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Helmut Schmidt mit Fritz Stern : Fangen Sie an, Fritz!

Eine charakteristische Fritz-Stern-Antwort geht in etwa so: Fragt man ihn diese Woche im Interview, ob es vielleicht schon immer unattraktiv war, in die Politik zu gehen, widerspricht er vehement und führt erst mal an, dass für junge Engländer und Franzosen im neunzehnten Jahrhundert eine öffentliche politische Karriere ungemein attraktiv war. „Das Unterhaus in England“, sagt er, „lässt sich sehen, wenn man bedenkt, was da für Reden gehalten worden sind, die nicht nur rhetorisch wichtig waren, sondern auch politische Folgen hatten.“ Dann ist er bei Max Weber, der in seiner Kritik des Wilhelminismus die Rolle des Parlaments auch als Lehrschule der Politik unterstrichen habe, die es in dem Sinne in Deutschland nicht gab: „Die Attraktivität der politischen Aktivität war in Deutschland im neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geringer, außer bei den Sozialdemokraten, die das zum Teil aus Idealismus getan haben.“ Heute sei der Reiz überall geringer. Das mache ihm große Sorgen, dass die politischen Institutionen inzwischen so abgewertet seien. Es habe sehr viel mit dem Übergewicht von Geld zu tun.

Ein Fritz Stern hält sich nicht raus

Man mag diesen Gestus für zu pädagogisch, zu lehrerhaft halten. Tatsächlich ist er es nicht. Denn was im persönlichen Gespräch und auch im Buch mit Helmut Schmidt überwiegt, ist eine ungeheure Neugierde auf die Gegenwart, ein permanentes Herstellen von Bezügen und vor allem: die Lust an der Einmischung. Wie er, der sich mit seiner Antipathie gegen die Politik von George W. Bush nie zurückgehalten hat, im Buch von seiner Aktivität im Wahlkampf von Obama berichtet; davon, wie er lange Listen potentieller Wähler durchtelefonierte und dabei neben ihm der ehemalige Präsident der Harvard University saß, der als ganz normaler Bürger das Gleiche tat - das ist nicht nur Ausdruck eines urdemokratischen Verlangens der Teilhabe, wie sie Stern in der Kindheit verwehrt war, sondern eben auch ein Statement: Fritz Stern hält sich nicht raus. Wissenschaft und Einmischung in die Politik sind für ihn vereinbar, er hat sie immer nebeneinanderher betrieben - was keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in den Vereinigten Staaten, und was ihm so manche Kollegenattacke eingetragen hat.

Und er hat noch etwas anderes: die Fähigkeit zur Bewunderung. Einen Menschen oder eine Situation zu bewundern, sagt er, bereichere doch das eigene Leben, was nicht heißt, dass man es forcieren oder eindrillen dürfe. Er finde aber, dass das Raufblicken etwas Schönes habe, so, wie er gerne auf die Berge gucke. Daran, dass Fritz Stern Helmut Schmidt bewundert, lässt er im Gesprächsbuch keinen Zweifel. Er nimmt dies zum Anlass, ihm zu widersprechen. Schmidt überlässt ihm bereitwillig das Feld: „Fangen Sie an, Fritz“, lautet der erste Satz des Buchs.

Helmut Schmidt / Fritz Stern: „Unser Jahrhundert. Ein Gespräch“. Verlag C. H. Beck, 287 Seiten, 21,95 Euro. Das Buch erscheint, gelesen von Hanns Zischler und Hans Peter Hallwachs, auch als Hörbuch (Audio-Verlag, 24,99 Euro).

Quelle: F.A.S.

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