25.02.2003 · Eine ungeheure Frau: Mit der CD „A Woman And A Half“ bereitet der Jazz-Trompeter Till Brönner der vor einem Jahr verstorbenen Hildegard Knef noch einmal eine große Bühne.
Von Jörg ThomannDaß eine jüngere Generation sie entdeckt hat, ist Hildegard Knef noch zu Lebzeiten widerfahren. Die Gruppe Extrabreit brachte sie mit einer Neuaufnahme von „Für mich soll's rote Rosen regnen“ noch einmal in die Charts, und mit dem Trompeter Till Brönner arrangierte ein Jungstar des Jazz für sie das Album „Siebzehn Millimeter“.
Am 1. Februar vergangenen Jahres ist Hildegard Knef gestorben. Zu ihren ersten Todestag hat Brönner noch eine weitere Knef-Platte herausgebracht, die Einblicke gibt in das künstlerische Schaffen, aber auch in die Persönlichkeit der Sängerin, Schauspielerin und Schriftstellerin. „A Woman And A Half“ beruht auf einem gleichnamigen Dokumentarfilm, der im Januar gesendet wurde und die letzten Interviews der Knef zeigte. Die CD, die nun folgt, vereint alte und neuere Lieder mit Zitaten aus den Interviews.
Große Bühne
Mit viel Liebe hat sich Till Brönner bemüht, Hildegard Knef noch einmal eine große Bühne zu bereiten. Die CD beginnt mit sanftem Klavierspiel und den Stimmen von Zeitzeugen, die der Knef ihre Bewunderung ausdrücken, ihr Talent, aber auch ihren Mut und ihre Lebenskraft preisen; leider bleiben die Männer auf der CD und auch im Booklet anonym, so daß den Zuhörer das Gefühl beschleicht, einem Dokumentarfilm ohne Bilder beizuwohnen. „Sie war eine ungeheure Frau, es konnte mehr auf einen zukommen, als man wollte“, sagt einer und erklärt damit den Titel von CD und Film.
Das durch die Lobpreisungen aufgebaute Pathos des Beginns wird abrupt zum Einsturz gebracht - durch Hildegard Knef. „Das Glück kennt nur Minuten“, singt sie mit ihrer rauchig-spröden, leicht spöttisch klingenden Stimme, welcher schon in jungen Jahren die Naivität fehlte, die fürs Intonieren banaler Schlager nötig ist. Das geeignete musikalische Parkett für die Knef war der Jazz, dessen dunkle Balladen ihrer Stimme Gelegenheit boten, am Oberflächenglanz des Schönen zu kratzen. Auf „A Woman And A Half“ finden sich heitere, verspielte Arrangements, über die sich der Gesang der Knef legt wie ein düsterer Schatten.
Nur Spaß
„Es war viel Spaß, doch es war nur das - und nicht mehr“, singt sie in einer der wie für sie maßgeschneiderten Cole-Porter-Nummern. Mit Sentimentalitäten hatte diese Frau nichts am Hut, hart und (selbst)mitleidlos besingt sie die Einsamkeit in „Mein Zimmer bei Nacht“. Stets hört man aus ihrem Timbre das Mißtrauen gegenüber großen Gefühlen heraus, doch vermag sie auch mit sanften, zärtlich gehauchten Liebeserklärungen zu überraschen. Das berühmt gewordene Wort von der „Sängerin ohne Stimme“ wird durch die Lieder auf „A Woman and A Half“ eindrucksvoll widerlegt.
Rundum gelungen ist das Album gleichwohl nicht. Der Song „Ich war nie in Las Vegas“ etwa ist mit nervtötenden Beats unterlegt und wirkt als Ode an ein Berlin voller Baukräne schon ziemlich angestaubt. Die Interview-Schnipsel scheinen mitunter willkürlich zusammengestellt und gehen manchmal über reines Name-Dropping nicht hinaus; auch gerät ihre musikalische Untermalung durch Brönners Trompete und das Klavierspiel Frank Chasteniers ab und an zu aufdringlich. Geradezu ärgerlich ist es, wenn die Knef vom „gigantischen Erfolg“ von „Für mich soll's rote Rosen regnen“ erzählt, das Lied aber nur kurz angespielt wird.
Das Verdienst Till Brönners, die unvergängliche Aktualität der Knefschen Werke erkannt und ihre Lieder einem jüngeren Publikum zugeführt zu haben, soll damit nicht geschmälert sein. „Daß es gut war, wie es war, das weiß man hinterher; daß es schlecht ist, wie es ist, das weiß man gleich“, singt Knef im mitreißenden Lied „17 Millimeter“. Wer nicht gewußt hat, wie gut Hildegard Knef war, der wird schon nach wenigen Tönen von „A Woman And A Half“ klüger sein.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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