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Harry Potter III Her mit den kleinen Engländerinnen: „Harry Potter 3“

03.06.2004 ·  Aller guten Dinge sind drei: Der Regisseur Alfonso Cuarón haucht dem Zauberlehrling Harry Potter endlich filmisches Leben ein. „Der Gefangene von Askaban“ läuft nun auch in den deutschen Kinos.

Von Michael Althen
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Um zu begreifen, was es für einen Regisseur bedeutet, sich ins Korsett einer Harry-Potter-Verfilmung zu zwängen, muß man sich vielleicht erst mal in Erinnerung rufen, welche Freiheiten er sich in früheren Arbeiten erlaubt hat. Der Mexikaner Alfonso Cuarón hat beispielsweise zuletzt den Achtungserfolg "Y Tu Mama Tambien" gedreht, in dem die beiden spätpubertären Helden im Freibad auf Sprungbrettern liegen und um die Wette masturbieren. Sie feuern sich an, indem sie sich gegenseitig Frauennamen zurufen, die ihre Vorstellungskraft erregen - auch die Schauspielerin Salma Hayek kommt dabei zu zweifelhafter Ehre. Auf beider Höhepunkt folgt dann eine Aufnahme, die man die erste Unterwasser-Sperma-Einstellung der Filmgeschichte nennen könnte. Später fahren die beiden Jungs mit einer etwas reiferen Frau quer durch Mexiko, was beinahe zwangsläufig in einen flotten Dreier mündet.

Von solchen Dingen wagen die drei Helden Joanne K. Rowlings noch nicht einmal zu träumen. Aber weil bei Harry, Ron und Hermine die Pubertät ihre Schatten vorauswirft, hatte man die segensreiche Idee, mit Cuarón einen Regisseur zu verpflichten, der im Unterschied zu seinem Vorgänger Chris Columbus ein Händchen für die drohende Geschlechtsreife hat. Nicht daß aus dem jungen Potter plötzlich ein Dirty Harry würde, aber Cuarón erlaubt sich in der ersten Einstellung immerhin die augenzwinkernde Andeutung, Harry könnte nächtens in seinem Zimmer unterm Laken mit etwas anderem als seinem Zauberstab befaßt sein.

Die Sache könnte noch interessant werden

Zumindest ist es gestattet, die in aller Heimlichkeit erwachenden Kräfte des Zauberlehrlings auf eine Weise umzudeuten, die allerdings die Jugendfreigabe gefährden würde. Und auch wenn es am Ende in Hogwarts doch nicht heißt: Her mit den kleinen Engländerinnen!, gelingt es Cuarón immerhin, dem Roman bei aller Vorlagentreue einen Film zu entreißen, der mehr ist als die kindgerechte Aufforderung zum Kauf der diversen Merchandising-Artikel. Wenn es so weitergeht, verspricht die Sache tatsächlich irgendwann noch richtig interessant zu werden. Für den vierten Teil ist jedenfalls Mike Newell engagiert worden, der in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" schon gezeigt hat, daß er weiß, wie man widrigen Umständen eine Romanze abringt.

"Harry Potter und der Gefangene von Askaban" folgt erst mal brav dem Muster der Vorgänger: Es gibt die lustige Szene im Haus der bösen Stiefeltern, eine rasante Fahrt mit einem geisterhaften Doppeldeckerbus, die Wiederbegegnung mit Hermine und Ron, die Abfahrt vom Bahnsteig Neundreiviertel in King's Cross, die Ankunft im Internat von Hogwarts. Was aber dann folgt, unterscheidet sich von Teil eins und zwei nicht nur, weil schon die Romanvorlage einen düstereren Ton anschlägt, sondern vor allem durch die Art, wie diese Stimmung in Szene gesetzt wird.

