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Helmut Schmidt : Die Deutschen bleiben ein gefährdetes Volk

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Vielleicht fehlt uns Führung: Helmut Schmidt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Warum man nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ in die Politik ging und was heute fehlt: Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt über die Nazis, den Bombenkrieg und das heutige Deutschland.

          Warum man nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ in die Politik ging und was heute fehlt: Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt über die Nazis, den Bombenkrieg und das heutige Deutschland.

          Herr Schmidt, was haben Sie am 8. Mai 1945 gemacht?

          Ich war in englischer Kriegsgefangenschaft auf belgischem Boden. Bewußt habe ich den 8. Mai nicht erlebt. Ich habe gar nicht gemerkt, daß es ihn gibt.

          Hatten Sie zu dem Zeitpunkt schon gehört, daß Hitler tot ist?

          Das liegt jetzt ein halbes Jahrhundert zurück, ich glaube nicht, daß ich das wußte. Es wäre mir übrigens auch gleichgültig gewesen.

          Das heißt, für Sie war der Krieg in dem Moment zu Ende, als Sie in Gefangenschaft gerieten?

          Für mich war der Krieg im Sommer 1941 zwar nicht zu Ende, aber er lief eindeutig auf eine Katastrophe für Deutschland hinaus. Daß es noch beinahe vier Jahre gedauert hat, ist eine andere Geschichte. Aber für mich war das Ende mit dem Beginn des Rußlandfeldzuges vorhersehbar.

          Und die ersten Erfolge im Sommer 1941 haben Sie nicht zögern lassen in diesem Urteil?

          Ich hatte mich während meiner Schulzeit sehr für Kunst, Malerei und Musik interessiert - und auch für Geschichte. Mir stand die Katastrophe von Napoleons Armee deutlich vor Augen. Als der Krieg gegen die Sowjetunion losging, bin ich mit einem Nennonkel, der ein etwas älterer Reserveoffizier war - ein Nazi, wenn auch kein richtiger, aber doch Mitläufer und Parteimitglied -, in furchtbaren Streit geraten, weil ich ihm vorausgesagt habe: Am Ende des Krieges leben wir, wenn wir Glück haben, in Baracken, und wenn wir Pech haben, in Erdlöchern, und der neue deutsche Baustil wird „Barack“ heißen. Das war eine bittere Auseinandersetzung. Wir haben uns auch nach dem Kriege nicht wieder versöhnt.

          Wie haben Sie die Lage zu Beginn des Krieges gesehen?

          Ich bin 1937 Rekrut und Soldat geworden und sollte eigentlich Ende September 1939 entlassen werden. Mein Vater hatte mir schon einen Zivilanzug gekauft. Dann mußte ich bleiben. Aber die Begeisterung über den Polenfeldzug und ein halbes Jahr später über den Feldzug gegen Frankreich hat mich nicht erfaßt. Das hängt mit meinem Lebensweg und dem meines Vaters zusammen.

          Sie sind in einem Hamburger Elternhaus groß geworden. Wie war Ihre Sozialisation, Ihre politische Erziehung?

          Politische Erziehung war gleich Null. Bei uns bestimmte mein Vater, und seine Meinung war: Politik ist nichts für Kinder. Kinder lesen auch keine Zeitung.

          Aber die Familie war politisch?

          Nein, die war nicht politisch. Mein Großvater väterlicherseits konnte lesen, aber kaum schreiben. Er war ein sehr ungebildeter, einfacher, auch nicht ganz angenehmer Mann. Ein ungelernter Arbeiter, ein Schauermann, wie man damals sagte. Mein Vater ist als Volksschüler ins Leben getreten, bis irgend jemand entdeckte, daß er begabt war, und ihm eine Lehrstelle verschaffte - unerhörterweise in einem Büro und nicht in einem Betrieb. Er wurde also Schreiberling, und dann ist wieder jemandem seine Begabung aufgefallen, der ihn förderte und auf ein Lehrerseminar brachte. So ist er Volksschullehrer geworden und hat seinen Lehrerberuf ausgeübt und daneben abends studiert.

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