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Heiligabend : Weihnachten mit den Reich-Ranickis

  • -Aktualisiert am

Bild: Privat (Eva Demski)

Ja, sie würden kommen: Energisch antworteten Tosia und Marcel Reich-Ranicki auf meine zögerliche Frage. Und so reimte sich von 1993 an Kürbissuppe auf Sternenschnuppe - und einen Tannenbaum gab es auch.

          Im Jahr des Mauerfalls, kurz vor Weihnachten, starb mein Vater. Drei Jahre später zur gleichen Zeit verlor ich auch meine Mutter. Nun musste ich über vieles nachdenken, irgendwann auch über die Frage: Was mache ich an Weihnachten? Meine Eltern waren nicht alt gewesen, ich hatte gedacht, alles würde noch viele Jahre so bleiben, wie es war. Die Weihnachtsabende in meiner Familie waren nicht sonderlich heilig oder besinnlich, mit dem Wort hätte keiner von uns etwas anfangen können. Sie waren gesellig und lustig, das hatten schon die Großeltern und der Familienlegende nach auch die Urgroßeltern so gehalten.

          Man dürfe an Weihnachten nicht den Leuten Platz in der Kirche wegnehmen, die sich das ganze Jahr über dort blicken ließen, soll mein Urgroßvater gesagt haben.

          Traditionell war am Heiligen Abend bei uns offenes Haus mit einem ordentlich weihnachtlichen Bühnenbild, einem sehr ambitioniert gestalteten Christbaum, der wegen der Katzen an der Decke hing, Kerzen überall und genug zu essen und zu trinken. Stundenlanges steifes Am-Tisch-Sitzen gab es nicht, vielmehr wurde darauf gewettet, wer alles vorbeikommen und wie lang der oder jene aus der Nachbarschaft brauchen würde, um aus der häuslichen Besinnlichkeit zu uns zu flüchten.

          Es hätte so weitergehen können. Meine Mutter und ich hatten nach dem Tod meines Vaters tapfer versucht, eine kleinere, schmucklosere und stille Version unseres unheilig-heiligen Abends hinzukriegen, das gelang uns wohl einigermaßen.

          Nun war sie aber auch nicht mehr da, an den Weihnachtsabend zwei Wochen nach ihrem Tod habe ich kaum eine Erinnerung. Das Haus wurde im Sommer ausgeräumt, und der Christbaumschmuck dreier Generationen, bei dem noch viel mehr Generationen von Katzen für Schwund gesorgt hatten, landete in meinem Frankfurter Keller. Der Herbst kam, schließlich der Winter, ich musste mich entscheiden.

          Bild: Privat (Eva Demski)

          Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten, als jetzt unwiderruflich Erwachsene Weihnachten zu feiern - Flucht in die Karibik oder Fortführung unserer Heiligabendtradition mit meinen Mitteln. Bei zwei Menschen in meiner Umgebung erntete ich mit der Weihnachtsidee Begeisterung - Tosia und Marcel Reich-Ranicki. Der Karibikplan wurde zu den Akten gelegt, ich verhehle aber nicht, dass ich in den folgenden Jahren oft versucht war, ihn wieder zu aktualisieren.

          Würdet ihr denn kommen, fragte ich die beiden.

          Sie versicherten mir energisch, dass sie das sehr wohl tun würden, ja, dass nichts sie davon abhalten könnte.

          Wir werden verhungern, sagte Marcel.

          Quatsch, antwortete seine Gattin, wir haben bei Eva immer was zu essen bekommen.

          Kann sie überhaupt kochen?, sagte Marcel bockig.

          Das weißt du doch, antwortete seine Frau.

          Sie überspielten mit dem Geplänkel, dass der Weihnachtsabend für sie in den vergangenen Jahren offenbar ein Problem, einen schwierigen Termin bedeutet hatte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen - Weihnachten! Das war doch ein sehr unjüdisches Fest! Silvester, das wusste ich, waren sie jedes Jahr bei alten Freunden.

          Marcel sagte jedes Mal, wenn ihm anlässlich eines Jahreswechsels ein Mikrofon hingehalten wurde: Ein errrrnstes Fest! Kein Grund zum Jubel und Krachmachen und all dem Blödsinn!

          Das Silvesterverdikt kannte ich von ihm, und da ich sowohl Jubel als auch Krachmachen an Silvester liebte, wäre gemeinsames Feiern sowieso undenkbar gewesen. Aber Weihnachten hieß offenbar für die beiden, allein zu sein inmitten fremder Feierei. Es war ein Fest, von dem sie sich ausgeschlossen fühlten, obwohl es ihnen, vor allem Tosia, vertraut war. Ich glaube, sie hat es sogar geliebt.

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