http://www.faz.net/-gqz-88gah

Autor, Kritiker und Moderator : Hellmuth Karasek ist tot

  • Aktualisiert am

Hellmuth Karasek, hier im März dieses Jahres in Kiel, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Bild: dpa

Der Literaturkritiker und Schriftsteller Hellmuth Karasek ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Zusammen mit Marcel Reich-Ranicki hatte er jahrelang die ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ geprägt.

          Hellmuth Karasek ist tot. Der Literaturkritiker und Schriftsteller starb am Dienstag im Alter von 81 Jahren. Das bestätigte seine Familie in Hamburg. Zwölf Jahre lang hatte Karasek neben Marcel Reich-Ranicki die ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ geprägt. Seine journalistische Laufbahn begann er bei der „Stuttgarter Zeitung“, danach war er Theaterkritiker bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ in Hamburg. Mehr als 20 Jahre lang leitete er das Kulturressort des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Seine Erfahrungen verarbeitete er in dem Roman „Das Magazin“. Bis 2004 war er Mitherausgeber des Berliner „Tagesspiegel“.

          Jahrelang diskutierte Hellmuth Karasek mit Marcel Reich-Ranicki und weiteren Kritikern in der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ über neue Bücher. Der Autor wurde mit seinen wortgewandten Auftritten in dem TV-Format einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Neuauflage des Fernsehklassikers kann er nicht mehr miterleben: Die startet das ZDF an diesem Freitag (2. Oktober) – fast 14 Jahre nach der letzten Sendung.

          Karasek im Juli 1991 zusammen mit seinen Kollegen aus dem „Literarischen Quartett“ Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki.
          Karasek im Juli 1991 zusammen mit seinen Kollegen aus dem „Literarischen Quartett“ Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki. : Bild: Picture-Alliance

          Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat Karasek als „eine echte Institution in Deutschland“ gewürdigt: „Er liebte und litt an und mit der Literatur und war dabei immer ihr souveräner Vermittler und ein brillanter Unterhalter.“ Er werde nicht nur als geistvoller Feuilletonist, Herausgeber und Schriftsteller in Erinnerung bleiben, sondern auch als wundervoller Mensch. SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte Karasek eine prägende Figur des Geisteslebens. Deutschland verliere eine seiner brillantesten Stimmen. „Er baute wichtige Brücken zwischen dem intellektuellen Diskurs, der Welt des Literarischen und der Politik und Gesellschaft, bis hin zu einem breiten Fernsehpublikum“ und habe sein Publikum immer bestens unterhalten, „vor allem durch seinen besonderen Blick für das Kuriose und Absurde“.

          Karasek war Autor, Kritiker, Moderator und Journalist. Und er liebte das Publikum. Selbst nachdem das „Quartett“ (1988-2001) nach 77 Folgen und 375 besprochenen Büchern eingestellt worden war, tauchte der umtriebige Kulturkritiker immer wieder auf dem Bildschirm auf, was ihm bisweilen Kritik einbrachte. „Ich kann an solchen Fernsehauftritten nichts Ehrenrühriges finden“, lautete sein Kommentar dazu. „Das Fernsehen hat mein Leben am meisten verändert.“

          Karasek veröffentlichte zahlreiche Bücher und verfasste unter dem Pseudonym Daniel Doppler Theaterstücke. Dabei war das Schreiben für ihn harte Arbeit, wie er zu seinem 75. Geburtstag erzählte.

          Ikea-Katalog : Zu vollgestellt, kaum Dialoge

          Sein Romandebüt hatte er 1998 mit „Das Magazin“ gegeben - über das intrigante Innenleben eines Hamburger Nachrichtenmagazins. Meist wurde das Buch verrissen, aber vereinzelt auch trotz Übertreibungen als wahre Schilderung anerkannt. Zwei Jahre zuvor war es zwischen ihm und dem Magazin „Spiegel“ aus. Seine Umtriebigkeit hatte bei seinem Arbeitgeber für Argwohn gesorgt. Über einen abgelehnten Artikel zu Helmut Dietls Film „Rossini“ kam es 1996 zum vorläufigen Bruch.

          „Ich habe in zwei Diktaturen gelebt“

          Geboren wurde Karasek 1934 als eines von fünf Kindern im mährischen Brünn. Ende des Zweiten Weltkriegs floh die Familie vor der Roten Armee nach Bernburg/Saale in Sachsen-Anhalt. Nach dem Abitur übersiedelte Karasek 1952 aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik und studierte in Tübingen Germanistik, Geschichte und Anglistik. „Ich habe in zwei Diktaturen gelebt. Die erste habe ich gemocht und erst später gemerkt, dass das ein Schweineregime war. Die zweite habe ich von Anfang an gehasst.“

          Im Dezember 2014 besuchen Karasek und seine Ehefrau Armgard eine Spendengala in Berlin.
          Im Dezember 2014 besuchen Karasek und seine Ehefrau Armgard eine Spendengala in Berlin. : Bild: dpa

          Ihn habe seine Kindheit im Dritten Reich am meisten geprägt, erzählte er. „Durch den Krieg hat man gelernt, dass kein Stein auf dem anderen steht, nichts Bestand hat und man immer misstrauisch bleibt.“ Der Schliff und Drill, der ihm als Junge in der Hitlerjugend und in einer Nazi-Eliteschule vermittelt worden sei, habe bei ihm weniger nachhaltig gewirkt.

          Seine künstlerischen Gene gab Karasek, vierfacher Vater und in zweiter Ehe mit der Kulturredakteurin Armgard Seegers verheiratet, an seine Kinder weiter: Sohn Daniel aus erster Ehe ist Intendant am Theater in Kiel, Tochter Laura hat ihren ersten Roman („Verspielte Jahre“) veröffentlicht. „Sie wollte einen künstlerischen Beruf ergreifen, aber ich habe zu ihr gesagt: Lerne was Anständiges - und da hat sie Jura studiert.“ Als sie ihm die ersten 100 Seiten ihres Romans vorgelegt habe, war er jedoch überzeugt: „Das musst Du unbedingt weitermachen!“

          Quelle: rad. / dpa

          Weitere Themen

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Die provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz in Berlin.

          Behördenversagen : Attentäter Amri stärker überwacht als bekannt

          Neue Hinweise zeigen, wie viel die Behörden dank umfassender Überwachung schon mehr als ein Jahr vor seinem Weihnachtsmarkt-Anschlag über Anis Amri wussten. Warum wurde er nicht festgenommen? Auch dazu gibt es Vermutungen.
          Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner Mitte Dezember in Berlin.

          Sonntagsfrage : FDP und Union verlieren an Zustimmung

          Der Jamaika-Abbruch tat offenbar weder den Liberalen noch der Union gut – zumindest in der jüngsten Umfrage. Von Zweistelligkeit wäre Christian Lindners Partei derzeit ein gutes Stück entfernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.