13.12.2003 · Nur noch sieben Sendungen. Harald Schmidt streitet viel mit seinem Adlatus Manuel Andrack, sucht das Reh Waldi und das Eichhörnchen Brummel vergebens und weigert sich, eine Vorlage von Mehmet Scholl anzunehmen.
Wüßte man es nicht längst besser, hätte man spätestens am Freitag abend gemerkt, daß etwas nicht stimmt in der Harald Schmidt Show. Daß es dem Ende entgegengeht. Daß die Hauptpersonen nicht mehr dieselben sind. Die Stimmung hat sich geändert. Sie schreien sich an. So mußte es wohl kommen. „Fall' mir nicht ins Wort!“, brüllte Harald Schmidt, als ihm sein bislang treuer Adlatus Manuel Andrack ins Wort fiel. Wann ist das früher schon einmal passiert? „Sei doch leise!“, giftete Andrack zurück. Wann hat er das je verlangt?
Den Höhepunkt erreichten die Mißstimmungen, als Schmidt Andrack Waldi und Brummel zeigen wollte, ein Reh und ein Eichhörnchen, die er von seinem Büro aus auf dem Kölner Studiogelände gesehen hatte. Und das zu Weihnachten. Andrack ging während der Sednung mit vor die Tür, half, eine Futterkrippe mit Heu zu füllen und wartete neben Schmidt auf die Tiere. Waldi und Brummel aber ließen sich in diesem Biotop aus Beton und Stahlwänden überraschenderweise nicht sehen. Selbst Schmidts Lockrufe mit einem Megaphon änderten daran nichts. Pech gehabt, hätte es jahrelang in der großen Schmidt-Familie geheißen. Und jetzt? Gingen Andrack die Nerven durch. „Such' sie doch alleine!“, schrie er. Oder: „Ich will Dir nicht im Weg stehen!“ Ein Trauerspiel, bei dem auch Schmidt offenbar die Kraft fehlte es zu beenden. „Hör' doch auf mit diesen Vorwürfen!“, antwortete er wenig später. „Immer diese Schuldzuweisungen.“
Zum Glück kam später noch der Tagesgast Mehmet Scholl, sonst hätte man sich ernsthaft Gedanken über ein noch schnelleres Ende machen müssen. So hätte es jedenfalls nicht weitergehen können. Scholl aber, der Bayern-Spieler, brachte uns auf bessere Gedanken. Wird nicht ein Nachfolger für Schmidt gesucht? Und gelten bisher nicht alle Kandidaten - Andrack (in dem Ton?), Kerner, Friedman, Küblböck - als ungeeignet? Scholl ist jung, sympatisch, fernsehkompatibel. Er ist seit langem Fan der Show und darf Schmidt sogar duzen. Er ist humorvoll, intelligent und spielt vermutlich nicht mehr allzu lange Fußball, weil er schon über dreißig ist, was für einen Profi wiederum recht alt ist, und weil er Probleme mit dem Rücken hat. Außerdem kennt er viele Showstars, nämlich alle Spieler seiner Mannschaft. Er hat auch Ahnung von Musik, denn schon zweimal ist eine CD mit seinen coolsten Lieblingsliedern unter dem Titel „Vor dem Spiel ist nach dem Spiel“ auf den Markt gekommen. Bei Schmidt durfte er die zweite gestern vorstellen.
Mehmet Scholl hat zusätzlich eine Eigenschaft, die den legendären Ruf der Sendung mitbegründet hat: Er schätzt den Tabubruch. Gestern verriet er: „Bei den Bayern gibt es einen Homosexuellen.“ Als Schmidt, offenbar immer noch abgelenkt von den permanenten Streitereien, partout nicht nachhaken wollte, ergänzte Scholl: „Wenn Du mir einen Kuß gibst, sag' ich ihn Dir.“ Auch darauf reagierte Schmidt nicht. Früher hat er mal Verona Feldbusch in seiner Sendung übers Gesicht geleckt, jetzt reicht es noch nicht einmal mehr für einen flüchtigen Kuß auf die Wange von Mehmet Scholl. Offenbar ist kein Platz mehr für Nettigkeiten.