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Veröffentlicht: 11.05.2012, 16:10 Uhr

Heimatbesuch Mein Kiew

Ich war lange nicht mehr in der ukrainischen Hauptstadt. Dumpfheit und Verdrossenheit liegen über der Stadt. Und doch ist sie immer noch meine Heimat. Ein Reisebericht.

von Marina Weisband, Kiew
© Marina Weisband „Ich bin traurig, wenn ich über all das nachdenke“: Marina Weisband in Kiew

Mein Flugzeug ist eben gelandet. Ich stehe in einer kleinen, grauen Halle am Kiewer Flughafen „Zhulyany“ vor der Passkontrolle. Ich halte meinen deutschen Reisepass in der Hand, ich stehe in der Schlange für Ausländer. Ich stehe in der falschen Schlange. Für die Menschen vor und hinter mir ist die Ukraine ein exotisches Urlaubsland, aber ich verbinde viel mehr mit ihr. Ich wurde in diesem Land geboren. Ich bin hier aufgewachsen. Ich bin über die brüchigen Bürgersteige gegangen, ich habe im Kindergarten Russisch lesen und schreiben gelernt. Ich bin Tag ein, Tag aus mit der Metro gefahren, ich kenne Kiews Märkte auswendig. Als die Grenzkontrolle mich mit kühlem Gesicht nach meiner Zieladresse fragt, nenne ich die Adresse der Wohnung, die meiner Familie gehört. Und doch zeige ich meinen deutschen Pass. Ich bin hier Ausländer.

Sechs Jahre ist es her, dass ich in Kiew war. Meine Familie erzählte mir, dass sich viel verändert hat. Kiew sei für die EM einmal abgerissen und neu gebaut worden. Mit einem gemischten Gefühl von Bedauern und egoistischer Erleichterung stelle ich fest, dass das nicht ganz stimmt. Die Straßen sind erneuert worden, überall hängt jetzt aggressive Werbung. Das fällt mir auf. Doch in fast allen Vierteln sind noch alte Sowjet-Bauten erhalten. Vielleicht sind die Fenster noch etwas undurchsichtiger geworden, vielleicht haben die Wände noch mehr Risse und die Türen noch weniger Lack.

Vor den Metro-Stationen sitzen noch immer alte Frauen in Kopftüchern und Blumenkleidern und verkaufen Gemüse, Kleidung, Hausrat. Unter ihnen sind jetzt aber auch einige, die Snickers-Schokoriegel oder Nestlé-Kaffee verkaufen. Einige haben kleine Blumen aus dem Wald gepflückt, mit deren Verkauf sie ihre Rente genug aufstocken, um sich Tee oder Quark kaufen zu können. Sie sitzen auf Plastikhockern, umgeben von Tüten, und starren sich vor die Füße. An ihnen gehen die meisten Menschen immer noch achtlos vorbei. Diese Frauen leben in Armut. Daran hat sich nichts geändert.

19639278 © Marina Weisband Vergrößern Kiew in Frühlingsblüte: das Panorama mit goldenen Kirchturmkuppeln täuscht darüber hinweg, dass sich die Stadt in hektischem Umbau befindet

Vieles ist auch neu gebaut worden. Die höchsten Häuser in Kiew waren vor sechs Jahren alle noch nicht da. Es sind schöne Gebäude in warmen Farben und grundsätzlich orientalisch abgerundeten Formen. Sie überragen, überstrahlen die Stadt. Ihre Fenster sind leicht verspiegelt, hochmodern. Auch neben unserem Haus ist solch ein Hochhaus entstanden. Als meine Großeltern unsere Wohnung 1969 erhielten, war sie in einem der modernsten Häuser der Stadt. Verglichen mit dem 24-Stockwerk-Koloss direkt daneben, sieht es jetzt aus wie ein Hühnerstall.

Aus dem Flugzeug hatte ich im Norden der Stadt in grüner Lage einen Haufen neuer Villen entdeckt. Sie sahen aus wie Puppenhäuser, wie kleine Märchenschlösser mit Türmchen und bunten Dachziegeln. Alle ihre Fenster waren noch schwarz, die Fensterscheiben noch nicht eingesetzt, ganz neu gebaut. In ihnen wohnen die gleichen Menschen, die auf den Straßen mit BMWs und Bentleys unterwegs sind. An sie richtet sich die Werbung, für sie wurden die Einkaufszentren gebaut. Meine Großmutter führt mich durch ein Viertel mit wirklichen Schlössern - alles neue Privathäuser. Sie haben groteske Ausmaße, lächerliche Deckenhöhen, Fensterbänke aus Onyx, Ziertürmchen und verspiegelte Fenster. Doch es scheint, als wäre dabei versehentlich der Großteil der Bevölkerung zurückgelassen worden.

Anstatt Geld zu investieren, Firmen zu gründen und Arbeitskräfte einzustellen, kauft sich die Oberschicht alles, was sie gerade kriegen kann. Investitionen sind in der Ukraine zu unsicher. Das Gesetz ist kein Schutz. So kommt es, dass man sich lieber die Toilettenschüssel vergolden lässt oder das Haus mit neuester Technik versorgt, ohne dass der Wohlstand in irgendeiner Weise zur Bevölkerung fließen könnte.

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