Was Reisenden, die sich der Deutschen Bahn oder einem ähnlichen Unternehmen anvertrauen, alles passieren kann, glaubt jeder zu wissen. Weithin unbekannt hingegen sind die Gefahren und Herausforderungen, denen sich Zugbegleiter und Lokführer in Ausübung ihrer Pflicht stellen müssen. Abenteuer zuweilen, die zu bestehen Gelassenheit und Menschenkenntnis verlangen und zuweilen auch wahren Heldenmut. Die Vorstände aller großen deutschen Bahnen reisten darum am Freitag nach Berlin, um einige dieser Helden des Alltags auszuzeichnen, vorgeschlagen von dankbaren Reisenden für den Titel „Eisenbahner mit Herz“. Das klingt putziger als die guten Taten, die hier gepriesen wurden.
Der Laudator, der „überzeugte Bahnfahrer“ und bei dieser Gelegenheit absolut unzynische Harald Schmidt, brachte es auf den Begriff: Deutschland werde nicht am Hindukusch verteidigt, sondern im ICE. Sei es im Umgang mit Fußballfans, die nachts München verließen, in Mannheim kurz auf den Bahnsteig torkelten, um sich zu erbrechen, und danach komatös im Gang des Zuges liegenblieben. Oder wenn, so Schmidt, betrunkene Frauen, nach einem Weinfest gegen Mitternacht zugestiegen irgendwo im Rheinland, im Speisewagen „mit ihrem Verhalten eindeutig den Rahmen des Grundgesetzes verlassen“.
Zahnspangenmädchen oder auch mal ein Ehering gerettet
Oder eben in jenem „besonderen Fall von Mut“, als der Zugbegleiter Yalcin Özcan beherzt einen betrunkenen Schwarzfahrer in eine Kabine sperrte, nachdem dieser eine geladene Pistole auf ihn und die Fahrgäste gerichtet hatte. Herr Özcan, 23 Jahre alt und von eher sanftem Gemüt, war von seiner gemütlichen Südostbayernbahn nach Hessen ausgeliehen worden, wo sich der Vorfall ereignete. Nach den mentalen Unterschieden zwischen seinen gewohnten Fahrgästen und jenen in Hessen befragt, gab er an, dass es dort wohl etwas härter zugehe.
Nicht alle Herzenstaten waren so spektakulär, eher „vielfältig wie das Leben auf der Schiene“, sagte Harald Schmidt. Gerettet wurden Zahnspangenmädchen, die in die falsche Richtung fuhren, oder auch mal ein Ehering, der versehentlich ins Gleisbett fiel. Er jedenfalls, sagte Harald Schmidt, habe sich gern und umstandslos von Bahnchef Grube zu dieser Lobpreisung überreden lassen. Man kann es wörtlich oder auch mit Schmidtscher Ironie nehmen, wenn der „leidenschaftliche Besitzer einer Bahncard 100“ behauptet, das Image der Bahn wandele sich eindeutig hin zum Positiven. Da nenne ihn noch jemand „dirty Harry“!
Die betrunkenen Frauen
Angela Ansbacher (freeangela)
- 13.04.2012, 20:14 Uhr