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Helmut Kohl zu Europa In der Wagenburg

 ·  Jetzt kann man es wieder lesen: Helmut Kohls Rhetorik bleibt der europäischen Idee verpflichtet. Ist der Altkanzler in dieser großen Sache noch immer ein Berufsoptimist?

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„Europa ist unsere Zukunft.“ Die Worte, mit denen Helmut Kohl gestern in der „Bild“-Zeitung ein großes Plädoyer für sein großes politisches Leitmotiv beschließt, klingen nach Beschwörungsformel. Der Altkanzler sieht sein Lebenswerk in Gefahr, wenn einerseits der Euro am Staatsbankrott Griechenlands zu zerbrechen droht und andererseits zwischen Geldgebern und Einsackern üble Relikte von Chauvinismus wieder an die Oberfläche kommen. Man darf sich die Seelenlage des Staatsmannes, der sein gesamtes Schaffen der europäischen Idee untergeordnet hat, derzeit mit Fug als dramatisch vorstellen. Sonst würde Kohl im leider gar nicht folgenlosen Palaver um Fantastilliarden nicht sein schwerstes rhetorisches Geschütz auffahren: „Nie wieder Krieg!“

Doch was bringt die Beschwörung der europäischen Gründerväter, die Erinnerung an einen vom Nationalismus verwüsteten Kontinent im gegenwärtigen Moment? Der Friedenskanzler tut so, als stünden griechische Bataillone vor der Europäischen Zentralbank, als hegte irgendwer zwischen Brüssel und Knossos Angriffspläne. Dabei geht es doch um gefälschte Bilanzen und geplünderte Kassen.

Hinweg mit dem Bankrott

Kohls Beweggründe sind historische. Kein lebender und kaum ein historischer Politiker kann eine derart strahlende Bilanz vorweisen: Aufgewachsen in einer mörderischen Diktatur, zum Politiker geworden in einem geteilten Vaterland voller Atomwaffen, blickt er im Abendrot seiner Existenz auf einen friedlich geeinten Kontinent mit derzeit siebenundzwanzig Demokratien und einer verzahnten Ökonomie, die Hunderten Millionen Menschen Wohlstand gebracht hat. Das ist die Frucht der „besten politischen Idee, welche die Menschheit jemals hatte“ (so jüngst der italienische Präsident Napolitano).

Diese stolze Bilanz lässt Kohl den Bankrott „seines“ Euros als „krisenhafte Lage in Griechenland“ wegwischen. Jeder Warnruf nach einer systemischen Überarbeitung des europäischen Bauplans begreift er als Störfeuer von „Kleinmütigen und Bedenkenträgern“. Sein Loblied von „Europa als Hort von Frieden und Freiheit, im globalen Wettbewerb und als Partner in der Welt“ hört sich in der derzeitigen Kalamität an, als hätte noch einmal jemand die legendäre Neujahrsansprache von 1986/87 hervorgekramt. Was über Jahrzehnte so prächtig funktioniert hat, muss jetzt mit aller Macht durchgezogen werden: „Es gibt zu Europa keine Alternative.“

Diese Variante des beliebten Erpressungsspiels der Banken trifft aber längst nicht mehr den Punkt. Denn die Europäische Transferunion, die Kohl allzeit als Unmöglichkeit beschrieb, ist dabei, sich selbst qua Funktionieren zu zersetzen. Nicht die Bedenkenträger, die der fröhlichen Banken-, Nationen- und Währungen-Rettung Einhalt gebieten wollen, bedrohen heute die hehre Idee, sondern eher deren Anhänger, die mangels Denkmöglichkeiten einfach weiterwurschteln wollen wie bisher - notfalls bis zum bitteren Ende. Welche Alternative es zu Europa bei einem durchaus möglichen, ungeordneten Bankrott innerhalb der nächsten Jahre wohl gäbe - dazu schweigt Kohls Wagenburg-Vision vom „Europa der Zukunft“ wohlweislich.

Zerbrechlichkeit einer Idee

Die Überzeugung des Altkanzlers, wir brauchten „gerade jetzt mehr und nicht weniger Europa“, übersieht das Pokerspiel der politischen Eliten, die mit der europäischen Langmut der Wähler alles auf eine Karte setzen: Geht die Vision schief, bricht wie jetzt in Griechenland auch in Zentraleuropa der Sozialstaat zusammen, dann wird am Ende ein Zuviel der wirtschaftlichen Kooperation, der gemeinsamen Münze, der wechselseitigen Kreditwirtschaft dafür verantwortlich gewesen sein. Braucht Griechenland mehr Europa? Soll Deutschland mit allen Renten und Guthaben immer weiter Zahlmeister des Kontinents sein? Funktionieren die Institutionen der EU im Sinne der Verträge? Würde man über diese Fragen abstimmen lassen, gäbe es trotz der genialen Grundidee im Moment eine verheerende Niederlage für Europa.

Nichts in der Geschichte ist so fragil wie eine gute Idee von gestern, die nicht mehr funktioniert. Darum wirkt Kohls Europa-Predigt auch so hilflos. Statt im Wohlgefühl der grandiosen Bilanz stur weiterzumachen, bedürfte es einer gründlichen Überarbeitung der Römischen Verträge im Kleingedruckten, um die große Idee noch zu retten. Die Trennung der Währungs- und Wirtschaftsunion zwischen nördlichen Turbo- und südlichen Feudalstaaten wird von den Märkten sowieso durchgedrückt werden, notfalls per Kollaps der Kredite. „Wir haben allen Grund zu Optimismus“, beschreibt Helmut Kohl seine europäische Seelenlage ungerührt. Solche Sätze klingen heute aber leider nicht nach dem Geist von Monnet, Schuman und Adenauer, sondern eher gespenstisch.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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