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Herta Müller über Liao Yiwu : Diesseitige Wut, jenseitige Zärtlichkeiten

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Seine Sprache wirkt körperlich, weil sie körperlich erlitten ist: Liao Yiwu, geboren 1958, vor wenigen Tagen in Berlin Bild: Barbara Klemm

Nach einer lebensgefährlichen Odyssee: Der chinesische Dissident Liao Yiwu hat sich und seinen Lagerbericht „Für ein Lied und hundert Lieder“ ins Exil gerettet.

          Was für eine gewaltige Bühne, der Paravent der Bergkette als Kulisse – das Theater, das Schreiben und das wirkliche Leben, es war nicht zu trennen, aber warum tat es dann so weh“, schreibt Liao Yiwu in seinem Gefängnisbuch. Und das Schreiben nennt er: „. . . sich verbohren wie eine Fliege mit einem widerlichen Sirren und man muß sich in Acht nehmen vor flachen Händen.“

          „Warum tut es so weh“ und „sich in Acht nehmen vor flachen Händen“ – damit ist in kürzester Form beides genannt: das Gefängnis, das qualvoll im Kopf haust, durchs Schreiben zu zähmen, und die Drohung des Polizeistaats, wegen des Schreibens über seine Gefängniszeit wieder ins Gefängnis zu kommen.

          Liao Yiwu und Herta Müller in Berlin
          Liao Yiwu und Herta Müller in Berlin : Bild: dpa

          Die Umstände der Veröffentlichung von „Für ein Lied und hundert Lieder“ erinnern an das Erscheinen von „Doktor Schiwago“ vor ungefähr fünfzig Jahren. Pasternak wollte unbedingt, dass sein Roman bei Giangiacomo Feltrinelli in Italien erscheint. Es wurde wie im Krimi: Feltrinelli führt die Methode ein, dass nur der ein sicherer Bote ist, der Pasternak die Hälfte eines Geldscheins zeigen kann, dessen andere Hälfte in Feltrinellis Besitz ist. Und Pasternak schickt eine Nachricht auf Zigarettenpapier, dass von ihm nur auf französisch geschriebene Briefe gültig sind. Der Grund: Das ZK der KPdSU versuchte alles, um die Veröffentlichung zu verhindern. Durch sowjetische Delegationen wurde die KP Italiens aufgefordert, bei der Verhinderung des Buches behilflich zu sein. Und Pasternak wurde gezwungen, Briefe zu unterschreiben, in denen er die Veröffentlichung selbst untersagt. Und der Vorsitzende des sowjetischen Schriftstellerverbandes Alexei Surkow tauchte persönlich in Mailand bei Feltrinelli auf und versuchte mit gefälschten Erklärungen Pasternaks die Veröffentlichung zu hintertreiben. Feltrinelli beschreibt ihn als „mit Sirup übergossene Hyäne“. Pasternak blieb konsequent. Er wollte die Veröffentlichung, koste es, was es wolle.

          Auch die chinesische KP wollte Liao Yiwus Buch mit allen Mitteln verhindern. Der Druck auf den Autor wurde enorm. Er musste den chinesischen Behörden versprechen, dass er die Veröffentlichung in Deutschland nicht mehr wolle. Der S. Fischer Verlag wusste jedoch, dass sie sein sehnlichster Wunsch ist. Aber er musste das Erscheinen – sogar halb gegen den Willen des Autors – verschieben, um ihn vor der Verhaftung zu schützen. Auch als Liao schon mitteilte, er bestehe auf die Veröffentlichung, er werde, wenn es sein muss, dafür auch ins Gefängnis gehen. Zum Glück kam es nicht so.

          Chinesische Schmeicheleien

          Im Falle Liao Yiwus wurde die Einmischung Chinas ein Fiasko. Aber in anderen Fällen gelingt sie. Auf einer deutsch-chinesischen Gruppenausstellung sollte eine Serie von zwölf Fotos eines bekannten deutschen Fotografen gezeigt werden. Nach chinesischer Zensur sind davon nur zwei Fotos übriggeblieben. Und die Kuratoren und der deutsche Künstler haben das akzeptiert.

          Zu Pasternaks Zeiten brauchte man für die Verhinderungen Intrigen, Geheimdienstpläne und Delegationen. Heute besorgen ehemalige Manager großer deutscher Unternehmen diese Angelegenheiten. Sie buhen, wenn die Verweigerung eines Visums für Tilman Spengler bei der Ausstellungseröffnung erwähnt wird. Sie sind verblendet von ihren Wirtschaftsbilanzen. Aber chinesische Schmeicheleien verblenden auch Schriftsteller. Juli Zeh erklärte bei einem China-Besuch, sie verstehe vollkommen, dass man, um einen Bürgerkrieg in China zu verhindern, die Daumenschrauben anziehen, potentielle Aufwiegler verfolgen und ins Gefängnis sperren, Presse zensieren, Internetkommunikation einschränken müsse. Und sie fragt, wer würde es denn wagen, sich hinzustellen und zu fordern „Führt Demokratie ein, und zwar sofort“.

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