17.01.2007 · Protestantisch-spröde soll die Wirtschaft sein, langweilig, unpersönlich? Was jetzt in Braunschweig vor Gericht kommt, straft diese Vorstellungen lügen. Im Prozess gegen den ehemaligen VW-Vorstand Peter Hartz stecken Motive für einen ganzen Romanzyklus.
Von Jürgen KaubeWir haben große Beschreibungen von Paris, Weimar, Wien, Dublin, New York, Prag, Berlin und London. Soziologische, philosophische, vor allem literarische. In Weimar hat man ein ganzes Bildungsreich gefunden, in Paris ein ganzes Zeitalter, in Wien den Weltuntergang um 1900. Exemplarische Figuren, repräsentative Milieus, Allegorien der Moderne.
Was wir nicht haben, ist ein Roman über Wolfsburg. Dabei ist Wolfsburg ein ganzer Romanzyklus, ein politischer Krimi, eine Familiensaga, ein Heimat- und ein Wirtschaftsroman, also phantastische Literatur. Oder ist es etwa keine Gespenstergeschichte, wenn eine Stadt eigentlich eine Firma ist? Wenn sie darum zunächst und ganz zutreffend bis 1945 „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ heißt? Wenn sie nur gegründet wurde, um das herzustellen, worauf sich einzustellen, allen anderen, historischen Städten einen zweiten, nicht enden wollenden Untergang bedeutete, den Personenkraftwagen? Und zwar nicht irgendeinen, sondern nachgerade die Idee des PKWs als eines Massenbeglückers.
Was wäre „Der Bauch von Paris“ dagegen?
„Der Bauch von Paris“ - was wären die Beschreibungen Émile Zolas gegen „Die Hallen von Wolfsburg“, wenn wir diesen Roman doch nur hätten? Und was Balzacs „Bankhaus Nucingen“ gegen „Das Autohaus Piëch“? Denn nicht weniger phantastisch wird man es nennen, wenn eine Firma ihrerseits meistens ein Verwandtschaftsnetz ist - „Das Glück der Familie Porsche“ müßte der zweite Band jenes Romanzyklus' heißen -, dann wieder mächtiger als ein ganzes Land, dessen Politiker ihr darum huldigen und sich wie Kinder freuen, wenn man sie „Autokanzler“ nennt, dann wieder fast pleite, dann wieder mit einem weiteren Auto zum Symbol einer ganzen Generation erhoben wird.
Wo also ist der Karl Marx, der Honoré de Balzac, der Zola oder Tom Wolfe von Wolfsburg? Heute könnte er mit dem Band „Im Paradies der Nutten“ beginnen, oder mit einem mehr juristischen Arbeitstitel: „Glanz und Elend des Geschlechtsverkehrs auf Firmenkosten“. Denn heute beginnt im Landgericht Braunschweig - und endet dort, allen Erwartungen nach, wohl schon nach dem zweiten Verhandlungstag nächste Woche - der Prozeß gegen Peter Alwin Hartz.
An welchem Fluß liegt eigentlich Wolfsburg?
In seinem Bildungsroman verdichten sich Motive und Personal des Epos Wolfsburg auf eine fast schon aufdringliche Weise: Der Aufstieg vom Sohn eines saarländischen Hüttenarbeiters über den Champion der Mitbestimmungswirtschaft in der Montanindustrie bis zum Arbeitsdirektor unter seiner Exzellenz Ferdinand Piëch. Die Sonderwirtschaftszone Wolfsburg, in der seit den Tagen der Kraft durch Freude gilt, der Betrieb sei eine Gemeinschaft, weshalb alle, alle, die Chefs und die Arbeiterklasse und die Chefs der Arbeiterklasse, in einem Boot sitzen. (An welchem Fluß liegt eigentlich Wolfsburg, wir brauchen dringend einen Ersatzbegriff für „rheinischer Kapitalismus“!)
Und schließlich die umgekehrte Verwechselung des Landes mit einem Standort und einer Firma, die es folgerichtig sein läßt, für politische Reformen Betriebswirte und Unternehmensberater heranzuziehen, den Inhaber beispielsweise der „Professor Dr. h.c. Peter Hartz GmbH & Co. KG“, der nach dem Prozeß das Land weiter mit solchen Ideen beliefern möchte, die ihn zum Chefbeleuchter der Arbeitsmarktreformfassaden des lupenreinen Auto-, Gas- und Medienkanzlers machten.
Man hört einfach zu wenig von dieser Welt
All diese Motive wären aber nichts und würden zu gar keinem Roman führen, sondern nur zu einer Tagung am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, wenn da nicht die eigentliche Handlung wäre. Etwa die Szene, in der Peter Hartz zusammen mit einem Faktotum in Lissabon Bordelle durchkämmt, um eine brasilianische Prostituierte wiederzufinden, die es ihm andernorts angetan hatte. Oder wie er sie zu sich nach Paris fliegen läßt. Oder eine Kollegin nach Braunschweig bestellt, der er sich, ihrer Aussage nach, als „wirkliche Persönlichkeit“ vorstellt. Andere dienstbare Mädchen gab es in Shanghai, Seoul und Bratislava, von denen ganz zu schweigen, die zu anderen Managern von VW lieb waren. Der Werksarzt soll die Verantwortungsträger mit Viagra versorgt haben. Und die Betriebsräte konnten ihr Triebleben unter „Vertrauensspesen“ abrechnen, was in der innerbetrieblichen Landschaftspflege zu Eigenbelegen in Höhe von fast einer Million Euro innerhalb von fünf Jahren führte.
Es sage also noch einer, die Wirtschaft habe etwas mit protestantischer Ethik zu tun. Hatte sie niemals. Oder sei langweilig. War sie noch nie. (Und wäre sie auch dann nicht zu nennen, wenn man berücksichtigt, daß die tolldrastischen Geschichten auch todtraurige Geschichten sind, zum Beispiel für die Frauen dieser korrupten Lustgreise). Oder in der verwalteten Welt des Spätkapitalismus gehe es unpersönlich zu. Unfug, wirkliche Persönlichkeiten können unter allen gesellschaftlichen Umständen ihre ganze Subjektivität ins Organisationsleben einbringen und haben dann auch viele Freunde.
Nein, es ist vielmehr so, dass wir einfach nur zu wenig von dieser phantastischen Welt zu hören bekommen. Weil ihre Opfer beschämt schweigen, weil ihre Insassen unverschämt so tun, als gebe es sie nicht, und weil die Dichter offenbar anderweitig beschäftigt sind oder Ausländer, die nicht wissen, dass Wolfsburg die Hauptstadt der Wolfsburger Republik und des nicht enden wollenden zwanzigsten Jahrhunderts ist.
"Kraft durch Freude"!
Hartmut Schliefkowitz (Kapau2007)
- 17.01.2007, 08:50 Uhr
Kraft durch...
Dirk Sternberg (crescendo)
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Frank Becker (rush)
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Peinlich - Professorentitel
arthur hund (arturhund)
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Wo sind die Dichter?
Christine Jakeman (Ruben2)
- 17.01.2007, 11:30 Uhr