15.05.2006 · Wenn Ärzte streiken, dann hilft nur noch beten, aber Wunder darf man von den Fürbitten nicht erwarten: Eine amerikanische Studie erforschte die Kraft des Gebets in Krankenhäusern.
Von Vincenzo VelellaMit Sicherheit gehören Gebet und Beschwörung höherer Mächte zu den ersten „Therapien“ überhaupt, zu denen die Menschen angesichts von Leid und Krankheit Zuflucht nahmen. Doch im Unterschied zu handfesten chirurgischen oder pharmazeutischen Eingriffen, die schon bei steinzeitlichen Funden nachgewiesen werden können, trifft man angesichts der Frage, wie man die Wirksamkeit solcher „noetischen“, also auf gläubiger Annahme durch den Betroffenen beruhenden Therapieversuche, empirisch exakt feststellt und beurteilt, auf viele Unwägbarkeiten.
So erstaunt es nicht, daß die Ergebnisse vieler Studien nahezu statistisch gleichverteilt auf die drei möglichen Ausgänge der Fragestellung „Hilft Beten?“, nämlich „ja“, „nein“, „unentschieden“ ausfallen, also keinen Erkenntnisgewinn bringen. Darüberhinaus war bisher keine Studie so angelegt, daß Kritiker danach nicht doch noch methodische oder systematische Fehler gefunden hätten. Da höhere Mächte naturgemäß den Menschen und dessen Erkenntnisstreben nicht berücksichtigen müssen, bewegt man sich grundsätzlich auf methodischem Glatteis.
Grenzgebiet zwischen Religion und Medizin
Doch außer medizinischen und theologischen Fragestellungen regt sich, angesichts der Tatsache, daß allein die Bush-Regierung seit dem Jahr 2000 sich mit über 2,3 Millionen Dollar direkt an Forschungsprojekten über die Wirksamkeit des Betens beteiligt hat, auch ein gesellschaftspolitischer Verdacht. Welch unterschiedlichen Stellenwert dies- und jenseits des Atlantiks Religion in der Öffentlichkeit einnimmt, konnten europäisch gesinnte Zuschauer zuletzt bei der Diskussion um die Hinrichtung von Stanley „Tookie“ Williams feststellen.
Fast hatte man den Eindruck, man wohne bei der Erörterung, ob Williams' Reue echt sei, einer scholastischen Auseinandersetzung bei, die nicht über Leben und Tod eines Häftlings entscheidet. Einem europäischen Betrachter jedenfalls scheint die Rolle, die Religion in der Öffentlichkeit jenseits des Atlantiks einnimmt, eher peinlich, weswegen Untersuchungen im Grenzgebiet zwischen Religion und Medizin in Deutschland kaum eine Chance auf Fördergelder der DFG haben dürften.
Loslassen und Ergebenheit
Angesichts solcher Studien stellt sich die fundamentaltheologische Frage, ob Gott sich überhaupt auf irgendeine Weise zum Objekt menschlicher Planung und Untersuchung machen läßt, und ob es nicht vielmehr ein Ergebnis gelungenen Gebetes sein könnte, daß Patienten negativen Entwicklungen im Krankheitsverlauf oder gar der Aussicht auf den eigenen Tod gefestigter begegnen, ist es doch Bestandteil aller mystischen Traditionen, nicht von Widrigkeiten befreit werden zu wollen, sondern sie auf die rechte Weise zu tragen.
Wenn im Zusammenhang mit religiösen Handlungen überhaupt von einem Ziel gesprochen werden kann, dann nicht im Sinne von Kontrolle oder Steuerung, sondern von Loslassen und Ergebenheit. Die amerikanischen Religionspsychologen Brenda Cole und Kenneth Pargament beschreiben eben diesen Begriff der spirituellen Ergebenheit als „paradoxen Weg des Kontrollierens: Jedwede persönliche Kontrolle wird zugunsten des Geheiligten aufgegeben, sei es für ein transzendentes Ziel, sei es für ein Ideal, eine persönliche Beziehung oder eine Verpflichtung.
