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Helene Hegemann inszeniert „Musik“ : Gehst du zum Hype, vergiss die Peitsche nicht!

  • -Aktualisiert am

Wunschprojektionen vor dem Roadkill: Gloria Rehm in „Musik“ von Helene Hegemann und Michael Langemann Bild: Paul Leclaire

Fräulein Hühnerwadel will zum Pop: Helene Hegemann macht in Köln aus Frank Wedekinds „Musik“ eine Sadomaso-Soap-Oper.

          Wie Polanskis „Venus im Pelz“ thematisiert auch das erste von Helene Hegemann herausgebrachte Musiktheater-Stück eine fatale Künstler-Künstlerin-Beziehung. Sie spinnt Frank Wedekinds Geschichte „Musik“ von 1908 fort. Ein Gesangslehrer treibt seine Elevin Klara in Abtreibung und irren Untergang, bis sie ausbricht: „O Gott, o Gott, o Gott, wenn mich doch jemand durchpeitschte! ... Peitschenhiebe, bis ich kein Gefühl mehr in den Gliedern habe! Um Gottes Barmherzigkeit willen die Peitsche!“ Zugleich liebt des Meisters Frau Else die Jüngere, gibt sich die Schuld: „Ich bin ein Rindvieh, das man aus Gründen der öffentlichen Sicherheit totschlagen müsste! ... O warum hat man mich elenden Schwächling nicht vor meinem ersten Atemholen erwürgt!“

          Diese Wedekindsche Wilhelminismus-Satire taugt gut zur Sadomaso-Soap-Groteske, auch heute noch ist das starker Tobak. Doch was soll der Titel? Professor Reißner verheißt Klara Hühnerwadel eine Wagner-Karriere, bindet sie so an sich, erzeugt den Wahn vom Selbstopfer für die Kunst. Aber außer einem kurzen Gesangsmoment ertönt keinerlei Musik als „schöner Schein“. Wedekind wusste wohl, warum - auch Tolstoi und der „Zauberberg“-Settembrini misstrauten ja der Tonkunst.

          Outgesourct ins Pop-Biotop

          Helene Hegemann dagegen, seit ihrem Debüt-Roman „Axolotl Roadkill“ umstritten, sieht das anders. Für sie ist Klara weit mehr als eine exemplarisch an Männerwelt und fehlgeleitetem Ehrgeiz scheiternde Künstlerin, vielmehr „ein Popstar, den man uneingeschränkt toll und sexy findet ... als Ikone, strassbesetzt, exaltiert, erhaben“. Und nicht nur das. „Musik, Musik“, ruft Klara, „was habe ich um deinetwillen auf Gottes Welt schon ausgestanden!“ Die junge Wagner-Aspirantin wird zu einer Märtyrerin der Kunst, darin klingt plötzlich deutsch-idealistisch überhöhte Kunstreligion nach. Wedekinds Schluss dagegen war entschieden zynischer ausgefallen, er lässt die irre Klara proklamieren: „Die Menschen bekommen Krämpfe vor Lachen, wenn sie die Erzählungen meiner Qualen hören!“

          Zielt Helene Hegemann also einerseits auf eine Phantasmagorie von Musik letztlich doch wieder eher als Himmels- denn als Höllenmacht, probiert sie andererseits eine kaleidoskophafte Trash-Ästhetik nach Art von Frank Castorf aus. Bei ihrem ersten Musiktheater-Libretto, zugleich als Regisseurin debütierend, will sie weder an den Kriterien autonomer Literatur noch an der Opernkonvention gemessen werden. Und der Ort hierfür ist optimal: Die Kölner Oper spielt aus Sanierungsgründen im „Palladium“ im Stadtteil Mülheim, einem Industriegelände, wo auch die Pop-Kultur zu Hause ist. Das verhindert falsche hohe Erwartungen, zumal es um ein multiples Gesamtkonzert geht.

          Zeitgeist in Fetzten

          Die Abfolge der Szenen hält sich in etwa an Wedekinds drastische Bilder: „Bei Nacht und Nebel“, „Hinter Schwedischen Gardinen“, „Vom Regen in die Traufe“, „Der Fluch der Lächerlichkeit“. Immer wieder wird Wedekinds Text rezitiert, der wie in einem Palimpsest präsent bleibt, übermalt indes mit einem dichten Geflecht von Hegemannschen Sätzen, die gleichwohl sehr oft auch als Jugendjargon-Slogans wahrgenommen werden können sowie mit zahlreichen Zitaten von Pop-Größen, David Bowie, Bob Dylan und anderen. Ein Netz von semantisch-ikonographischen Allusionen überzieht das Ganze, das mit dem Begriff Collage nicht gut getroffen wird - eher kommen einem barocke Manierismus-Topoi wie Pasticcio oder mehr noch Concetto in den Sinn. Oder man kann es auch einfach ein Text-Sammelsurium nennen. Eine sowohl verwirrende als auch synthetisierende Rolle spielen in der Produktion neben der Musik auch Theater und Video.

          Helene Hegemann
          Helene Hegemann : Bild: Fabian Fiechter

          Im vexierbildhaften „morphing“ von Live-Aktion, Tanz, vor und hinter einer Gaze-Wand, und einer oft überquellenden Filmflut werden in stetem Wechsel die Handlungs- und Text-Partikel visuell neu konfiguriert. Alles kann in alles übergehen. Dabei gibt es Konstanten, werden Ikonen der siebziger Jahre beschworen: Jackie Kennedy mit ihrer Sonnenbrille, David Bowie, „Der Mann der vom Himmel fiel“, als Schriftzug. Dabei geht die Erotik in alle Richtungen, die Passion der Klara Hühnerwadel vollzieht sich auf vielen Ebenen: am und auf dem Flügel, lasziv am Boden, als Video-Ophelia in der Badewanne, als Märtyrerin vor einem Prunk-Kreuz, derweil rote Kapuzenmänner den Kindersarg tragen - einer der wenigen Momente, in denen Wedekinds Gesellschaftsattacke aufscheint. Links sieht man eine heilige Dulderin (ohne Heiligenschein), rechts ein Herz (mit). Am Schluss sieht man Klara endlos im Auto durch die Städte fahren, als wär’s ein Film von Wim Wenders.

          Der Komponist Michael Langemann hat dazu „angewandte“ Musik geliefert, im Sinne eines Stil-Potpourris: Barockes Lamento, Wagner-Strauss-Wellen, Filmmusik-Aufwallungen, Minimalistisches, Rocksong und virtuose Floskeln aller Art sind soundtrackmäßig eingeschmolzen. Walter Kobéra dirigiert kompetent das Kölner Gürzenich-Orchester. Gloria Rehm als Klara frappiert mit chamäleonhaft selbstentäußernder Darstellung und Höhen-Koloratur, die Partie der Else ist mit der Schauspielerin Judith Rosmair bestens besetzt, der Bariton Henryk Böhm als Lehrer gesanglich souverän, doch ohne stärkere negative Züge. In seiner Zeitgeist-Schnipsel-Ästhetik jongliert dieser Abend über nicht eben wenige Abgründe hinweg. Immerhin, langweilig wird es nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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