Der Niedergang des Hauses Suhrkamp und das Beweinen desselben ist zum Dauerthema des deutschen Literaturbetriebs geworden, in dem aufgrund schlechter Verkaufszahlen vieler Bücher, des bedrohlichen Geschäftsgebarens der großen Buchhandelsketten und des Vorrangs von Marketingerwägungen über Inhalte gern, häufig und naturgemäß auch rhetorisch versiert geklagt wird. Dabei gibt es kein Land mit einer größeren und vielfältigeren Buchkultur.
Nicht das Buch steckt in der Krise, sondern die Leser. Das liegt nicht etwa daran, dass der Kreis derer, denen Literatur, Poesie und kluge Betrachtungen am Herzen liegen, so apokalyptisch geschrumpft wäre, sondern vor allem daran, dass es den meisten an Zeit fehlt, all die Bücher, die sie interessieren würden, auch tatsächlich zu lesen. Aber wenn es stimmt, dass in den Bücherkaufhäusern Verlagsnamen mehr und mehr wie Label in der Modebranche gehandelt werden, dann ist der Name Hanser für Buchliebhaber ein Gütesiegel wie für Modebewusste Max Mara.
Die erste Adresse für Weltliteratur
Von heute an beherbergt der weißgetünchte Klinkerbau nah der feinen Mauerkircherstraße in München-Bogenhausen, wo die Zentrale des Hanser-Reichs untergebracht ist, den „Verlag des Jahres“, zu dem die Leser des Magazins „Buchmarkt“ Hanser soeben gekürt haben: eine wichtige Auszeichnung, weil das vor allem Buchhändler sind. Und die müssen schließlich wissen, wo die guten Bücher herkommen. Was S. Fischer in den letzten Jahren für die jüngere deutschsprachige Literatur geworden ist, ist Hanser seit Jahren: die erste Adresse für Weltliteratur.
Hanser ist ein Tierpark mit lauter weißen Elefanten, „Krügers Park“: „Ein Verlag, das gibt sich so, / ist ein riesengroßer Zoo. / Hast du dich dort eingefunden, gehen im Flug vorbei die Stunden. / Ganz benommen fährst du dann / heimwärts mit der Straßenbahn. // Dichter schreien laut nach Futter / fräßen selbst die Schwiegermutter. / Bücher stehn in den Regalen, / niemand will dafür bezahlen . . . Ordnung muß im Hause sein / Sparen hält die Ställe rein. / Deshalb im Vertrage steht: Hansers Zoo den Geist verlegt. / Große, Kleine sind willkommen, wenn sie nur dem Niveau frommen.“ So dichtete Martin Meyer zu Krügers Sechzigstem.
Preise über Preise
Hanser bietet einem Leserland, das mit Vorliebe Übersetzungen verschlingt, ein mit großen Namen gespicktes internationales Programm. Doch zu Hanser gehört mit Zsolnay auch der größte Publikumsverlag Österreichs, das Schweizer Haus Nagel und Kimche, der Geschenkbuchverlag Sanssouci und der Deuticke Verlag in Wien. Die Kinderbuchsparte verhält sich konträr zur demographischen Entwicklung, wächst und gedeiht, und zunehmend stattliche Einnahmen verdanken sich Hörbuchlizenzen. Dass nicht nur das Ausland hervorragend vertreten ist, belegt auch die Preisstatistik: Allein im letzten Jahr erhielt, in chronologischer Reihenfolge, Ilija Trojanow den Preis der Leipziger Buchmesse, Oskar Pastior postum den Büchner-Preis, Wolf Lepenies den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und Orhan Pamuk den Nobelpreis. Das Autorenverzeichnis liest sich wie ein literarischer Who's who: Von Martin Amis bis Josef Zoderer über T.C. Boyle, Umberto Eco, Seamus Heaney und Peter Høeg, Milan Kundera, Margriet de Moor und Michael Ondaatje, W. G. Sebald und Botho Strauss.
Nicht erst seit einigen Jahren, schon seit Jahrzehnten hat Hanser einen Lauf. Dass der Hanser way of life die Suhrkamp culture weniger bewusst ausgestochen als schlichtweg abgelöst hat, ließ sich paradoxerweise nirgendwo besser beobachten als ausgerechnet auf der Beerdigung von Siegfried Unseld im Jahr 2002. Es schien niemanden in der Trauergemeinde zu geben, der Krüger nicht kannte. Zutraulich und meist mit ausgebreiteten Armen kamen die zu Ehren des toten Suhrkamp-Patriarchen aus Nah und Fern angereisten Schriftsteller, die gemeinhin als scheue, kapriziöse und unterernährte Tiere gelten, auf ihn zu. Da ließ sich auch gleich das Phänomen betrachten, dass jeder Mensch, der sich Krüger nähert, ihn sofort anfassen, ihm ausgiebig und meist gleich mit beiden Händen die Pranke schütteln, ihm auf die Schulter klopfen oder den Mann umarmen will. Michael Krüger, den die internationale Buchgemeinde nur als „Michel“ kennt, nicht zu mögen und zu schätzen, ist im Literaturkosmos nicht vorgesehen.