Mentale Entspannung
Daß dies nicht ohne Wirkung bleibt, bekräftigen Meditationsforscher mit buddhistischem als auch christlichem Hintergrund, denn gerade unter jenen Voraussetzungen sei, sagen sie, die Heilwirkung von Meditation besonders groß. Ähnlich geht es einem Menschen, der sich Gedanken um seinen Schlaf macht: Er schläft nicht ein.
Eine in der April-Ausgabe des „American Heart Journal“ (Vol. 151, Nr. 4, pp. 934-42) veröffentlichte Studie hat nun versucht, durch einen möglichst einfachen Aufbau und Einsatz sorgfältigster statistischer und biometrischer Verfahrensweisen zu klaren Ergebnissen zu kommen.
„Für eine schnelle Genesung“
Der Kardiologe Herbert Benson vom Mind/Body Medical Institute bei Boston (Massachusetts) untersuchte zwischen Januar 1998 und November 2000 mit seinen Mitarbeitern insgesamt 1.802 Patienten in sechs verschiedenen Kliniken. Alle Kranken standen kurz vor einer einer Bypassoperation. Der ersten, aus 604 Menschen bestehenden Gruppe, teilte man mit, man würde möglicherweise für sie beten, und betete dann tatsächlich auch für sie. Den 597 Patienten aus der zweiten Gruppe sagte man dasselbe, doch wurde für sie nicht gebetet. Den Patienten der dritten Gruppe (601 Patienten) teilte man wahrheitsgemäß mit, daß für sie gebetet würde.
Als Fürbeter waren zwei katholische und eine evangelische Gruppe gewonnen worden, wobei für jeden Patienten, beginnend mit dem Abend vor der Operation, vierzehn Tage lang folgende Formel verwendet wurde: „für einen erfolgreichen Eingriff und eine schnelle, komplikationsfreie Genesung“, und die Begünstigten mit Vornamen und dem abgekürzten Familiennamen genannt wurden. Die Betreiber der - 2,4 Millionen Dollar teuren, größtenteils von der ausgewogenen John Templeton Foundation finanzierten - Studie hatten sich ursprünglich auch an Vetreter anderer Konfessionen und nichtchristlicher Religionen gewandt, sich wegen fehlender Bereitschaft zur Mitarbeit aber auf jene drei Gebetshäuser beschränkt.
Auswertung des Experiments ernüchternd
Man untersuchte die Mitglieder der drei Patientengruppen auf die Häufigkeit postoperativer Komplikationen innerhalb von dreißig Tagen nach dem Eingriff. Das Ergebnis ist ernüchternd. Bei 52 Prozent der ersten Gruppe, also jener, der man fürsprechendes Gebet in Aussicht gestellt und auch geleistet hatte, traten Komplikationen ein. Bei den Mitgliedern der zweiten Gruppe, für die nicht gebetet wurde, denen man es aber auch nicht versichert hatte, waren es 51 Prozent.
Am schlechtesten erging es jedoch den Mitgliedern der dritten Gruppe, also jenen, die sicher wußten, daß für sie gebetet wurde. Hier wiesen 59 Prozent der Patienten postoperative Beschwerden auf. Auch die Häufigkeit von gravierenden Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall innerhalb von dreißig Tagen nach dem Eingriff war größer, wenn für die Patienten gebetet worden war - auch wenn sie davon nichts wußten (18 Prozent aus Gruppe 1 gegen 13 Prozent aus Gruppe 2). Sowohl die allgemeine Sterblichkeit als auch die nach dem New York State Cardiac Surgery Reporting System als gering eingestuften Komplikationen waren in allen Gruppen annähernd gleich häufig.
Höhere Erwartungshaltung
Für jene, die nicht genau wußten, ob für sie gebetet wird, erwies sich der Umstand, ob tatsächlich gebetet wurde oder nicht, als irrelevant (52 gegen 51 Prozent Häufigkeit von Komplikationen), doch das Bewußtsein, Gegenstand des Gebetes anderer zu sein, ist nach dem Ergebnis dieser als Step (Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer) bezeichneten Studie mit einem höheren Risiko besetzt - was sich negativ auf weitere Untersuchungen dieser Art auswirken dürfte, setzt man doch über Gebete zu ihrem Gunsten informierte Patienten einer gewissen Gefahr aus.
