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Henri Labroustes Bibliothek : Gegen die giftige Atmosphäre im Lesesaal

  • -Aktualisiert am

Kopf-Freiheit: Der Lesesaal der British Museum Library Bild: David Iliff

So großzügig und funktional hatte niemand zuvor gebaut: Henri Labrouste erfand die Lesesaalbibliothek - und hatte fortan mit ihrer Optimierung zu tun.

          Die Bibliothèque royale in Paris (heute die Französische Nationalbibliothek) erhielt im Herzen von Paris am 2. Juni 1868 ein neues Gebäude, errichtet von dem für seine eleganten Eisenkonstruktionen gerühmten Henri Labrouste (1801 bis 1875). Der französische Architekt kann damit als Begründer des modernen Bibliotheksbaus gelten, denn mit der Nationalbibliothek beglaubigte er endgültig seine Baukunst, die siebzehn Jahre zuvor mit der Bibliothèque Sainte-Geneviève gegenüber dem Panthéon eine erste Probe bestand. Bei Labrouste gab es schlanke Säulen und die größten Lesesäle der Welt mit jeweils fast vierhundert Plätzen. So großzügig hatte niemand zuvor gebaut, auch nicht so funktional.

          Labroustes Bibliotheksarchitektur zeigte Wirkung. Der Lesesaal des Britischen Museums, der unter einer gewaltigen Kuppel 1857 eröffnet wurde, bezeugt seinen Einfluss. Architekt Sydney Smirke und Bibliothekar Antonio Panizzi reisten von London nach Paris, um mit eigenen Augen zu sehen, wie die beste Verbindung zwischen Lesesaal und Magazin angelegt sein könne. Bücher sollten in weniger als zehn Minuten von hier nach dort gelangen. Schnelligkeit der Lieferung war eine Leistungsvorgabe auch für die damals größte öffentliche Bibliothek der Vereinigten Staaten, die Boston Public Library. Sie erhielt 1858 ein Gebäude mit ebenfalls enger Zuordnung von Lesesaal (hier waren es zweihundert Plätze) und Magazin.

          Die Leser im Mittelpunkt der baulichen Herausforderungen

          Das Zeitalter der für Menschen grundsätzlich offenen Bibliothek begann mit diesen Bauten in Paris 1851, London 1857 und Boston 1858. So wie man vor Labrouste keine Lesesäle baute, die mit Heizung, Lüftung und künstlichem Licht ausgestattet waren, so errichtete man nach Labrouste keine reinen Bücherspeicher mehr. Es standen fortan die Leser im Mittelpunkt der baulichen Herausforderungen. Die bis heute andauernde Sorge um den Lesesaal hat in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gewissermaßen schlagartig neue Architekturen hervorgebracht. Bibliotheksbauten mit großen Lesesälen präsentierten dabei ähnliche technische Schwierigkeiten wie Museen, Schulen oder Parlamentsgebäude: Man musste den Menschen darin ein angenehmes Klima verschaffen.

          Bei Labrouste gab es schlanke Säulen und riesige Lesesäle.

          Labroustes erster Bau, die Bibliothèque Sainte-Geneviève, hatte bereits Heizung und künstliche Beleuchtung. Mit Labrouste wird der Bibliotheksbau vom Keller her gedacht, dem Verteilzentrum für die Zu- und Abwasserleitungen, die Gasversorgung für die Beleuchtung und vor allem die Heizungsanlage samt Belüftungstechnik. In einer Denkschrift über die Leistungen des Architekten betont sein Sohn Léon Labrouste 1885, man dürfe den Keller nicht vergessen und damit nicht „die Urinale und Toiletten, Waschräume, Lüftung, Heizung und tausend Details, aus denen ein öffentliches Gebäude besteht“. Der Sohn erwähnt nicht, dass der Vater als Architekt auch Fehler machte. So installierte er die Heizung in der Bibliothèque Sainte-Geneviève zu spät, was die Öffnung bereits geschlossener Böden nötig machte. Überdies funktionierte sie nie richtig, wie zahlreiche Berichte bezeugen.

          Ein öffentliches Gebäude muss mit menschlichen Bedürfnissen umgehen können. Dazu die folgende kuriose Geschichte: Ein Professor fragte schriftlich beim Architekten an, warum es eigentlich unterschiedliche Toilettenanlagen in der Bibliothèque royale und der Sainte-Geneviève gebe. Labrouste stellt klar, es existiere im einen Fall ein Urinal im Hof, im anderen ein water closet, das allerdings gegen seinen Willen für die Leser verschlossen worden sei. So zeigen sich die neuen Kompetenzen der Architekten: Haustechnik. In den Vereinigten Staaten, in England und in Deutschland gab es mit den ersten Lesesaalbibliotheken bereits Toiletten für beide Geschlechter. Im Grundriss des Lesesaals für das Britische Museum sind Toiletten für Frauen und Männer deutlich eingezeichnet.

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