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Harald Schmidt - der Countdown Willkommen im Show-Zirkus

17.12.2003 ·  Unschuldige Freude am Zirzensischen oder raffiniertes Spiel mit Symbolen? In seiner Show am Dienstag abend versuchten sich Harald Schmidt und sein Team als Artisten. Sogar ein leibhaftiger Elefant trat auf.

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Was Harald Schmidt in seiner Show am Dienstag abend zeigte, das war mal wieder unnachahmlich. Sowas kann einfach nur er. Ein anderer würde darauf einfach nicht kommen. Da hatte Schmidt also die sagenhafte Idee, mit seiner Crew eine Zirkusvorstellung zu geben. Nathalie, Andrack, Zerlett, Suzana und Schmidt selbst begaben sich für kleine artistische Auftritte in die zur Manege umgestaltete Bühne, und natürlich wußte ein jeder im Publikum und vor dem Fernsehschirm, daß sich dahinter weit mehr verbarg als der unschuldige Spaß am Zirzensischen.

Ganz im Gegenteil handelte es sich bei der Vorführung um einen gewohnt subtilen Kommentar zu den gesellschaftlichen Verhältnissen sowie zu denen bei Sat.1 und bei Schmidt. Wir sind, das wollte uns der Entertainer mit dieser Einlage sicher sagen, trotz des Millionenpublikums und der satten Gagen letztlich doch nur Gaukler, einsame und traurige Clowns, die dem Publikum nur ihre Masken zeigen. Perfekt demonstrierte dies Musiker Helmut Zerlett in seiner Nummer als dummer - oder besser, von der Umwelt als dumm verachteter - August, der das Publikum aufforderte, ihm imaginäre Bälle in eine Papiertüte zu werfen. Das Spiel mit den Illusionen hatte natürlich einen tieftraurigen Hintergrund: die leere Tüte als Symbol des Verlustes, den mit dem Ende der Schmidt-Show nicht nur Zerlett beklagt.

Ich möchte Sie zaubern

Unmißverständlich war es auch, daß Manuel Andrack sich als Seiltänzer versuchte: Was anderes war denn die Schmidt-Show als ein täglicher Drahtseilakt, eine Zitterpartie, bei dem ein jeder Stoß von ungnädigen Programmdirektoren oder schwachen Quoten das Ende bedeuten konnte? Als Nathalie („Ich möchte Sie bitte zaubern“) eine Zuschauerin hypnotisierte und sie in der Luft schweben ließ: Wer hätte da nicht an die ungewisse Zukunft des Schmidt-Teams gedacht? Und wer, als Suzana schließlich auf einem ausgewachsenen Elefanten ins Studio ritt, nicht an die rüpelhaften Herren von Sat.1, die mutwillig den Schmidtschen Porzellanladen zerstörten? Der Showmaster wiederum trat mit dem Hund Cato auf, der durch punktgenaues Bellen Rechenaufgaben bewältigte: ein trauriger Abschiedsgruß an seinen Heimatsender, wo künftig die Controller regieren.

Ebenso unübersehbar war, daß Schmidt mit seinem Zirkus dem großen Charlie Chaplin eine Reverenz erwies, dessen Stummfilm „The Circus“ aus dem Jahr 1925 einen Oscar erhalten hatte. Und ganz bestimmt hatte der Entertainer auch Alexander Kluges 1968er Drama „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ im Kopf. In diesem Filmklassiker aus der Aufbruchzeit der Bundesrepublik spielte Hannelore Hoger eine Zirkusdirektorin, die mit „neuen Ideen“ einen „Reformzirkus“ (!) auf die Beine stellen möchte, in dem Phantasie wichtiger als das Leistungsprinzip ist - letztlich aber an den ökonomischen Zwängen scheitert. Hatte Schmidt erkannt, daß Kluge schon vor fünfunddreißig Jahren genau das erzählte, was ihm nun mit seiner Fernsehshow widerfuhr?

Hm - ehrlich gesagt: wahrscheinlich nicht. Und ebenso wahrscheinlich ist es, daß auch alles andere, was wir in die Zirkusnummern hineininterpretiert haben, für Schmidt und sein Team keine Rolle spielte. Das Ganze fand wohl einzig und allein aus dem Grunde statt, weil Schmidt gerade Lust darauf hatte, ohne jeglichen Hintersinn. So hat seine Show fast immer funktioniert - und oft auch sehr gut. Die Zirkus-Sendung aber war, Hand aufs Herz, miserabel. Über jede der Nummern hatte man sich schon Hunderte Male vorher an anderer Stelle gelangweilt, und die Tatsache, daß hier keine Profis auftraten, sondern Manuel, Nathalie und Co., machte es nicht besser. Das langatmige Geturne und Gehopse sorgte beim Zuschauer für einen Effekt, den er sich niemals hätte träumen lassen: Er sehnte sich danach, daß endlich ein Studiogast erschien, mit dem Schmidt ein wenig geplaudert hätte. Es kam aber keiner.

Harald Schmidt hört auf, und seine Sendung ist erfolgreich wie nie: Die letzten Ausgaben wollen so viele Menschen wie möglich verfolgen. Wer die Show vom Vorabend nicht gesehen hat, dem teilen wir hier mit, ob er etwas verpaßt hat.

Quelle: @jöt
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