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Helmut Schmidt mit Fritz Stern Fangen Sie an, Fritz!

02.03.2010 ·  Altkanzler Helmut Schmidt und der amerikanische Historiker Fritz Stern als wunderbare Gesprächspartner: Ihr gemeinsames Buch „Unser Jahrhundert“ ist ein Plädoyer für mehr Geschichtsbewusstsein - und wendet sich explizit an die folgenden Generationen.

Von Julia Encke
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Für einen kurzen Moment hatte man, als am vergangenen Donnerstag der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und sein langjähriger Freund, der Historiker Fritz Stern, im Berliner Haus der Kulturen der Welt auftraten, um ihr gemeinsames Buch vorzustellen, den Eindruck, man säße im Theater. Denn wie Helmut Schmidt dort in seinem Rollstuhl kauerte, mit vollem Haar, den Stock vor sich; wie er am Beistelltisch mit einer Tasse Kaffee und den Reyno-Mentholzigaretten hantierte, schließlich das Hörgerät aus dem Ohr nahm, um einen großen schwarzen Kopfhörer aufzusetzen, den er während der ganzen Diskussion aufbehielt und der ihm die Wortbeiträge seines Gesprächspartners übertrug - das hatte, als stummes Spektakel scheinbarer Abgewandtheit, etwas so Theaterhaftes, als wäre man in einem Stück namens „About Schmidt“, in dem der Bundeskanzler a. D. sich selber spielte. Es fehlte eigentlich nur noch der Schnupftabak.

In der Kürze liegt die Würze

„Helmut, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Fritz Stern?“, fragte ihn der Moderator des Abends, Matthias Naß, der auf der Bühne das Hamburger Sie pflegte. „Nee, kann ich nicht“, antwortete Schmidt, machte seinem Hang zur Lakonie alle Ehre und beantwortete auch die folgenden Fragen zunächst so knapp, dass es beinahe an Gesprächsverweigerung grenzte. Das Publikum des ausverkauften Saals dankte ihm jede noch so kurze Wortintervention mit Zwischenapplaus und großem Gelächter. Je kürzer die Antwort, desto größer im Publikum die Freude.

Helmut Schmidt hat im hohen Alter eine moralische Autorität gewonnen, die ihm während seines aktiven politischen Lebens so nie vergönnt war. Sein Buch „Außer Dienst“ ist seit bald zwei Jahren in den Bestsellerlisten, seine „Zigarettengespräche“ mit Giovanni di Lorenzo sind bereits legendär, und man würde sich nicht wundern, wenn auch das Gesprächsbuch mit Fritz Stern, das unter dem Titel „Unser Jahrhundert“ gerade im Verlag C. H. Beck erschienen ist, ähnliche Erfolge feiern würde.

Der Ältesten-Rat ist gefragt wie nie

Der Ältesten-Rat des 91-Jährigen ist gefragt, nicht nur in der SPD, wenn es um Afghanistan geht, sondern eben auch in der Gesellschaft, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass er zu denen gehört, die, wie er selbst das immer nennt, „die Scheiße des Kriegs“ miterlebt haben. „Er ist zu einem politischen Pädagogen geworden, zum Aufklärer“, sagt Fritz Stern, der diese Woche aus New York angereist war. „Außerdem sagt er völlig frei seine Meinung. Er will die Menschen zur größeren Mündigkeit erziehen. Beziehungsweise, ob er es will, weiß ich gar nicht, er tut es.“

Stern, 1926 als Sohn eines zum Protestantismus konvertierten jüdischen Arztes in Breslau geboren, emigrierte 1938 mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten, lernte früh, sich als Amerikaner zu fühlen, und wurde an der Columbia University, wo er lehrte, zu einem der geachtetsten Historiker seines Landes. Im Gegensatz zu Helmut Schmidt erinnert er sich noch sehr gut an die erste Begegnung mit dem damals amtierenden deutschen Bundeskanzler im April 1976. Er erinnert sich an alles, sogar an den Willy-Brandt-Witz, den beim gemeinsamen Mittagessen der Verleger Jobst Siedler erzählte und über den Schmidt schallend lachte. „Ich weiß noch“, erzählt er, „dass er in der ersten Reihe saß, während ich damals in Berlin einen Festvortrag über Ernst Reuter gehalten habe, den ehemaligen Berliner Oberbürgermeister. Wir sind anschließend zusammen rausgegangen. Und da fand ich ihn sehr selbstbewusst und humorvoll, hatte gleich einen fabelhaften Eindruck.“

Stern unterbricht die Schmidt-Show

Aus der Begegnung wurde eine Freundschaft und aus den gemeinsamen Gesprächen im vergangenen Sommer ein Buch, das zum Glück mehr ist als ein weiteres biographisches Monument, das dem ehemaligen Kanzler die späte Ehre erweist. Denn bei aller Freundschaft leben diese Gespräche vom Dissens, vom Widerspruch, wenn auch nicht vom Streit. Mit seiner dynamischen Antriebskraft und Beweglichkeit im Denken bricht Fritz Stern die oft bonmothaft geronnenen Gewissheiten des Freundes immer wieder auf. Er unterbricht die Schmidt-Show. Er sagt: „Ich stimme ohne Einschränkung zu“, er sagt „Da pflichte ich Ihnen bei“.

Aber er sagt eben auch: „Ich bin nicht glücklich mit dem Wort Gene, es kommt mir einfach zu biologistisch vor, fast rassistisch“, wenn Helmut Schmidt den Prozess, der 1942 zur Vernichtung der Juden führte, als für ihn nach wie vor rätselhaft beschreibt und dabei „ein dumpfes Gefühl im Bauch“ bekundet, dass es „irgendwelche Gene“ gebe, die dabei eine Rolle spielen. Er sagt: „Das Letztere kann ich verstehen, das Erstere nimmt mich einfach wunder!“, wenn Schmidt erzählt, dass er das Wort Dachau zum ersten Mal nach dem Krieg gehört habe und auch das Wort Auschwitz.

