16.12.2003 · Nur noch sechs Sendungen. Bei Harald Schmidt wird geschossen, geweint, gefühlt. Ein Abend großer Emotionen.
Er hat sich nochmal zusammengerissen. Nach den Ausfällen am vergangenen Freitag, den Streitereien, den blank liegenden Nerven zog am Montag eine Stimmung von tausend Wunderkerzen ins Late-Night-Studio bei Harald Schmidt ein. Verbundenheit, Anteilnahme, Dankbarkeit - alles dabei.
Gefühlsausbrüche
Nach einem solchen Wochenende, an dem Saddam Hussein gefaßt und die Steuerreform beschlossen wurde, dürfen, ja müssen sogar Gefühle gezeigt werden. „Ich schäme mich meiner Tränen nicht“, bekannte da Schmidt mit belegter Stimme, und sein treuer Adlatus Manuel Andrack drückte es so aus, wie er es am Sonntag im Fernsehen gelernt hatte: Das Maschinengewehr auf die Hüfte gestützt, donnerte er eine Salve in die Luft. Tobendes Saalpublikum, Schmidt zufrieden: „Da sage noch einer, wir Deutschen tun uns mit echten Emotionen schwer.“ Keineswegs. „Adventlich gestimmt“ habe ihn die kleine Vorführung, und die Zuschauer klatschen begeistert.
Dankbarkeit
Als ob die unerwartete Tatkraft von Regierung und Opposition nicht schon genug Anlaß zur Freude wäre - auch Saddam Hussein war Schmidts Dankbarkeit sicher. Daß der abgehalfterte Machthaber eine Woche länger in seinem elenden Erdloch ausgeharrt hatte, eine Woche, in der er, Schmidt, alle Schlagzeilen beherrschen durfte, das habe doch Stil. Kaum ziehe man den alten Mann aus dem Keller, sei plötzlich nur noch von einer Kreativpause für Ex-Diktatoren die Rede. Auch Andrack stimmte ein: Offiziell habe man bei Saddam nur Waffen und Geld gefunden, aber vielleicht war da ja auch ein Fernsehapparat im Spiel - und die Aussicht, ohne Late-Night-Show da unten ausharren zu müssen, habe die Nerven endgültig zerrüttet.
Würde und Respekt
Doch was wäre eine der letzten Shows ohne eine weitere Strophe in Schmidts melancholischem Abschiedslied von Sat.1? Damit der Arbeitsvertrag vom „Sender für den Frieden“ ordentlich gelöst werden kann, muß geprüft werden, ob der Moderator in gesundheitlich einwandfreiem Zustand in die Kreativpause geht. Klar, daß eine solche ärztliche Untersuchung des Arbeitgebers in einer Atmosphäre des Respekts und Vertrauens vollzogen wird. Wie entspannt es dabei zuging, zeigte Schmidt gleich im Video: Mit dem Rücken steht er zur gekachelten Wand, den Mund offen. Der fürsorgliche Arzt packt seinen Kopf, drückt die lockere Zunge des Moderators mit dem Spachtel nach unten, leuchtet vorsichtig im Mund herum. Alles ganz freundlich, hätte weder in einer Genfer Spezialklinik noch in einem amerikanischen Militärgefängnis im Irak besser ablaufen können.
Hoffnung
Und schließlich kennt das Mitgefühl keine Schranken mehr: Wie soll es denn nun weitergehen mit Saddam, grübelt laut ein fürsorglicher Schmidt. Wo er derzeit steckt, weiß keiner, vielleicht wird er ja zu einer Militärbasis in Qatar oder nach Ramstein geschickt. Dann könne ihm ein Auftritt bei Christiansen nicht erspart werden. Und da ist es, das nächste große Gefühl des Abends: Mitleid. Denn Andrack spricht aus, was andere nur zu denken wagen: „Nein, die fragt doch zu hart nach, besser ist, wir schicken ihn zu Kerner.“
Wie immer weiß Schmidt mehr - über die Zukunft alter Männer und die Winkelzüge der Sender. „Die ARD ist an ihm dran“, verkündet er, sybillinisch lächelnd. An wem denn nun?