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Hellenische Seelenlage 37 Thesen über einen griechischen Vater

Was der griechische Mann über Kredite, Homer und die Götter denkt, wie seine Ohrläppchen beschaffen sind - und warum nur er Herr des Desasters sein kann. Zur Psychopathologie eines ganz besonderen Menschenschlags.

© picture alliance / dpa Vergrößern Hort hellenistischer Patriarchen: Das Kaffeehaus für Ex-“Lindenstraßen“-Wirt Kostas Papanastasiou als Ort der Zuflucht

I. Ein griechischer Vater ist immer größer als groß. Vor allem, wenn er im Ausland lebt.

II. Lachen Sie ruhig über einen griechischen Vater. Aber nur in seiner Gesellschaft und wenn keine einheimische Person anwesend ist.

III. Glauben Sie einem griechischen Vater immer, wenn er erklärt, die Namen von Blumen, Vögeln oder Bäumen in der neuen Sprache nicht zu kennen.

IV. Gleiches gilt für Beeren, Pilze und alles, was Automotoren betrifft.

V. Bedenken Sie, dass ein griechischer Vater auch ein Sohn ist. Auch wenn er das nicht mehr ist, so ist er es gewesen. Es gibt nicht viele griechische Väter, die dem Unterschied im Tempus Bedeutung zumessen würden. Vielleicht keinen.

VI. Denken Sie sich den Haarwuchs an Armen und Beinen weg, denken Sie sich die Satzmelodie und falsch plazierte Pronomen weg. Denken Sie sich die Schwäche für Knoblauch, Tomatensauce und extrem süßes Backwerk weg. Ein griechischer Vater ist immer noch ein griechischer Vater. Vor allem im Ausland.

VII. Ein griechischer Vater ist mit Frau, Kindern und Geldproblemen bestens vertraut. Er nennt dies „die volle Katastrophe“. Dabei lächelt er immer. Ein griechischer Vater denkt, dass nur er Herr des Desasters sein kann.

VIII. Ein griechischer Vater besteht aus vielem, was andere Väter auch tun. Darüber hinaus gibt es jedoch Stellen am Körper eines griechischen Vaters, die seine fremde Herkunft enthüllen:

DIE AUGENBRAUEN. Bei einheimischen Vätern existieren sie in doppelter Ausführung. Bei einem griechischen Vater hängen sie zusammen. Tatsache ist, dass ein Sohn im Singular von ihnen sprechen muss. Über den Augen zeichnet sich ein Horizont aus Haaren ab, samten wie gelecktes Katzenfell, ehe er in die Schläfen übergeht. Der Linie fehlen Anfang und Ende. Die Senke in der Mitte verleiht ihm etwas Vertrautes, ja Intimes. Hier befindet sich sein zerbrechliches Zentrum, die Verankerung für die Kurven, die sich wie Schwingen mit schleifenden Flossen wölben. Während der letzten Jahre im Leben eines griechischen Vaters ergraut der Horizont. Von Zeit zu Zeit stutzt seine Frau die strohigen Haare, was die Linie immer einheimischer macht. Die Stelle, an der die Brauen zusammenlaufen, lichtet sich, am Ende hat auch ein griechischer Vater zwei Stück. Auf dem Handtuch über seiner Brust schimmern weiterhin die Haare, ein verstreuter Schatz aus Silber.

DIE OHRLÄPPCHEN. Es lässt sich nicht leugnen: Die Ohren eines griechischen Vaters sind groß. Die Ohrmuschel hat die Größe der f-förmigen Löcher einer Kindergeige, der Gehörgang ist tief wie ein Krater. Seit eins der Kinder eines griechischen Vaters versuchte, die Tiefe mit einem Bleistift zu vermessen, wird niemandem mehr erlaubt, seine Geheimnisse zu erforschen. Am größten sind die Ohrläppchen. Daumenbreit scheinen sie immer weiter zu wachsen. Wenn die Kunsthandwerker im antiken Anatolien auf einem Reiskorn Raum für eine Hymne an die Schöpfung fanden, würde der Geduldige die Ohrläppchen eines griechischen Vaters mit zehn Geboten füllen können.

DAS KREUZ. Der Rücken eines griechischen Vaters ist ungewöhnlich lang, wodurch die Hüften heruntergerutscht scheinen. Auch ist er gerade und straff. Am ehesten ähnelt er einer Säule. Ein griechischer Vater geht aufrecht, mehr auf der Vorderseite des Körpers als auf der Rückseite. Seine Haltung vermittelt ein Gefühl von Zuverlässigkeit, wie bei einem Kirchenstuhl. Auf Schultern und Schulterblättern sieht man Narben, die entstanden, als ein griechischer Vater als Junge vor einem älteren Bruder davonlief, stolperte und in glühende Kohlen fiel. Ansonsten ist der Rücken glatt und erstaunlich weich. Am Ende der Wirbelsäule klettert aus dem Hosensaum krauses Haar hoch, das sich im Kreuz verdichtet. Die lichte Oase erinnert an südliche Gefilde und fremde Vegetation.

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