Die erhöhten Häufigkeiten erklärt man sich mit einem gesteigerten Erwartungsdruck der Patienten und deren negativer Autosuggestion: „Steht es um mich so schlimm, daß nur noch Gebete helfen?“ Daß eine solche Studie keinesfalls beabsichtige nachzuweisen, „ob Gott existiert oder ob er Gebete erhört“, sei schon an der klinisch formulierten Fragestellung der Untersuchung zu erkennen, erinnert ein Vertreter der Templeton Foundation.
Nicht-christliche Fürbittgebete unberücksichtigt
Kritiker der Studie weisen aber darauf hin, daß man nicht die Eingebundenheit der Patienten in individuelle soziale und familiäre Netze, die möglicherweise ebenfalls, und dann nicht quantifizierbar, fürbittend eingetreten sind, berücksichtigt habe. Weiterhin könne man hinsichtlich einer persönlichen Prädisposition auch nicht von einer neutralen Auswahl der Patienten ausgehen, denn von den ursprünglich 3295 vorgesehenen Patienten hätten 1493 eine Teilnahme abgelehnt. Es könnten gerade die besonders religiösen gewesen sein, die Gott nicht auf die Probe stellen wollen, oder gerade diejenigen, die religiösen Fragen ablehnend gegenüberstehen.
Ein ganzes Bündel möglicher Fehlerquellen und verfälschender Kompromisse gibt Mitchell W. Krucoff im Editorial derselben Ausgabe zu bedenken. Zuerst die Beschränkung auf christliche Fürbeter, obwohl sie ursprünglich nicht beabsichtigt gewesen sei. Das würde zwar in gewisser Hinsicht die Gebetspraxis standardisieren, aber es könne doch auch sein, daß eine nicht-christliche Form des Fürbittgebetes zu anderen Ergebnissen führt.
Parallel betriebene Mantra-Studie
Weiterhin vermißt er eine Untersuchung von Placebo-Wirkungen: Wie wäre es einer Gruppe ergangen, der man Gebete zugesagt, diese aber dann nicht geleistet hätte? Als letzten kritischen Punkt nennt er die Stichprobengröße der Gruppen. Sie sei zwar statistisch korrekt, doch würden die für relevante Aussagen benötigten Mindestgröße von 1.800 Patienten nur um zwei Personen überschritten.
Krucoffs Wachsamkeit ist nicht grundlos, denn er ist Leiter der an der medizinischen Fakultät der Duke-Universität in Durham seit fünf Jahren betriebenen Mantra-Studie (Monitoring and Actualization of Noetic Training), deren Ergebnis ebenfalls in einem renommierten Medizinjournal („Lancet“ 366, 2005, pp. 211-217) veröffentlicht wurde (F.A.Z. vom 22. Juli 2005).
Musiktherapie, Traumreisen und Handauflegen
748 Patienten, die vor einem schweren Herzkatheter-Eingriff standen, wurden in vier Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt nur die schulmedizinische Standardtherapie, die zweite zusätzlich - von Christen, Muslimen, Juden und Buddhisten unterschiedlichster Konfession dargebrachte - Fürbittgebete, die dritte zusätzlich „MIT“, die vierte hingegen zusätzlich „MIT“ und Fürbittgebete, wobei sich hinter „MIT“ das Kürzel für „Music, Imagination, Touch“ verbirgt, eine Kombination aus täglich 45 Minuten lang angewendeter Musiktherapie, verbunden mit „energetischem Handauflegen“, mit dem die Patienten beispielsweise zu Phantasiereisen ermutigt wurden.
Man untersuchte, ähnlich wie in der Step-Studie, die Entwicklung des Gesundheitszustandes nach dem Eingriff, und ähnlich verhielten sich auch die Ergebnisse: Die Anwendung geistiger Verfahren führte zu keiner erkennbar schnelleren oder besseren Heilung. Leichte Verbesserungen stellte man allerdings bei der Stressresistenz, den Rehospitalisierungsquoten und den Todesraten fest.