http://www.faz.net/-gqz-8pt2e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 18.01.2017, 13:12 Uhr

Heike-Melba Fendel im Gespräch Jeder Film ist eine Verheißung

Bald ist wieder Berlinale. Heike-Melba Fendel hat einen Roman über diese „Zehn Tage im Februar“ geschrieben. Ein Gespräch über einen flirrenden Ausnahmezustand.

von
© Jennifer Fey Heike-Melba Fendel ist Schriftstellerin, Journalistin und Inhaberin der Künstleragentur Barbarella

Ihr Buch „Zehn Tage im Februar“ beginnt ein paar Stunden vor der Eröffnung der Filmfestspiele in Berlin. Die Ich-Erzählerin kommt nach Hause, und ihr Mann ist nicht da. Er hat nur einen Zettel hinterlassen: „Ziehe für zehn Tage zu Sepp, das ist besser für uns beide.“ Zehn Tage dauert auch die Berlinale. Man denkt erst, es geht im Buch um diesen Mann. Aber dann sind die Filme viel wichtiger als die Männer.

Julia  Encke Folgen:

Es sind vielleicht nicht die Filme, sondern die Verheißung, die in ihnen steckt. Nämlich, dass man für eine begrenzte Zeit alles sein, alles fühlen und begreifen kann – dann aber auch wieder Schluss ist. Diese zahllosen Identitätsversionen, die das Kino anbietet, sind eigentlich das, was die Ich-Erzählerin meines Romans sucht. Es ist ein bisschen so, wie Schauspieler sich Rollen einverleiben. Sie kennen vielleicht diesen Filmbegriff, „suspension of disbelief“, die „willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“. Man weiß, dass alles nicht wahr ist, ist aber bereit, dieses Wissen aufzugeben. Und das ist es, was meine Figur so liebt und von dem sie so fasziniert ist. Demgegenüber steht dann die sogenannte Wirklichkeit, die den Nachteil hat, dass sie chronologisch ist und es Dinge gibt wie Häuser und Beziehungen, die auf Ewigkeit angelegt sind.

Wollen Regisseure nicht auch Filme schaffen, die alles überdauern?

Natürlich. Meiner Heldin verspricht das Kino allerdings nur in seiner Fülle an Angeboten Unendlichkeit, an einzelne Filme hat sie diesen Anspruch nicht.

Zusammen mit ihrer Freundin fährt die Ich-Erzählerin auf alle möglichen Filmfestspiele: Cannes, Edinburgh, einmal nach Hof, sie besuchen die Berlinale. Das ist ein kleiner Kosmos, der wenigen zugänglich ist. Wie würden Sie ihn beschreiben? Als Ausnahmezustand, in den man sich rituell für einen festgelegten Zeitraum begibt?

Wir leben ja in einer Zeit, in der wir uns alles nach unseren eigenen Wünschen und Vorgaben aussuchen, kaufen und bestellen können; in der die Dinge genauso sind, wie wir vorher beschlossen haben, dass sie zu sein haben, Männer oder Möbel. Filmfestivals sind dagegen so etwas wie ein Blind Date mit dem Kino, weil man nicht weiß, was kommen wird. Darauf lässt man sich ein. Es gibt ununterbrochen Filme. Da geht man rein ...

... gehen Sie auch mal raus?

Ich gucke sie mir in der Regel bis zu Ende an, es sei denn, ich schlafe ein, weil man ja chronisch übermüdet ist. Peter Ustinov hat das einmal gesagt, als er, ich glaube, in Venedig in der Jury war, dass diejenigen Filme die besseren gewesen seien, bei denen er nicht eingeschlafen sei. Er meinte das ganz ernst.

Ist jedes Festival sein eigener Film?

Sie sind allein geographisch und klimatisch sehr unterschiedlich. Es gibt auch unterschiedliche Arten der Nutzung, ob man eher Stars kennenlernen, auf Partys gehen will, ob das Festival eine Drehscheibe für geschäftliche Aktivitäten sein soll. Oder für Affären. Da sind die Angebote sehr verschieden.

Wo sind sie am besten?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Leidet Trump?

Von Christian Geyer

Ob das, was Donald Trump so tut, noch normal ist oder nicht, das wird kein Psychiater beurteilen können – so lange sich der Präsident nicht selbst einweist. Mehr 3 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“