Weizsächer und Steinbrück in der ersten Reihe

So war man auch bei der Buchvorstellung im Haus der Kulturen der Welt einfach nur froh darüber, dass Fritz Stern, der neben dem wie zum Denkmal seiner selbst gewordenen „Helmut“ mit seinen 84 Jahren beinahe jungenhaft wirkte, wie er da klein und agil auf seinem Stuhl hin und her rutschte, auch da war - als Unterbrechungsmotor jener Verehrungssehnsüchte, die dem ehemaligen Kanzler aus dem Publikum entgegenschlugen. So viel Zwischenapplaus wie an diesem Abend hatte man lange nicht mehr gehört.

Fast war es so, als erteilte hier jemand seine Absolution, was allein durch die Tatsache, dass Richard von Weizsäcker und Peer Steinbrück in der ersten Reihe saßen und während der Diskussion angesprochen wurden, nur noch staatstragender wirkte. Und was beinahe gespenstische Züge annahm, als Schmidt irgendwann laut verkündete, er weigere sich, die Deutschen zwischen 1933 und 1945 über einen Kamm zu scheren und zu behaupten, sie seien alle Nazis gewesen, woraufhin im Publikum lang anhaltender Beifall aufbrandete, der einem völlig übertrieben vorkam. Da sehnte man dann Fritz Sterns Differenzierungen herbei, die er uns nicht schuldig blieb.

Mehr Geschichtsbewusstsein, bitte!

„Unser Jahrhundert“ ist ein Buch über die Weltgeschichte und die gesamte Weltlage. In der Selbstverständlichkeit, mit der die Gesprächspartner dabei politisches und welthistorisches Wissen voraussetzen, von Kennedy zu Roosevelt, zu de Gaulle, Alexander von Humboldt oder dann wieder zu Ludendorff switchen, ist es das Dokument eines fast vergangenen Politikertyps und engagierten Beobachters. Und ein Plädoyer für Geschichtsbewusstsein, das sich explizit an die nachfolgenden Generationen wendet.

Eine charakteristische Fritz-Stern-Antwort geht in etwa so: Fragt man ihn diese Woche im Interview, ob es vielleicht schon immer unattraktiv war, in die Politik zu gehen, widerspricht er vehement und führt erst mal an, dass für junge Engländer und Franzosen im neunzehnten Jahrhundert eine öffentliche politische Karriere ungemein attraktiv war. „Das Unterhaus in England“, sagt er, „lässt sich sehen, wenn man bedenkt, was da für Reden gehalten worden sind, die nicht nur rhetorisch wichtig waren, sondern auch politische Folgen hatten.“ Dann ist er bei Max Weber, der in seiner Kritik des Wilhelminismus die Rolle des Parlaments auch als Lehrschule der Politik unterstrichen habe, die es in dem Sinne in Deutschland nicht gab: „Die Attraktivität der politischen Aktivität war in Deutschland im neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geringer, außer bei den Sozialdemokraten, die das zum Teil aus Idealismus getan haben.“ Heute sei der Reiz überall geringer. Das mache ihm große Sorgen, dass die politischen Institutionen inzwischen so abgewertet seien. Es habe sehr viel mit dem Übergewicht von Geld zu tun.

Ein Fritz Stern hält sich nicht raus

Man mag diesen Gestus für zu pädagogisch, zu lehrerhaft halten. Tatsächlich ist er es nicht. Denn was im persönlichen Gespräch und auch im Buch mit Helmut Schmidt überwiegt, ist eine ungeheure Neugierde auf die Gegenwart, ein permanentes Herstellen von Bezügen und vor allem: die Lust an der Einmischung. Wie er, der sich mit seiner Antipathie gegen die Politik von George W. Bush nie zurückgehalten hat, im Buch von seiner Aktivität im Wahlkampf von Obama berichtet; davon, wie er lange Listen potentieller Wähler durchtelefonierte und dabei neben ihm der ehemalige Präsident der Harvard University saß, der als ganz normaler Bürger das Gleiche tat - das ist nicht nur Ausdruck eines urdemokratischen Verlangens der Teilhabe, wie sie Stern in der Kindheit verwehrt war, sondern eben auch ein Statement: Fritz Stern hält sich nicht raus. Wissenschaft und Einmischung in die Politik sind für ihn vereinbar, er hat sie immer nebeneinanderher betrieben - was keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in den Vereinigten Staaten, und was ihm so manche Kollegenattacke eingetragen hat.

Und er hat noch etwas anderes: die Fähigkeit zur Bewunderung. Einen Menschen oder eine Situation zu bewundern, sagt er, bereichere doch das eigene Leben, was nicht heißt, dass man es forcieren oder eindrillen dürfe. Er finde aber, dass das Raufblicken etwas Schönes habe, so, wie er gerne auf die Berge gucke. Daran, dass Fritz Stern Helmut Schmidt bewundert, lässt er im Gesprächsbuch keinen Zweifel. Er nimmt dies zum Anlass, ihm zu widersprechen. Schmidt überlässt ihm bereitwillig das Feld: „Fangen Sie an, Fritz“, lautet der erste Satz des Buchs.

Helmut Schmidt / Fritz Stern: „Unser Jahrhundert. Ein Gespräch“. Verlag C. H. Beck, 287 Seiten, 21,95 Euro. Das Buch erscheint, gelesen von Hanns Zischler und Hans Peter Hallwachs, auch als Hörbuch (Audio-Verlag, 24,99 Euro).

Quelle: F.A.S.
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