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Illustratorin Nora Krug : Durchblick im Nebelmeer der deutschen Geschichte

Illustration aus dem Buch "Heimat" von Nora Krug. Bild: Penguin

Nichts ist besser als der Fokus auf die eigene Familie, um das zwanzigste Jahrhundert zu erzählen: Eine Begegnung mit der Illustratorin Nora Krug.

          Das ist einer dieser Orte, die es nur in Deutschland gibt: eine frühere jüdische Mädchenschule, die 1942 zwangsweise geschlossen wurde, deren Schülerinnen und Lehrerinnen deportiert wurden, die meisten von ihnen ermordet. 1835 hatte die jüdische Gemeinde von Berlin das Institut eingerichtet, seit 1930 residierte es hier an diesem Platz in der Auguststraße. Drei Jahre später begann die Zahl der Schülerinnen gewaltig anzusteigen, weil im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik jüdische Kinder aus den öffentlichen Schulen verdrängt wurden. In vielen Räumen des 2012 sanierten Gebäudes, das heute wieder der jüdischen Gemeinde gehört und an Kultureinrichtungen und Gastronomen vermietet ist, hängen Fotos der ehemaligen Schülerinnen; unbeschwert wirken sie, aber unbeschwert kann man die Bilder nicht betrachten. Auch nicht Nora Krug, gerade sie nicht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die 1977 in Karlsruhe geborene Illustratorin hat einen besonderen Blick auf die deutsche Vergangenheit. Einmal, weil sie gar nicht mehr in Deutschland lebt; in Berlin ist sie nur auf Privatbesuch, seit 2007 lehrt sie in New York an der Parsons School of Design. Verheiratet ist Nora Krug mit einem amerikanischen Kollegen aus jüdischer Familie, die gemeinsame Tochter ist drei Jahre alt, und wenn das Kind zu Hause in New York das Zimmer verlässt, pflegt es den Eltern mitzuteilen: „Ich gehe nochmal zur Arbeit. Das Buch ist noch nicht fertig.“ Diese beiden Sätze hat das Mädchen in seinen ersten Lebensjahren oft von der Mutter gehört.

          Das Buch heißt „Heimat“, und es ist der zweite Grund für Nora Krugs gewandelten Blick auf die Vergangenheit. Die Arbeit daran hat sie sechs Jahre lang beschäftigt: zwei für die Recherche, zwei für die Geschichte, zwei für die Gestaltung. Sie selbst nennt das Buch mit einem in Amerika gängigen Begriff „graphic memoir“, also gezeichnete Erinnerungen. Sie will nicht die Erwartung wecken, es handelte sich um eine Graphic Novel, einen Comic, denn das ist „Heimat“ nicht: Vielmehr ist es ein „deutsches Familienalbum“, wie der Untertitel lautet. Das fast dreihundert Seiten starke Buch erzählt in Text und Bild – und zwar weitaus mehr Text, als ein Comic haben würde – von Nora Krugs Familie im zwanzigsten Jahrhundert. Mit einem klaren Schwerpunkt auf der NS-Zeit; denn wie überall sonst gibt es auch in der privaten Überlieferung die größten Widersprüche und Rätsel, wenn es um die Jahre 1933 bis 1945 in Deutschland geht.

          Alles in Handschrift

          Zentrale Figur des Interesses der Autorin ist der Großvater mütterlicherseits, Willi Rock, der starb, als Nora Krug elf Jahre alt war. Was die Enkelin über seine Vergangenheit wusste, beruhte auf dem, was andere ihr erzählt hatten. Im Licht der eigenen Archivrecherchen entstand ein neues Bild des Großvaters; kein dunkles, aber ein dubioses. „Heimat“ bietet also keine brisanten Ergebnisse, aber das umso faszinierendere Protokoll einer Suche.

          Die Hauptperson ist folglich die suchende Nora Krug selbst. Doch im Buch tritt sie nur selten sichtbar auf, obwohl es ihre Stimme als Ich-Erzählerin ist, die das Geschehen kommentiert, und es ihre Augen sind, die all die Archivalien gesichtet haben, die hier abgedruckt sind. Denn nicht wenige Abbildungen sind Faksimiles von Dokumenten, Fotos, Zeitungsausschnitten, alle jeweils mit Texten arrangiert, die in einer der Handschrift Nora Krugs nachempfundenen Typographie gesetzt sind. Im englischsprachigen Original wurde tatsächlich alles von Hand geschrieben, aber die eigene Übersetzung in die deutsche Muttersprache kostete die Autorin schon genug Zeit. Da wollte sie nicht noch einmal alles niederschreiben.

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