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Helmut Schmidt mit Fritz Stern : Fangen Sie an, Fritz!

Stern unterbricht die Schmidt-Show

Aus der Begegnung wurde eine Freundschaft und aus den gemeinsamen Gesprächen im vergangenen Sommer ein Buch, das zum Glück mehr ist als ein weiteres biographisches Monument, das dem ehemaligen Kanzler die späte Ehre erweist. Denn bei aller Freundschaft leben diese Gespräche vom Dissens, vom Widerspruch, wenn auch nicht vom Streit. Mit seiner dynamischen Antriebskraft und Beweglichkeit im Denken bricht Fritz Stern die oft bonmothaft geronnenen Gewissheiten des Freundes immer wieder auf. Er unterbricht die Schmidt-Show. Er sagt: „Ich stimme ohne Einschränkung zu“, er sagt „Da pflichte ich Ihnen bei“.

Aber er sagt eben auch: „Ich bin nicht glücklich mit dem Wort Gene, es kommt mir einfach zu biologistisch vor, fast rassistisch“, wenn Helmut Schmidt den Prozess, der 1942 zur Vernichtung der Juden führte, als für ihn nach wie vor rätselhaft beschreibt und dabei „ein dumpfes Gefühl im Bauch“ bekundet, dass es „irgendwelche Gene“ gebe, die dabei eine Rolle spielen. Er sagt: „Das Letztere kann ich verstehen, das Erstere nimmt mich einfach wunder!“, wenn Schmidt erzählt, dass er das Wort Dachau zum ersten Mal nach dem Krieg gehört habe und auch das Wort Auschwitz.

Weizsächer und Steinbrück in der ersten Reihe

So war man auch bei der Buchvorstellung im Haus der Kulturen der Welt einfach nur froh darüber, dass Fritz Stern, der neben dem wie zum Denkmal seiner selbst gewordenen „Helmut“ mit seinen 84 Jahren beinahe jungenhaft wirkte, wie er da klein und agil auf seinem Stuhl hin und her rutschte, auch da war - als Unterbrechungsmotor jener Verehrungssehnsüchte, die dem ehemaligen Kanzler aus dem Publikum entgegenschlugen. So viel Zwischenapplaus wie an diesem Abend hatte man lange nicht mehr gehört.

Fast war es so, als erteilte hier jemand seine Absolution, was allein durch die Tatsache, dass Richard von Weizsäcker und Peer Steinbrück in der ersten Reihe saßen und während der Diskussion angesprochen wurden, nur noch staatstragender wirkte. Und was beinahe gespenstische Züge annahm, als Schmidt irgendwann laut verkündete, er weigere sich, die Deutschen zwischen 1933 und 1945 über einen Kamm zu scheren und zu behaupten, sie seien alle Nazis gewesen, woraufhin im Publikum lang anhaltender Beifall aufbrandete, der einem völlig übertrieben vorkam. Da sehnte man dann Fritz Sterns Differenzierungen herbei, die er uns nicht schuldig blieb.

Mehr Geschichtsbewusstsein, bitte!

„Unser Jahrhundert“ ist ein Buch über die Weltgeschichte und die gesamte Weltlage. In der Selbstverständlichkeit, mit der die Gesprächspartner dabei politisches und welthistorisches Wissen voraussetzen, von Kennedy zu Roosevelt, zu de Gaulle, Alexander von Humboldt oder dann wieder zu Ludendorff switchen, ist es das Dokument eines fast vergangenen Politikertyps und engagierten Beobachters. Und ein Plädoyer für Geschichtsbewusstsein, das sich explizit an die nachfolgenden Generationen wendet.

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