Hauptdarsteller wachsen in ihre Rollen hinein

Ein Reiz der Serie besteht ja auf Dauer darin, den Darstellern Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint beim Älterwerden zusehen zu können, was ja automatisch bedeutet, daß sie dabei buchstäblich in ihre Rollen hineinwachsen und sie nach und nach mit Leben und auch eigener Geschichte füllen. Der dritte Teil trägt dem Rechnung, indem er den drei Helden mehr Raum gewährt und sie nicht nur wie Spielfiguren zwischen den Auftritten berühmter englischer Schauspieler umherschiebt.

Auch diesmal sind die Nebenrollen mit allem besetzt, was im britischen Kino Rang und Namen hat: Michael Gambon hat Richard Harris in der Rolle des Dumbledore beerbt, David Thewlis spielt den Professor Lupin, Gary Oldman ist kaum erkennbar als Gefangener von Askaban, Emma Thompson köstlich als esoterisch verwirrte Wahrsagerin, Timothy Spall gibt die Ratte in Menschengestalt, auch Julie Christie hat einen winzigen Auftritt, und Alan Rickman, Maggie Smith und Robbie Coltrane waren schon vorher mit von der Partie. Diesmal lassen sie ihren jüngeren Kollegen allerdings mehr Raum.

Luft zum Atmen

Tatsächlich haben die Freiheiten, die sich Cuarón und sein Drehbuchautor Steve Kloves ("Die fabelhaften Baker Boys") erlauben, weniger mit der Geschichte zu tun als mit der Bewegung der Helden im Raum. Wo sonst die am Computer bearbeiteten Bilder den Figuren wenig Bewegungsfreiheit lassen, da herrscht im dritten Teil auf einmal eine Übersichtlichkeit, die Harry und den Seinen Luft zum Atmen läßt. Das Internat wird nun als Gebäude erfahrbar, in dem Innen und Außen nicht mehr zu luftdichten Bildern verschweißt sind, sondern wo sich tatsächlich Schüler bewegen können. Vielleicht hängt das ja auch einfach nur damit zusammen, daß in den vergangenen drei Jahren die Computertechnik Fortschritte gemacht hat, die eine größere Sicherheit im Umgang mit den gefilmten Räumen erlauben. Zumindest die Beiläufigkeit, mit der die Hintergründe ihren Detailreichtum präsentieren, läßt vermuten, daß die Übergänge zwischen realem Raum und digitaler Kulisse immer fließender werden.

Unglaublich liebevoll ist etwa die Bildergalerie im Treppenhaus animiert, wo wirklich in jedem Bild Bewegung herrscht und in einer atemraubenden Einstellung eine Giraffe durch alle Bilder zugleich zu laufen scheint, ohne daß extra das Augenmerk darauf gelenkt würde. So ist das Auge ständig damit beschäftigt, all den Zauber zu erfassen, der hier endlich mit jener Selbstverständlichkeit am Werk ist, die man in einem Film über Zauberei erwarten darf. Da ist es dann schon ein Vergnügen, wenn in einer Kneipe die Überreste eines abgegessenen Tischs mit einer einzigen Bewegung vom Wischlappen verschluckt werden.

Held auf der Suche nach seiner Geschichte

Es ist also nicht immer leicht zu unterscheiden, was in "Harry Potter" Anteil des Regisseurs und was Vorsprung durch Technik ist. Man kann allerdings feststellen, daß die Art, wie Cuarón geschickt den Wechsel der Jahreszeiten, wie er Regen, Wind und Schnee einsetzt, um Stimmungen zu akzentuieren, auch die Charaktere bereichert. Der "Day after Tomorrow" scheint auch in Hogwarts nicht fern, eine eisige Kälte herrscht in den Fluren, die auch Harry erfaßt. Er ist nicht mehr nur der großäugige Junge, dem die abenteuerlichsten Dinge widerfahren, sondern ein dünnlippiger Held auf der Suche nach seiner Geschichte, die nicht nur durch den gewaltsamen Tod seiner Eltern immer bedrohlichere Züge annimmt. Es sind auch die Phantome der Pubertät, vor denen es kein Entfliehen gibt. Das kann ja noch heiter werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2004, Nr. 127 / Seite 40
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