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Veröffentlicht: 24.09.2015, 21:00 Uhr

Kontinentale Philosophie Hegel wohnt hier nicht mehr

Wer kontinentale Philosophie studieren will, sollte nach China oder Brasilien gehen. In Deutschland liegt das Erbe des deutschen Idealismus am Boden. Seine gedankliche Wucht versandet im Kleinteiligen.

von Manfred Frank
© culture-images/foticon/Sammlun Allegorie der Philosophie am Schillerdenkmal auf dem Berliner Gendarmenmarkt

Ein Gespenst geht um an Deutschlands philosophischen Seminaren: das Gespenst eines Weltsiegs der analytischen Philosophie und eines Massenexodus der geschlagenen kontinentalen Philosophie. Wohin zieht sie? Vorwiegend in andere Erdteile: nach Ostasien, Australien, Brasilien oder, ausgerechnet, in die Vereinigten Staaten, von denen der entscheidende Schlag gegen die kontinentaleuropäische Philosophietradition geführt wurde.

Wer heute das Markenzeichen der deutschsprachigen Philosophie, den deutschen Idealismus (die unmittelbar an Kant anschließende spekulative deutsche Philosophie), studieren will, wird kaum von einer deutschsprachigen Universität durch ihr Lehrangebot, geschweige durch ihre Lehrpläne dazu ermutigt. Ja, ein Student wird ernsthaft überlegen, ob er sein Interesse nicht besser in Sydney, Notre Dame, Georgetown oder Chicago wird befriedigen können. Die Universitäten zumal der Vereinigten Staaten haben eine lange Tradition in der Aufnahme deutscher Philosophen, die sich im geistigpolitischen Klima ihrer Heimat unwohl fühlten oder geradezu verfolgt wurden.

Freilich: Das Emigrationspersonal hat sich merkwürdig gewandelt. Einst, in den finsteren Zeiten dreier Deutscher Reiche, waren es Vertreter der wissenschaftsförmigen, ,rationalen‘, an Sprachanalyse und Logik orientierten, oft sozialistischen Philosophie, die aus dem deutschen Sprachraum drängten. Im Blick auf die Gründerväter Frege, Russell, Carnap und Wittgenstein nennt man diese Tradition die ,analytische Philosophie‘. Ohne den deutschsprachigen Beitrag wäre die analytische Philosophie nicht geworden, was sie heute ist. Indem man den überwiegend deutsch-österreichischen Export kurzerhand zur ,angelsächsischen‘ Philosophie schlägt, schickt man die ausgewanderten Philosophen ein zweites Mal in die Emigration.

Phasen fruchtbaren Austauschs

Aber die Frage lautet anders: Emigriert nun auch der „irrationale“ Rest - die als „Nonsense“-Produzentin geschmähte ,klassische‘ deutsche Philosophie? Das wäre eine merkwürdige Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse! Durch den Exodus der deutschen Sprachanalyse war in den dreißiger Jahren die deutsche Philosophie brutal auf ihren ,kontinentalen‘ Rest geschrumpft: eine dem Nationalsozialismus botmäßige oder ihm jedenfalls nicht laut widersprechende Weltanschauungsphilosophie war zurückgeblieben. Und diese Universitätsphilosophie prägte weiterhin die Landschaft nach der „Stunde null“.

Es gab, abgesehen von einigen heimgekehrten Emigranten wie Horkheimer und Adorno, zwei Jahrzehnte lang kaum philosophische Lehrer, die nicht Schüler von NS-Philosophen waren oder, wie der charaktervolle Karl Jaspers, erst jetzt und erst recht in die Emigration gingen. Erst gegen Ende der sechziger Jahre, eigentlich erst im Zuge der Studentenrevolte, die mit der deutschen Tradition gründlich aufräumte, kam die analytische Philosophie nach Deutschland zurück. Das war vor allem die Leistung Paul Lorenzens (des Chefs der Erlanger Schule), Ernst Tugendhats und Karl-Otto Apels. Aber auch der größte Kenner des deutschen Idealismus, Dieter Henrich, suchte und schuf das Gespräch mit der angelsächsischen Philosophie, so dass die Ruinen des deutschen Idealismus in ungewohnter Klarheit erstrahlten.

Aus dieser Kooperation sind bedeutende Einsichten der Philosophie des Geistes hervorgegangen, die in den Staaten ,Philosophy of Mind‘ heißt. Eine Art von Austausch hatte begonnen. Immer noch wird er gesucht, bedeutende Forschungen belegen es. Aber sie knicken mehr und mehr ein vor der Übermacht einer Neuscholastik, die nicht das Gespräch mit der Tradition, sondern deren Ausrottung sucht.

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