Der Mops im Haferstroh
Wer das Verlagsgebäude betritt und auch nur einen Funken Romanleben in sich hat, muss sich hier fühlen wie der berühmte Fisch im Wasser. Oder der Mops im Haferstroh. Oder wie das vom Hausherrn so geschätzte Schaf im Schafspelz. Die dicke Haustür ist an diesem Januarmittag nur angelehnt, das Pförtnerzimmer nicht besetzt. Nachdem man so ohne Klingeln und Anmeldung hereingeplatzt ist, wäre andächtiges Herumlungern Zeitverschwendung, zumal hier keine lebensgroßen Schriftstellerporträts hängen, die den Kratzfuß fordern. Dynamischen Schrittes vorbeieilende Menschen lächeln den Besucher freundlich, aber zerstreut an. Krüger hat sein Büro im ersten Stock. Der besteht im wesentlichen aus einem riesigen Bücherraum. In der Mitte steht ein großer Tisch, wo sich einige Mitarbeiter bei einem Teller Suppe unterhalten. Hier nimmt man sich nicht viel mehr Zeit, sich über den Titel „Verlag des Jahres“ zu freuen, als es dauert, sich zum Gruppenfoto aus gegebenem Anlaß zu versammeln: Schließlich haben die knapp fünfzig Mitarbeiter, die in der Hanser-Zentrale arbeiten, alle Hände voll damit zu tun, zweihundert Titel im Jahr zu betreuen.
Hanser gehört der Familie Beisler-Hanser, der Witwe von Verlagsgründer Carl Hanser, und ihren vier Kindern. Sohn Wolfgang Beisler ist einer der drei Geschäftsführer. Was der Verlag ist, ist er seit nunmehr neunundsiebzig Jahren aus eigener Kraft und nicht dank Fremdkapitalinfusionen, die gigantische Vorschüsse oder Werbekampagnen erlauben würden. Die schöne Literatur, zu Beginn eher ein luxuriöses Nebenprodukt, das man sich dank des technischen Fachverlags, der zweiten Hanser-Säule, leisten konnte, hat sich zur Haupteinnahmequelle gemausert - jedenfalls, als noch Jahr um Jahr ein Wallander-Krimi von Henning Mankell erschien.
Er ist einer von ihnen
Wo Carl Hanser Fachbuchverleger war, ist Michael Krüger Renaissancemensch. Die Autoren trauen ihm, weil er einer von ihnen ist; Krügers Romane und Gedichtbände erscheinen bei Suhrkamp - wenn es sich um Oxford und Cambridge handelte, würde man sagen: at the other place. Dass Krüger selbst schreibt, schließt die Kluft, die sich bisweilen zwischen Menschen des Geistes und der Feder und ihren verlegerischen Kassenwarten auftut. Dass er außerdem von vierundzwanzig Stunden am Tag offenbar sechsunddreißig arbeitet, beweist der meterhohe Stapel von Manuskripten, die er selbst redigiert. Michael Krüger ist Leitwolf. Insofern ist es kein Wunder, dass der Mann, der seit neununddreißig Jahren bei Hanser unersetzlich ist, dort seit einundzwanzig Jahren das literarische Programm bestimmt und seit 1995 auch geschäftsführender Gesellschafter ist, keine Anstalten macht, seine Nachfolge zu regeln - ein im Literaturbetrieb bekanntes Phänomen, siehe Suhrkamp.
Der Verlag setzt auf neue Talente, ohne dem Jugendwahn zu verfallen, und bleibt den Alten treu. Krüger selbst erklärt den Erfolg des Programms mit dessen Breite: Man habe keine Kehlmanns, vulgo Superbestseller, im Programm, aber dafür im vergangenen Jahr viele erfolgreiche Titel gehabt: Roths „Jedermann“ hat sich gut hunderttausendmal verkauft, Ilija Trojanows „Weltensammler“ blieb nicht weit darunter, Pamuks Erinnerungsband „Istanbul“, erst im November erschienen, fand bis Weihnachten ebenfalls mehr als hunderttausend Käufer. Kräftigstes Zugpferd der letzten Jahre bleibt der Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier alias Peter Bieri. Der ist im Hauptberuf Philosoph. Sein ungleich bedeutenderer Band „Das Handwerk der Freiheit“, ebenfalls bei Hanser erschienen, hat sich deutlich schlechter verkauft. Aber am Ende ist es wie meistens bei Michel Krüger: Unterm Strich geht die Rechnung auf.
Hanser Verlag
Ludger Beyerle (niederntudorf)
- 29.01.2007, 21:29 Uhr