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Hilma af Klint : Die Thronstürmerin

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Bild: Dummy

Bisher hieß es, Wassily Kandinsky habe 1911 das erste abstrakte Bild gemalt. Tatsächlich fand Hilma af Klint bereits fünf Jahre zuvor zur Abstraktion. Die Kunstgeschichte muss neu geschrieben werden.

          Im Moderna Museet in Stockholm steht eine Holzkiste mit Eisenbeschlägen, deren Inhalt die Kunstgeschichtsschreibung in spätestens zwei Jahren aus dem Ruder bringen wird. Für die einen wird die Kiste damit zu einer Büchse der Pandora, aus der das Übel hervorstieg, das eine der großen Heldensagen der Moderne zu Fall brachte. Für die anderen wird sie eine ungeheuerliche Schatzkiste sein, aus der eine der spektakulärsten Entdeckungen der letzten hundert Jahre hervorgezaubert wurde.

          Nüchtern betrachtet, lagern in der Kiste die Vorarbeiten zu einer Serie abstrakter Bilder. Aufhorchen lassen die Daten dieser Skizzen: „1898“ steht dort auf einem Blatt in einer gepflegten Damenhandschrift des neunzehnten Jahrhunderts - oder auch „1906“ und „1909“. Die Skizzen, Notizen und Tagebücher sind Teil eines riesigen Nachlasses, der mehr als hundert Tagebücher umfasst und tausend Gemälde. Kiste für Kiste werden sie gerade ans Moderna Museet gebracht, Schwedens Nationalmuseum für moderne Kunst, um im Jahr 2013 in einer umfassenden Ausstellung gezeigt zu werden. Diese Ausstellung wird Hilma af Klint als Urheberin des ersten abstrakten Bildes der Moderne auf den Plan der Kunstgeschichte bringen.

          Die Maschine Kunstgeschichte

          Hilma wer? Mit Recht kann man sich nun fragen, warum man von dieser doch so sagenhaften Frau noch nie etwas gehört hat. Die Kurzfassung ihrer Biographie lautet so: Hilma af Klint wurde 1862 in Schweden geboren und starb dort 1944. Sie gehörte zu den ersten Malerinnen, die an der Königlichen Akademie von Stockholm studierten, nachdem die Institution von 1864 an auch Frauen den Zutritt gewährt hatte. Klint erhielt ihre Ausbildung zwischen 1882 und 1887. Im November 1906 malte sie die erste Serie kleinformatiger abstrakter Bilder. Bereits 1907 wechselte sie zu Großformaten in Dimensionen, zu denen sich im etwa gleichen Zeitraum allerhöchstens Henri Matisse in Auftragsarbeiten wie „La Danse“ aufschwang. In der Stille ihres Ateliers wuchsen die Leinwände auf mehr als drei Meter in der Höhe und satte zweieinhalb Meter in der Breite an. Die schiere Größe macht es natürlich noch merkwürdiger, dass wir davon erst jetzt erfahren. Wurden die Werke etwa versteckt? Verbuddelt? Und jetzt erst gefunden?

          „Solche Projekte müssen wachsen“, sagt Iris Müller-Westermann, die am Moderna Museet das Ausstellungsprojekt zu Hilma af Klint leitet. Sie meint damit, dass die meisten nicht wissen, wie Kunstgeschichte geschrieben wird. Die Kunstgeschichte können wir uns nämlich als eine gewaltige Maschine vorstellen, und wer sie nicht zu bedienen weiß, nicht die Knöpfe und Hebel kennt, den schleudert sie aus dem Sitz direkt in den Graben. In einem solchen Graben befand sich Hilma af Klint. Für die professionelle Bedienung dieser Maschine aber ist Wassily Kandinsky das beste Beispiel - auch wenn ihn Hilma af Klint spätestens 2013 vom Thron stoßen wird.

          Kandinskys Forschheit

          Bisher ist es Kandinsky, der als Urheber des ersten abstrakten Bildes gilt. Praktischerweise erklärte sich Kandinsky selbst dazu und verteidigte dieses Primat nachdrücklich, als die Abstraktion mit Kasimir Malewitsch in Russland, Robert Delaunay in Paris oder Piet Mondrian in Holland zu einer internationalen Bewegung wurde. 1919 schrieb er in einer Lexikonnotiz über sich selbst: „Kandinsky Wassily - Maler, Grafiker, Schriftsteller -, der erste Maler, der die Malerei auf den Boden der rein-malerischen Ausdrucksmittel stellte und das Gegenständliche im Bilde strich. 1911 malter er sein erstes abstraktes Bild.“

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