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Henning Ritter Böse Tat: „Herr Korbes“

29.11.2005 ·  Ein scheußliches Märchen, aber ein kapitales Stück der Sammlung der Brüder Grimm ist es doch: „Herr Korbes“ ist die genaue Schilderung eines Pogroms gegen ein beliebiges Opfer.

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Ein Lieblingsmärchen im strengen Sinne kann dies nun wirklich nicht genannt werden. Dafür ist es zu scheußlich. Aber ein kapitales Stück der Sammlung der Brüder Grimm ist es doch.

Es beginnt ganz traulich: „Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die wollten zusammen eine Reise machen.“ Ja wohin denn? „Als hinaus“ - Hähnchen und Hühnchen waren wohl Hessen - zum Herrn Korbes, in einem schönen Wagen mit vier roten Rädern und vier Mäuschen davor. Wer wollte da nicht mitfahren?

Und so stiegen denn ein: eine Katze, ein Mühlstein, ein Ei, eine Ente, eine Stecknadel und zuletzt eine Nähnadel. Man verstand sich ohne Worte. Als die kleine Reisegesellschaft im Haus des Herrn Korbes eintraf, der nicht da war, verteilte man sich überall, jeder an seinen Platz. Als Herr Korbes nach Hause kam und Feuer machen wollte, warf ihm die Katze Asche ins Gesicht, als er sich abwaschen wollte, besprühte ihn die Ente mit Wasser, das Ei rollte ihm aus dem Handtuch entgegen, zerbrach und verklebte ihm die Augen, die Stecknadel stach ihn, als er sich auf den Stuhl setzte, die Nähnadel, als er sich aufs Bett warf, und als er vor Schreck das Weite suchte, sprang der Mühlstein vom Türbalken und schlug ihn tot.

„Der Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein“, lautet der unerbittliche Schlußsatz. Kein Märchenschluß für Bettelheim. Nie werden wir erfahren, was es mit dem Herrn Korbes, auch nicht, was es mit dem von keinem Zweifel getrübten Einverständnis der lustigen Reisegesellschaft auf sich hatte, die stumm ihre Mission erfüllt. Während sonst das Märchenhafte dem Verständnis von Märchen aufzuhelfen pflegt, versagt in diesem Fall jede solche Hilfe.

Erst wenn man bemerkt, daß alles nur die Einkleidung oder Verschlüsselung von wirklicher Erfahrung ist, enträtselt sich die Geschichte: Es ist die Schilderung, sagen wir, eines Pogroms, die genaue Abbildung dessen, was ein feindseliges Einverständnis gegen ein beliebiges Opfer anrichtet. Und sogar das gute Gewissen der Täter wird erklärt: Denn jemand, dem solches zustößt, muß ein böser Mensch sein.

Quelle: F.A.Z., 30.11.2005, Nr. 279 / Seite 35
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