19.12.2003 · Frank Sinatras „My Way“ drängt aus den Tiefen des Hirns direkt auf die Stimmbänder. Harald Schmidt liefert die Bilder dazu. Und aus der Kreativpause wird eine Winterpause.
Was ist das nur für eine Sendung, in der das Studiopublikum einen Pudelmützenträger bejubelt, der dem Moderator ein Glas Wasser auf den Tisch stellt? Zu spät, um das noch zu verstehen. Das Ende ist nahe, bald fällt der letzte Vorhang. Aber wie?
Und vor wem? Gibt es aus der Requisite nur die üblichen Büromöbel? Schmidts Tisch, Andracks PC, Zerletts Band - ein Gast, ein paar Sprüche, und das war´s? Nein, ganz anders will er´s: „Wir könnten doch ein paar Tische vor der Bühne aufbauen, die Mitarbeiter sitzen dran, und ich kann durchgehen, wenn ich singe.“ Wenn ich singe. Auch das noch. Die Sendung vom Donnerstag, nur ein kurzes Werbe-Intermezzo für das Finale.
„And now, the end ist near, and so I face my final curtain...“ Eine Melodie drängt aus den Tiefen des Hirns direkt auf die Stimmbänder. Stundenlang wird sie sich dort festsetzen. Aber noch fehlen die Bilder dazu. Harald Schmidt liefert sie. Seine Belegschaft in einer Reihe vor der Bühne versammelt, etwas unsicher und steif stehen sie da: Gut 20 Techniker, Redakteurinnen, Maskenbildner, Musiker. Einige genervt, vor die Kamera gezerrt - nur, um ihm noch einmal die große Studio-Kulisse zu geben. Und wer rettet sie? Aber das will eh niemand wissen, wenn Großes sich dem Ende neigt.
Ostentativ wehmütig
„And now, the end is near...“ Schmidt läuft langsam hinter ihnen vorbei, die Kamera frontal auf die Reihe, auf ihn. Freundschaftlich fürsorglich ruhen seine Hände auf den Schultern der Seinen. „And more, much more than this, I did it...“ - ostentativ wehmütig wird der Blick, ganz lang das a auf der ersten Silbe - „...my way“. Und Schmidt schlägt noch eine Regieanweisung vor: „Ich könnte mich abschminken dabei.“ So also könnte es werden in der letzten Sendung. Große Musik, große Erinnerungen. Großer Quatsch.
Zum Glück hatte sich Schmidt kurz zuvor diese viel zu kurze, viel zu enge, weiße Uniformjacke angezogen, dazu eine dicke Hornbrille unter der Kapitänsmütze. Hier versteht der Zuschauer sofort: Jetzt wird´s lustig. Mit der Uniform nämlich, so hat Schmidt erfahren, stellen sich „automatisch Wahnsinns-Erfolge“ ein - „so wie auf der MS Loreley im September“, wie er sarkastisch ergänzt. Moment, war das nicht die gescholtene Rheinfahrt, die zum Gähnen zwingende Langatmigkeit im Sommer? Eben. Schmidt quält uns noch einmal. Und er genießt es. Ordensverleihung: Harald-Schmidt-Verdienstplakette am Band für außerordentliche Leistungen am Schriftgenerator. Harald-Schmidt-Verdienstkreuz mit Schulterstück für gelungene Aufnahmeleitung. Mußten wir da durch?
Winterpause statt kreativer Pause
Ein Team inszeniert seine mutmaßliche Auflösung vor der "Winterpause", wie es jetzt nur noch heißt, und ein Lebenskünstler wird zum Geschäftsmann: Manuel Andrack outet sich als Medienberater Reinhold Beckmanns („einer der größten Player in dem Business“), telefoniert mitten in der Sendung mit dem Handy. („Du, ist schlecht im Moment, ist gerade Show, ich ruf dich an, bye.“) Während Andrack die Zukunft in den Blick nimmt, wird klar, was dem TV-Glotzer nach Schmidt droht. Gabi Bauer geht, Sandra Maischberger wechselt von Dienstag auf Montag, dann bleiben Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag für Beckmann. Und im ZDF pausenlos Kerner. Das Grauen.
Dann wird es sein wie in der letzten Viertelstunde bei Schmidt. Ein gelangweilter Moderator gibt einer so hübschen wie leider auch uninteressanten Gesprächspartnerin - wer ist Bettina Zimmermann? - ein paar belanglose Stichworte, es erinnert höchstens an ein Interview. Auch deshalb bleiben nur Bilder im Kopf. Und natürlich eine Melodie.