http://www.faz.net/-gqz-76ahn

Heinos Botschaft : Ihr gehört zu mir

Bild: dpa

Schlagerstar Heino covert Rocksongs. Die Diagnose, etwas sei irgendwie ironisch gemeint, ist derzeit fast reflexhaft. Aber vielleicht ist Heinos Ironie viel älter.

          Durch die Spukmeldung, Heino sei jetzt ein Rocker, ist - und hier passt die Redewendung im Gegensatz zu Martin Mosebachs unseligem Gebrauch - endlich wieder Musik in die Sache gekommen: nämlich in die Frage nach Ironie in der deutschsprachigen Popmusik. Seitdem als intellektuell geltende Musiker wie Jochen Distelmeyer unverhohlen Schlagermusik machen, wird ja reflexhaft überall Ironie unterstellt. Dass man mit eingängigen Refrains einfach mehr Platten verkauft als mit Texten wie „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“, wird dabei gern verschwiegen.

          Was passiert aber nun, wenn der Volksmusikstar Heino die Werke anderer deutscher Musiker nachspielt und seinem Stil anverwandelt wie auf dem neuen Album „Mit freundlichen Grüßen“ - ist das dann ironisch oder bitterer Ernst und somit Anlass zum „Rockerkrieg gegen Heino“, wie die „Bild“-Zeitung phantasierte? Die Antwort hängt stark davon ab, als was man Heino auffasst - als das Rezeptionsphänomen, das Musikantenstadl-Zuschauer (vermeintlich) in ihm sehen, oder als eine Kunstfigur, die schon mit Ironie spielte, als die Diskurspopper noch in den Windeln lagen.

          Vielleicht hat Heino die größere Ambivalenztoleranz

          Je nach Auffassung kann die Wirkung der einzelnen Songs ganz unterschiedlich ausfallen. Die vermeintlichen Punkrocker der Band Die Ärzte könnten sich jedenfalls ironisch freuen, dass ihr Lied „Junge“ nun endlich glaubhaft in Elternperspektive gesetzt wird, wenn Heino singt: „Und wie du wieder aussiehst:/ Löcher in der Hose/Und ständig dieser Lärm“. Andere mögen sich ertappt fühlen: etwa die vermeintliche Indie-Rockband Sportfreunde Stiller, deren Song „Ein Kompliment“ nun als Schnulze zur Kenntlichkeit entstellt wird. Oder Peter Fox, dessen Sommerhit „Haus am See“ als Spießertraum entlarvt werde, wie der „Tagesspiegel“ treffend schrieb.

          Der ironische Subtext des Heino-Coveralbums könnte also lauten: Ihr gehört zu mir. So hat denn der Interpret die ausgewählten Songs, die auch von Rammstein, Grönemeyer und Westernhagen stammen, als „die Volkslieder der modernen Generation“ bezeichnet. Vielleicht ist Heinos Ambivalenztoleranz ja viel größer als die der von ihm Adaptierten. An Blumfeld oder Tocotronic hat er sich noch nicht herangewagt, aber, oh Junge, auch da wartet noch Material auf Kenntlichmachung als das, wovor Dirk von Lowtzow am meisten Angst hat: als Schunkelmusik.

           

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Gescheiterte Sondierungen : Merkels Niederlage

          Durch die gescheiterten Sondierungen hat die Kanzlerin mehr verloren als die FDP. Und vor allem: Die CDU hat noch mehr zu verlieren. Der Knackpunkt ist die Willkommenspolitik – von der sich Angela Merkel partout nicht distanzieren mag. Ein Kommentar.

          Die FDP und Jamaika : Lindner fehlt das Vertrauen

          Die FDP war, was den Erfolg der Jamaika-Sondierungen angeht, nie besonders zuversichtlich. Da sie fürchteten, keine ihrer Projekte verwirklichen zu können, haben sie ein Versprechen platzen lassen.
          Post-Vorstand Jürgen Gerdes schaut aus einem Streetscooter heraus.

          F.A.Z. exklusiv : Die Post will mehr Porto und weniger Regulierung

          „Mit 70 Cent liegen wir in Deutschland immer noch deutlich unter dem europäischen Durchschnitt“, sagt Postvorstand Jürgen Gerdes im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und neue Rekorde stellt er auch in Aussicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.