach" - und der "ostentativen Formlosigkeit" damit rituelle Qualitäten attestierte. Doch auch in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften spürt Kohl noch Mysterien auf. Die Herkunft der mit weißen und schwarzen Kugeln durchgeführten Ballotage verfolgt er über die Freimaurerei bis zur athenischen Volksversammlung und den "Metamophosen" Ovids zurück, wo Weiß Leben und Schwarz das Todesurteil implizierte.
Dass es auch bei akademischen Initiationen noch um Übergangsrituale und den symbolischen Tod geht, belegt Kohl mit der "Schwellenphase", die jeder in die Akademie Gewählte zu durchleiden hat. Sie kann bis zu einem Jahr dauern und ist "für den Neuling wenig transparent". Verstößt er in dieser Zeit gegen die ihm noch nicht geläufigen "Regeln dieses Zustands", so kann ihm das bei der endgültigen Aufnahme vom Zeremonienmeister "der rituellen Backpfeife bei der Priesterweihe vergleichbar - öffentlich angemerkt werden".
Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner beschäftigt sich in "Sinn und Form" mit Stefan Zweigs biographischem Erzählen. Bei den vielen historischen Gestalten im Zentrum seiner Bücher interessierte ihn "das Erkennen des Typus" und "die Kraft der Persönlichkeit, durch die der einzelne der Massenhaftigkeit des gesellschaftlichen Lebens samt ihrer Tendenz zum Anonymen entgegentritt". An Balzac faszinierte Zweig, dass er "Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris zum Zentrum" machte. Die absolutistische Weltordnung entspricht, wie Görner anmerkt, Zweigs Verfahren, "nur dass sein Mittelpunkt nicht die großen Städte, sondern die großen Europäer waren". Auch Schiller war der Weiterverwendung des astronomischen Modells vom Kern, um den sich alles mechanisch dreht, nicht abhold, wie sich dem posthumen Fragment "Die Polizey" entnehmen lässt. Joachim Kalka berichtet davon im Zusammenhang mit einem "Sinn und Form"-Beitrag zur Mythologie der geheimen Gesellschaften. In Schillers Fragment wird das ungeheure "Räderwerk einer Gesellschaftsmaschinerie", als das er Paris imaginiert, "noch überboten durch die Kontrollmaschinerie der Polizei", die bei ihm als "Requisite einer streng aufklärerischen und ordentlichen Machtagentur" des "überlegenen Staates" fungiert. Für Kalka gehört Schillers positive Besetzung der Polizei zu den "Geburtswehen einer bürgerlichen Gesellschaft inmitten einer hartnäckig fortexistierenden höfischen Welt". Gegen deren Parteiintrigen setzt er "den Traum von einer unauffälligen, aber universellen Kontrolle".
Und doch hat dieses vielfach gewendete Ideal des Zentralorgans, in dem sich alles Wissen konzentriert, auf individueller Ebene eher zu Neurosen als zum in sich ruhenden Selbstbezug à la Montaigne geführt. Als glückverheißend schätzt der Slavist Aage A. Hansen-Löwe eher ein anderes Modell ein, das sein Tolstoi-Essay in "Akzente" erörtert. Hier geht es nicht mehr um den ewigen Selbstbezug des modernen Ich, sondern um den Moment des intuitiven Einsseins, der sich nicht zufällig, wie Pohlmann sagen würde, auf dem Schlachtfeld einstellt. In "Krieg und Frieden" stößt Napoleon auf den schwer verletzten Fürst Andrej und nennt den Sterbenden "eine schöne Leiche". Im Leben war der französische Feldherr das Ichideal des Fürsten, um das seine Gedanken kreisten, doch nun, in den letzten Zügen, ist er ihm "ein so kleiner, nichtiger Mensch im Vergleich zu dem, was jetzt zwischen seiner Seele und diesem hohen, unendlichen Himmel mit den über ihn dahineilenden Wolken vor sich ging". Das befreiende, "totale" Erzählen des eigenen Lebens konstituiert sich bei Tolstoi erst "über die Schwelle des Thanatos". Man könnte auch sagen, indem der Held die kopernikanische Wende zum Zentralgestirn hintergeht und wie zum ersten Mal in den antiken Himmel schaut. INGEBORG HARMS