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Ein Abend im Auswärtigen Amt : Hausordnung

Ein Gespräch über Heimat ist kein Heimspiel: Der israelische Schriftsteller Meir Shalev und der Filmregisseur Edgar Reitz waren zu Gast bei Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

          Er werde schon unruhig, wenn er eine Woche nicht zu Hause sei, sagte am Donnerstagabend im Weltsaal des Auswärtigen Amts der israelische Schriftsteller Meir Shalev. Frank-Walter Steinmeier, der neben ihm saß, rutschte auf seinem Stuhl hin und her: „Ich muss mich wahrscheinlich umgekehrt fragen, ob ich nicht unruhig werden sollte, wenn ich mal eine Woche zu Hause bin.“

          Der Bundesaußenminister, Shalev und der Filmregisseur Edgar Reitz sprachen am Donnerstagabend über „Zweierlei Heimaten“, eine Diskussion zu fünfzig Jahren diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Der Rahmen war staatstragend, der Saal voll, die Cellistinnen auf der Bühne trugen schulterfreie Abendkleider, die Schauspielerin Corinna Kirchhoff schlug einen besonders hohen, theaterhaften Kunstton an, als sie Passagen aus Shalevs Roman „Der Junge und die Taube“ vorlas, dessen Satzmelodien sie mit Hand- und Armbewegungen verlängerte.

          Netanjahus Botschaft

          Aber wie die drei Männer da vorne sprachen, das war angenehm lapidar und humorvoll. Diplomatie ist eine Sache des Tons, hier war er an vielen Stellen überraschend ironisch. Edgar Reitz, weltbekannt durch seine „Heimat“-Trilogie, wurde zum wahrscheinlich hunderttausendsten Mal in seinem Leben gefragt, was Heimat für ihn sei: „Ja, ja, immer wenn es um Heimat geht, ruft man mich. Aber nach so vielen Jahren weiß ich eigentlich gar keine Antwort mehr.“

          Meir Shalev, dem die Moderatorin die ebenfalls nicht gerade originelle Frage stellte, ob es in Israel nicht ganz schön gefährlich sei, meinte, ja, klar, das halte ihn aber nicht davon ab, sich zu Hause zu fühlen. Nach den Attentaten in Paris könne man das hier in Europa vielleicht im Moment gut nachvollziehen. Steinmeier, der gerade in Paris gewesen war, erzählte, dass er die „Je suis Charlie“-Kundgebungen als Manifestationen eines selbstbewussten Volks erlebt habe, das sich seine Freiheit nicht nehmen lassen wolle, weshalb er die Aufforderung an die französischen Juden, Frankreich zu verlassen, mehr als irritierend gefunden habe.

          „Jeder Jude, jede Jüdin, die nach Israel kommen wollen, sind willkommen. Sie kommen nicht in ein fremdes Land, sondern in die Heimat ihrer Vorväter. Mit Gottes Hilfe werden viele von euch nach Israel kommen“, hatte der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu in der Großen Synagoge in Paris verkündet. Meir Shalev lehnte sich im Weltsaal in Berlin in seinem Stuhl zurück: Benjamin Netanjahu, sagte er mit feinem Spott, solle lieber daran denken, dass er der Premierminister Israels sei und nicht der Premierminister der Juden.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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