http://www.faz.net/-gqz-8jfsw

Hightech-Nacht in Istanbul : Getwitterter Putsch

  • -Aktualisiert am

Erdogan spricht über Facetime auf CNN Türk Bild: Reuters

So geht Revolution heute: Wir wurden von Twitter informiert, die Politiker waren über Facetime im Fernsehen zu sehen, und die Soldaten, die den Putsch unterstützen, kommunizierten über Whatsapp.

          Die Wetter-, ich meine, die Zukunftsvorhersage: heute minus ein Jahrhundert.

          In einem Lied und Gedicht heißt es, „the revolution will not be televised“. Es war keine Revolution, die wir erlebt haben, doch jener Satz umgedreht: Ein Militärputsch wurde getwittert.

          Es war eine ruhige Freitagnacht. Alles schien normal, sogar der Stau auf der Bosporus-Brücke war so schlimm wie an jedem anderen Tag. Auf einmal begannen Autofahrer Bilder und Videos von der Brücke auf Twitter zu teilen: Soldaten mit schweren Fahrzeugen blockierten die Brücke. Das Erste, was einem in den Kopf schoss: Es muss sich um eine Terrordrohung auf der Brücke handeln, ähnlich wie am 11. September, die Soldaten sperren nun die Brücke.

          Schutzmaßnahmen gegen den Terror?

          Über Twitter erreichten uns neue Informationen. In den ersten Stunden des türkischen Militärputsches des 21. Jahrhunderts haben es die traditionellen Medien versäumt, ihre Zuschauer zu informieren. Die Informationen erreichten uns über Social Media, ein Umstand, an den wir uns seit den Gezi-Protesten 2013 gewöhnt haben. Damals zeigten die Nachrichtensender eine Pinguin-Dokumentation - während Millionen Menschen auf den Straßen demonstrierten.

          Mittlerweile gingen Dinge vor, die nicht aussahen, als würde es sich hier lediglich um eine Schutzmaßnahme gegen Terror handeln. F-16-Kampfjets flogen über unsere Häuser, das Geräusch von Hubschraubern und Schüssen störte die Stille der Nacht, und wir warteten, dass uns endlich jemand sagen würde, was passiert. Nach einiger Zeit meldete sich der Premierminister Binali Yildirim via Telefon im Fernsehen: „Es handelt sich um einen Putschversuch des Militärs. Wir werden niemals aufgeben. Ich rufe alle Bürger dazu auf, auf die Straßen zu gehen und unsere Demokratie zu verteidigen.“

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Was für ein Moment! Wir schreiben das Jahr 2016 und werden Zeuge eines Militärputsches? Dem Aufruf des Premierministers folgten Tausende Menschen und besetzten in Istanbul und Ankara jene Plätze, an denen sich das Militär stationiert hatte, so wie die Bosporus-Brücke, Zentralen von Mobilfunkanbietern und die öffentliche Fernsehanstalt TRT. Der einflussreichste öffentliche Sender TRT unterbrach sein normales Programm und zeigte eine halbe Stunde lang die Wettervorhersage. Wir hätten wirklich eine Vorhersage gebrauchen können, aber nicht über das Wetter. Was wir brauchten, war eine Zukunftsvorhersage.

          Via Facetime auf CNN Türk

          Gegen Mitternacht war die Wettervorhersage beendet, und eine junge Nachrichtensprecherin von TRT1 erschien auf dem Bildschirm, um die Verkündung des Pro-Putsch-Teils des Militärs zu verlesen. Grob lässt sich die Verkündung folgendermaßen zusammenfassen: Erdogan betrügt sein Land, das Militär ist gegen Korruption und so weiter und so fort. Nach dieser Ankündigung fragte man sich gespannt, was ist eigentlich mit Erdogan? Der war eigentlich auf einer sechstägigen Urlaubsreise in Marmaris, aber dann plötzlich doch via Facetime (!) auf CNN Türk. Er war in Rage. Er beschuldigte die Gülen-Bewegung als Drahtzieher des Coups und rief das Volk auf, die Straßen einzunehmen. Damit änderte sich die Situation. Nun waren es vor allem AKP- und Erdogan-Anhänger, die auf der Straße demonstrierten.

          Und noch etwas Bemerkenswertes passierte. Die Imame begannen in den Moscheen zu beten, was für diese Uhrzeit äußerst ungewöhnlich ist. Nach dem Gebet ermutigten auch sie die Menschen, auf die Straße zu gehen, um die Demokratie zu verteidigen. Und zur selben Zeit verkündeten der offizielle Twitter-Account der türkischen Polizei und die Polizeiautos in den Straßen: „Wir laden euch ein zu demonstrieren.“ Normalerweise schicken sie Wasserwerfer los, werfen Gasbomben und verhaften die Menschen, die demonstrieren.

          Eine Hightech-Nacht

          Wir haben in dieser Nacht kaum Schlaf gefunden. Wir sind aufgewacht in einem Land, das über Nacht ein ganzes Jahrhundert verloren hat. Es war wichtig, die Demokratie zu verteidigen und sich gegen den Putsch zu stellen, was auch immer jene an Zielen verfolgen. Hunderte von Menschen, darunter Polizisten und Soldaten, sind tot oder verhaftet. Es ist 11 Uhr morgens und die Imame fordern uns immer noch auf, Widerstand zu leisten, bis der Putsch vollends gescheitert ist. Was es auch gekostet hat, unsere Demokratie ist zusammengebrochen.

          Übrigens, es war eine richtige Hightech-Nacht. Die Gesellschaft wurde von Twitter informiert, die Politiker waren über Facetime im Fernsehen zu sehen, und die Soldaten, die den Putsch unterstützen, kommunizierten über Whatsapp. Nur eine Sache fehlte . . . Die Toten auf den Straßen waren keine Pokémon-Monster! WTZWTZTZTZTZWZT . . .ERROR!

          Weitere Themen

          Erdogan sucht neue Verbündete Video-Seite öffnen

          Nach Zollerhöhung : Erdogan sucht neue Verbündete

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan antwortet auf die jüngsten Strafmaßnahmen der Vereinigten Staaten mit der Ankündigung, er wolle sich neuen Märkten und Verbündeten zuwenden.

          Topmeldungen

          Deutscher Investitionsstau : Prioritäten nach Genua

          Öffentliche Infrastruktur kostet – dennoch fährt Deutschland weiter auf Verschleiß. Damit sich Genua nicht in Leverkusen oder Wiesbaden wiederholt, muss die Politik endlich handeln. Ein Kommentar.

          So stark wie lange nicht : Die erbarmungslose Rückkehr der Taliban

          Nichts ist gut in Afghanistan: Die Taliban terrorisieren wieder ganze Städte und kontrollieren immer größere Gebiete des vom Terror gezeichneten Landes. Wie konnte es dazu kommen? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechancen könnten Sie interessieren: