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Heidelberger Hochschule Deutsch-jüdische Kultur? Ein Phantom!

01.10.2009 ·  Selbstentfremdung ohne Kompensation: In seiner Rede zur Eröffnung des Neubaus der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg erklärt Salomon Korn, warum die Zukunft des Judentums in Deutschland aus den klassischen Bildungseinrichtungen kommt.

Von Salomon Korn
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Aus jüdisch-orthodoxer Sicht existiert nur eine jüdische Religion auf der Grundlage göttlicher Offenbarung, aber keine davon abgeleitete oder gar von ihr unabhängige jüdische Kultur. Eine solche hätte sich vom Kern jüdischer Religion, von den Quellen des Judentums entfernt, hin zu einem verweltlichten, schließlich sich auflösenden Judentum. Damit dient jüdische Kultur, sofern sie von der Orthodoxie als solche anerkannt wird, einzig und allein der Erfüllung des Religionsgesetzes, ja, sie fällt in der Praxis immer wieder mit ihr zusammen. Und so sind es vor allem Kultusgegenstände aus Haus und Synagoge, der Buchdruck und die Kalligraphie der hebräischen Schrift, die diesen Bereich definieren.

Die Diaspora als bestimmende Existenzform des Judentums hat lange zur Aufrechterhaltung der Einheit von jüdischer Religion und jüdischer Kultur beigetragen. Erst die Aufklärung mit ihrer Infragestellung und schließlichen Leugnung der rein theologischen Form aller Kultur führte seit dem achtzehnten Jahrhundert zu einer allmählichen Auflösung dieser Einheit. Im Christentum hatte sie sich schon Jahrhunderte zuvor, spätestens seit der Renaissance, abgezeichnet, weshalb aus Sicht der Kulturwissenschaft eine christliche Kultur in all ihrer Vielfalt viel früher auszumachen ist als eine jüdische.

Jüdische Kultur ist ubiquitär

Im Unterschied zu deutscher Kultur ist jüdische Kultur nicht kulturlandschaftlich geprägt, sondern ihrem monotheistisch-abstrakten Wesen nach ubiquitär. Kein Wunder, wenn jüdische Gelehrte des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts Gemeinsamkeiten zwischen Deutschtum und Judentum weniger in einer regional ausgebildeten deutschen Alltagskultur als vielmehr in deutscher Philosophie und Klassik finden. Im europäischen Humanismus beheimatet, haben deren Vertreter die Regionalität eines an bestimmte Landschaften und Länder gebundenen Denkens hinter sich gelassen.

Was unterscheidet nun jüdische Kultur in Deutschland vor 1933 von der oft gepriesenen „deutsch-jüdischen“ Kultur? Während Erstere, die jüdische Kultur, vor allem kulturelle Erscheinungen umfasst, die unmittelbar oder mittelbar aus originär jüdischen Quellen fließen, meint „deutsch-jüdische“ Kultur jenen nachfolgenden Schritt, mit dem es zu einer Verbindung zwischen jüdischer und deutscher Kultur kommt: ein im Ergebnis eigenständiges, aus ursprünglich einander fremden Elementen entstandenes Kulturphänomen.

Marginaler jüdischer Einfluss auf die deutsche Kultur

In diesem Zusammenhang ist ein Blick auf das zahlenmäßige Verhältnis zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung in den letzten zweihundert Jahren erhellend, wenngleich das reine Zahlenverhältnis nicht unmittelbar etwas über die tatsächliche Bedeutung des jüdischen Bevölkerungsanteils für die „deutsch-jüdische“ Kultur aussagt. Der Anteil der Juden betrug im Durchschnitt nie mehr als ein Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Bei diesem Verhältnis ist es kühn, ja vermessen, eine nennenswerte „deutsch-jüdische“ Symbiose zu erwarten. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Deutscher christlicher Herkunft Bedeutendes auf dem Gebiet der sogenannten „deutsch-jüdischen“ Kultur oder gar auf dem der jüdischen Kultur geleistet hätte. Aus Sicht des Judentums ist Akkulturation immer eine Angleichung des Judentums an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft und nie eine beidseitige Annäherung.

Die Juden in Deutschland haben vor der Vernichtung des deutschen Judentums aus ihrer gesellschaftlich verwehrten Gleichstellung heraus kulturelle Leistungen erbracht, die man nur unter den geschilderten Vorbehalten als „deutsch-jüdische“ bezeichnen kann. Es sind keine genuin jüdische oder „deutsch-jüdische“ Kulturphänomene als Produkte einer friedlichen und fruchtbaren Symbiose, sondern gegen Widerstände der christlichen Mehrheitsgesellschaft abgetrotzte, vorwiegend säkulare Kulturleistungen. Während der Einfluss jüdischer Frauen und Männer auf nahezu alle Bereiche deutscher Kultur, vor allem auf Literatur, Musik und Wissenschaft, bedeutsam war, blieb der Einfluss des Judentums auf die deutsche Kultur allenfalls marginal.

Ungewürdigte Beiträge zur deutschen Kultur

Diese Phänomene sind immer wieder verwechselt und vermengt worden, vor allem dann, wenn es um den bedenklichen Nachweis ging (und geht), welche herausragenden Leistungen deutsche Kultur und deutsche Wissenschaft Juden verdanken. Mit jedem dieser wohlgemeinten „Name-dropping“-Nachweise treten Juden in Deutschland weder als Deutsche noch als jüdische Deutsche auf, sondern zum Preis einer fragwürdigen Exklusivität als gesellschaftlich abgegrenzte Minderheit aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft heraus.

Der Beitrag deutscher Juden zur deutschen Kultur zum Preis ihrer Akkulturation und Assimilation ist von der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft nie mit wirklicher gesellschaftlicher Gleichstellung des jüdischen Kollektivs gewürdigt worden. Vielleicht war die Zeit dafür zu kurz, vielleicht die nichtjüdischen Deutschen in ihrem Ringen um Nationalität und soziale Stabilität noch zu schwach, denn ein deutsches Judentum, das diesen Namen wirklich verdiente, gab es nur etwa fünfzig Jahre: zwischen Reichsgründung (1871) und Konstituierung der Weimarer Republik (1918). Bereits in diesen Jahrzehnten entstand der Zionismus und eine, wenn auch bescheidene, national-jüdische Bewegung in Deutschland. Beide Bewegungen waren Reaktionen auf eine vollständige Akkulturation und Assimilation deutscher Juden in Erkenntnis der Fallstricke einer „deutsch-jüdischen Symbiose-Kultur“: Nur wenn das Judentum spezifische Eigenschaften und Traditionen wahrt, kann es Quelle von „Kulturproduktion“ und Kulturaustausch mit anderen Kulturen sein.

Zwischen Abschottung und Assimilation

Bewahren Juden ihre besondere Prägung, dann bleiben sie bewusst eine eigene Gruppe innerhalb der Mehrheitsgesellschaft, was im angloamerikanischen Bereich tendenziell der Fall ist. Geben Juden ihre spezifische Prägung auf, dann verlieren sie ihre Besonderheiten und akkulturieren oder assimilieren sich früher oder später in die Mehrheitsgesellschaft, ohne eigene kulturelle Spuren zu hinterlassen. Aus diesem Dilemma – wenn es denn eines ist – scheint es keinen Ausweg zu geben.

Durch das von Deutschen verübte nationalsozialistische Menschheitsverbrechen waren weite Bereiche der deutschen Kultur diskreditiert. Seither kann diese von den deutschen Juden einst so heißgeliebte Kultur nicht mehr mit deren einstmaliger „Naivität“ gesehen werden. Nichtjüdischen Deutschen, die sich mit jüdischer Kultur in Deutschland beschäftigen, scheint immer noch das Ideal einer „deutsch-jüdischen“ Kultur im Sinne einer verklärten „deutsch-jüdischen Symbiose“ vorzuschweben. Damit ist vermutlich der Wunsch verknüpft, verlorengegangene Anteile der eigenen Tradition im großen Topf einer revitalisierten „deutsch-jüdischen“ Kultur wiederzufinden. Doch gelten solche Wiederbelebungsversuche einem Phantom. Aus Sicht des Judentums war „deutsch-jüdische“ Kultur stets eine Übergangs- und Auflösungserscheinung auf Kosten jüdischer Eigenart und jüdischer Wesensmerkmale gewesen.

