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Herta Müller zum Sechzigsten : Literatur und Gewissen

  • -Aktualisiert am

Herta Müller beim Bankett zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises Ende 2009 Bild: dpa

Ihre Sprache drängt ins Körperliche, weil Abstrakta die Angst nicht bändigen können: Die Dichterin und Nobelpreisträgerin fängt die Wörter ein, um sie neu beseelt wieder freizulassen.

          Der weite Weg eines Kindes aus dem Banat, das Kühe hütet im Tal und mit den Blumen redet, bis ins Rathaus von Stockholm, wo die literarische Welt ihr zuhört, hat etwas Märchenhaftes nur insofern, als der Bannspruch der Diktatur unaufhebbar schien. „Ich hatte zehn Jahre Zeit zu üben, wie es sich lebt, wenn der eigene Tod vielleicht schon längst als staatliche Maßnahme auf ein Stück Papier geschrieben ist.“

          Herta Müller hat es nicht nur ausgehalten, mit dieser Art Angst zu leben. Sie hat dem Geheimdienst Securitate auch gezeigt, dass das Rückgrat kein Weichteil, sondern ein Organ des Widerstands ist (was ihr bis heute das Ressentiment jener einträgt, die Freunde bespitzelten und verrieten). Sie hat Verhöre und zahllose Formen der Unterdrückung und der Qual erlebt, von denen ihre Bücher, Aufsätze und Reden eigensinnig Zeugnis ablegen. Für ihr literarisches Werk bekam sie zahlreiche Ehrungen, doch Anerkennung kann nie wiedergutmachen, was sie und mit ihr viele andere unter Ceausescu erlebt haben. Weil und wie diese Autorin darauf beharrt, dass sich manche Geschehnisse eben nicht literarisch verarbeiten, gar sublimieren lassen - das macht ihr Werk und sie selbst als Person so glaubwürdig.

          Das Dazwischen von Mutter- und Landessprache

          Der Alltag in einer kommunistischen Diktatur sei Herta Müllers Thema, heißt es gern. Doch eigentlich handeln ihre Bücher, von dem tongebenden Prosadebüt „Niederungen“ (1982) über die Erzählungen „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ (1986) und dem Roman „Herztier“ (1994) bis zu ihrem Hauptwerk „Atemschaukel“ (2009), von Misstrauen, Einsamkeit und der rettenden Macht, die noch der beiläufigste Satz, der unscheinbarste Ritus im Leben entfalten können. „Ich weiß, du kommst wieder“, von der Großmutter gesprochen, bewahrt den Protagonisten Leopold Auberg in „Atemschaukel“ durch Deportation und Lagertortur.

          Die Angst habe sie zwischen die „Böden der Sprache“ getrieben, hat Herta Müller einmal gesagt. Zunächst waren das die von Mutter- und Landessprache. Im banatschwäbischen Nitzkydorf geboren und aufgewachsen, schrieb sie in einer Sprache, die nicht die Landessprache war, und stammte aus einer Minderheit, mit der sie nichts gemein hatte. Später war es die Kluft zwischen Reden und Schweigen, denn Schweigen kann in einem totalitären Staat ebenso fatale Folgen haben wie das Sprechen. Sprache an sich ist für sie eine Erfahrung von Doppelbödigkeit geblieben: das Bewusstsein, dass Erlebtes und Erzähltes verschiedene Dinge sind und die Worte das Geschehen bestenfalls expressiv nachstellen können wie eine Pantomime, aber in ihrer Künstlichkeit nie mit dem Eigentlichen verwechselt werden dürfen.

          Während einer Podiumsdiskussion in der Frankfurter Nationalbibliothek: Herta Müller.
          Während einer Podiumsdiskussion in der Frankfurter Nationalbibliothek: Herta Müller. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Angst lässt sich nur mit starken Texten bändigen. Bei ihr gibt es keine Beschönigungen, keine Euphemismen, keine Abstrakta, ja bestimmte Worte, die literarisch gern und oft verwendet werden, kommen bei ihr gar nicht erst vor. So spricht Herta Müller in ihren literarischen Texten weder von „Diktatur“ noch von „Heimat“ - wie sie sich überhaupt dagegen sträubt, als Vertreterin irgendeiner Zugehörigkeit vereinnahmt zu werden. Lieber findet sie Wortkombinationen, die der Wirklichkeit so schmerzlich nachempfunden sind, dass sie geradezu körperlich werden: „Hautundknochenzeit“, „Tageslichtvergiftung“ oder jene „Atemschaukel“, die das Ticken der Uhr in Leo Aubergs Elternhaus meint.

          Herta Müllers Instanz ist ihr Gewissen, ihr moralisches und ihr künstlerisches. Auch darum ist sie eine Schriftstellerin der Einzelheiten geworden: „Ich musste immer ein Detail haben, nicht das Ganze. Am Detail kann ich mich festhalten, während mich das Ganze überragt.“ Das kann ein Satz sein oder ein unscheinbarer Gegenstand wie das Taschentuch, das ihr die Mutter jeden Morgen mit auf den Weg gab und das 2009 in ihrer Stockholmer Nobelpreis-Vorlesung zur unvergesslichen Metapher der Menschlichkeit wurde.

          Worte, durch den Reim in die Wildnis katapultiert

          Derart sinnlich-konkret ist nicht nur ihre Prosa. Nachdem sie nach dem Literatur- und Germanistikstudium in Temeswar einst Friseuse werden wollte, bringt Herta Müller heute mit der Schere ihre Gedichte in Fasson (“Im Haarknoten wohnt eine Dame“, 2000). Seit vielen Jahren bilden diese karteikartenkurzen verspielten poetischen Gebilde, bunte Collagen aus Wortschnipseln und Bildelementen, ein lustvolles Gegengewicht in ihrem Werk; zuletzt erschien der Band „Vater telefoniert mit den Fliegen“.

          Im Zusammenhang mit ihrem Drang, Wörter aus Zeitungen und Magazinen auszuschneiden, also auch physisch zu sammeln, hat die Schriftstellerin einmal von der Angst gesprochen, ein bestimmtes Wort nie wieder zu finden: „Manches habe ich zwanzig Mal. Ich will ihm zeigen: Dich lasse ich nicht mehr laufen.“ Doch fängt sie die Wörter ja nur ein, um sie, neu beseelt, wieder freizulassen: „Weil sie schon vorhanden sind, denke ich manchmal, dass ich es gar nicht bin, die schreibt. Das sind sie selbst. Und der Reim katapultiert sie dahin, wo sie sonst nicht hinkämen.“ Denn auch von Freiheit handelt das literarische Werk Herta Müllers. Am Samstag, dem 17. Augst, wird sie sechzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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