http://www.faz.net/-gqz-8wfiy

Eklat an Moskauer Hochschule : Hexenjagd

Mit Dolores Umbridge, der teuflischen Zauberlehrerin Harry Potters, wird die Dozentin Farida Kulmuchametowa im Netz verglichen. Bild: Picture-Alliance

Ein Exempel wollte Farida Kulmuchametowa, Dozentin am Moskauer Konservatorium, statuieren. Die Aufzeichnung der Hetzvorlesung erntet jedoch viel Spott im Netz.

          Den ersten Schlag hat das Moskauer Konservatorium abgewehrt. Seit diesem Semester müssen Studenten an russischen Konservatorien – sowie an anderen künstlerischen Hochschulen, etwa für Theater, Film oder bildende Kunst – einen neuen Pflichtkurs absolvieren, die „Grundlagen der Kulturpolitik des russischen Staates“. Das den Hochschulen vom Kulturministerium aufgezwungene Fach entspricht den sowjetischen Pflichtkursen in Marxismus-Leninismus und Geschichte der KPdSU, es soll den Kunstschaffenden von morgen ihre Verantwortung für den Staat klarmachen. In den meisten Fällen besteht diese „Kulturpolitik“ aus statistischen Vorlesungen etwa über Orchester, Theater und Museen in russischen Regionen.

          Doch die neue Kraft an der Moskauer Musikhochschule, Farida Kulmuchametowa, die am Plechanow-Institut Wirtschaft unterrichtet, wollte ein Exempel statuieren. Kulmuchametowa, eine muttchenhaft gekleidete Dame mit hoher, feiner Stimme, erinnerte die Musiker und Musikwissenschaftler an ihre erbärmlichen Verdienstaussichten, versprach aber, dass sich diese bald deutlich verbessern würden. Um zu veranschaulichen, was dem noch im Weg steht, ließ Kulmuchametowa einen Text über die „fünfte Kolonne“ und „Verräter der Nation“ verlesen, womit sie den Kompositionsstudenten Daniil Piltschen beauftragte. Piltschen las vor, dass die inneren Feinde einen Machtwechsel anstrebten, dass sie Geld aus dem Ausland erhielten, merkte dabei allerdings an, dass die russische Verfassung einen Wechsel der Machthaber durchaus vorsehe und dass auch Russland, etwa durch den Auslandssender „Russia Today“, die öffentliche Meinung in anderen Ländern beeinflusse. Dann folgten die Namen von „Volksfeinden“: der Korruptionsbekämpfer Aleksej Nawalnyj, die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa, der Schriftsteller Dmitri Bykow, der Rockmusiker Andrej Makarewitsch.

          Als Piltschen die Dozentin dann fragte, was der Rockmusiker Schlechtes getan habe, erwiderte sie: „Halt den Mund!“ Als der Musiker sagte, das werde er nicht tun, nannte ihn Kulmuchametowa „debil“ und drohte, ihn aus dem Konservatorium werfen zu lassen. Ein Video von der Vorlesung kursiert im Netz. Eine Nutzerin fühlt sich von Farida Kulmuchametowa an Dolores Umbrigde aus „Harry Potter“ erinnert, jene sadistische, stets adrett zurechtgemachte Zauberschulleiterin mit der zuckersüßen Kindchenstimme. Dolores Umbridge sei allerdings eine fiktive Person, klagt sie, Farida Kulmuchametowa dagegen total real. Das Konservatorium distanzierte sich unterdessen von der Hetzvorlesung und bezeichnete diese als persönliche Initiative der Dozentin, die im übrigen kein Recht habe, einen Studenten zu entfernen. Kulmuchametowa hat inzwischen beim Konservatorium gekündigt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.