Keine substantielle jüdische Kultur in Deutschland seit 1945

Die historischen Erfahrungen der Juden mit jüdischer Kultur in Deutschland oder mit „deutsch-jüdischer“ Kultur sind von Tragik gekennzeichnet. Nach 1945 hat sich in Deutschland eine wirklich substantielle jüdische Kultur nicht herausgebildet, ja nicht herausbilden können. Deren einstmalige Träger waren größtenteils ermordet oder emigriert. Die kleine Schar der bis 1990 knapp 30 000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinschaft war weder von ihrer heterogenen Zusammensetzung noch von ihrer institutionellen und finanziellen Ausstattung her in der Lage, eine nennenswerte jüdische Kultur aufzubauen. Eine neue, durch die seit 1990 verstärkte Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion geprägte jüdische Kultur ist als gesellschaftlich relevantes Phänomen bisher nicht erkennbar.

Was den Juden in Deutschland nach der zunächst diskreditierten Geschichte des deutschen Judentums als einer Geschichte der Überangepasstheit und Auflösung blieb, war der Versuch einer nach innen orientierten Pflege jüdischer Tradition in Familie, Synagoge und Gemeinde. Die Aufrechterhaltung einer außengeleiteten, „gesellschaftsfähigen“ jüdischen Repräsentationskultur entsprach und entspricht eher wohlgemeinten nichtjüdischen Vorstellungen von jüdischer Kultur und sicherlich auch denen manch jüdischer Repräsentanten.

Selbstentfremdung ohne gesellschaftliche Kompensation

Doch es gibt Einrichtungen in Deutschland, die Kristallisationskerne einer möglichen zukünftigen jüdischen Kultur sein könnten: die jüdischen Kindergärten, Schulen, Volkshochschulen, Bibliotheken und Jugendzentren – vor allem in den Großgemeinden; die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, das Abraham Geiger Kolleg, das Touro College Berlin, die Lauder Foundation Jüdisches Lehrhaus und in Gründung sich befindliche Jüdische Akademien und Jüdische Kollegien – kurz: die klassischen Lehr- und Lernorte des Judentums.

Aus jüdischer Sicht bleibt die Geschichte der jüdischen Kultur in Deutschland eine des vergeblichen Aderlasses jüdischer Substanz und eine der dauerhaften Selbstentfremdung ohne nachhaltige gesellschaftliche Kompensation. Warum also sollte aus jüdischer Sicht ein solches Kapitel revitalisiert werden? Und wenn partiell doch, dann sicherlich nicht mit jenen Zielen und Absichten, wie sie aus einer Geschichte der Selbstverleugnung und des Scheiterns abzulesen sind. Es darf keine unter gesellschaftlichem Legitimationsdruck abgepresste oder politischem Kalkül dienende „deutsch-jüdische“ Kultur als eine weitere Übergangs- und Auflösungsvariante des Judentums in Deutschland sein. Eine eigenständige, erneuerte jüdische Kultur wird nur wachsen, wenn sie nicht vorrangig danach schielt, aus fragwürdigen Nützlichkeitserwägungen heraus einen ihr wesensfremden Beitrag zur deutschen oder europäischen Kultur zu leisten. Allein durch Verwirklichung dieses Anspruches wird sie eine Bereicherung deutsch-jüdischer und europäisch-jüdischer Kultur sein.

Salomon Korn hielt diese hier leicht gekürzt dokumentierte Rede zur Eröffnung des Neubaus der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

Quelle: F.A.Z.
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