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Hans Zehetmair Größtmögliche Staatsferne

02.12.2004 ·  Der designierte Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, kündigt in einem Beitrag für die F.A.Z. an, er werde sich unverzüglich um die Beseitigung der größten Reformschwachstellen bemühen.

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Der designierte Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, kündigt in einem Beitrag für die F.A.Z. an, er werde sich unverzüglich um die Beseitigung der größten Reformschwachstellen bemühen.

Das Angebot, den Vorsitz des neu zu gründenden Rates für deutsche Rechtschreibung zu übernehmen, war in meiner Lebensplanung nicht unbedingt vorgesehen. Und ich kann glaubhaft versichern, daß es nicht etwa ein ausgeprägter Hang zum Hedonismus ist, der mich bewog, mich für diese Aufgabe zur Verfügung zu stellen - falls ich denn am 17. Dezember bei der konstituierenden Sitzung gewählt werde. Auf der anderen Seite halte ich es für hoch an der Zeit, dem schreibenden Teil unserer Gesellschaft - der ja nicht unbedingt im Anwachsen ist - bei der Suche nach einer konsensfähigen Lösung behilflich zu sein.

Dabei könnte ein langfristig arbeitendes Gremium nützlich sein, das sich als Dauereinrichtung kontinuierlich mit der Sprachentwicklung und der Weiterentwicklung der Rechtschreibung beschäftigt. Zwei Voraussetzungen müssen dabei erfüllt sein: Zum einen darf der Rat kein staatliches Organ sein. Diese Voraussetzung ist mit der Zusammensetzung des Gremiums erfüllt. Und zum zweiten: Ich werde mich bemühen, den Schriftstellerverband PEN und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zu einer Mitarbeit im Rat zu bewegen. Staatsferne und größtmögliche Pluralität in der Zusammensetzung brauchen wir von allem Anfang an.

„Unverzüglich Schwachstellen beseitigen“

Inhaltlich sollten wir uns unverzüglich darum bemühen, einige der größten Schwachstellen der Reform zu beseitigen. Ich nenne die Zusammen- und Getrenntschreibung, die Interpunktion, die Eindeutschung von Fremdwörtern und die Silbentrennung. Bei der letzten Reform wurde viel aus der Perspektive des Schreibenden geändert, aber viel zuwenig berücksichtigt, daß Rechtschreibung auch eine Hilfe für den Leser ist. Wir brauchen mehr und nicht weniger Interpunktion, weil Satzzeichen den Sprachfluß und den Sinnzusammenhang strukturieren. Der Pisa-Studie zufolge haben deutsche Schulkinder Schwierigkeiten mit dem Erfassen und Verstehen von Texten.

Aber auch die neue Getrennt- und Zusammenschreibung führt zum Verlust der semantischen Differenzierungsmöglichkeit und der Ausdrucksvielfalt der Sprache. So ist es ein Unterschied, ob man zum Beispiel "auseinandersetzen" zusammen oder getrennt schreibt: Streitende Schüler muß ich auseinander setzen, mit dem politischen Gegner sollte ich mich auseinandersetzen. Die weitgehend beliebige Trennung von Wörtern führt ebenfalls zu geringerer Genauigkeit im Schreiben, im Lesen und beim Denken. Die Silbentrennung darf nicht zur sinnlosen Trennung werden. Eine Trennung von "A-bend", "E-sel", "durcha-ckern" sieht nicht nur absurd aus - sie ist es auch.

„Warne vor übertriebenen Hoffnungen“

Schließlich soll das Bemühen um die Erhaltung unserer Sprache angesichts einer stetig fortschreitenden Überflutung überwiegend mit Anglizismen nicht dadurch beinahe lächerlich gemacht werden, daß man Fremdwörter beliebig eindeutscht - vor allem wenn wir in einer Epoche von Globalisierung und Internationalisierung die einstmals fremde Schreibweise längst gewohnt sind. Wir müssen "Restaurant" sicher nicht mit "o" schreiben, so multilingual ist unser Land hoffentlich mittlerweile schon.

Ich warne allerdings auch vor übertriebenen Hoffnungen. Bei aller berechtigten Kritik an der bestehenden Reform wird es eine völlige Rückkehr zur alten Rechtschreibung nicht geben. Es darf nicht übersehen werden: Die derzeit praktizierte Reform enthält durchaus sinnvolle Korrekturen, wie beispielsweise die neue "s"-Schreibung. Daher ist es notwendig, zweifellos vorhandene Ungereimtheiten, wie ich sie angeführt habe, zu beseitigen, um der Unsicherheit in der Bevölkerung ein Ende zu setzen und sie schließlich doch noch für eine sinnvolle Reform zu gewinnen.

„Auch in Fragen der Schreibung nicht schludern“

Sprache und Rechtschreibung haben eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung und kulturelle Leitfunktion. Das in den Schulen vermittelte Wissen muß über die Schule hinaus Bestand haben. Insofern darf es keine getrennte beziehungsweise unterschiedlich verbindliche Schreibweise geben. Ich bin großer Hoffnung, daß wir auch für die Verlage im deutschsprachigen Raum eine tragfähige Lösung finden, um zu einer einheitlichen Rechtschreibung zurückzukehren. Schließlich prägen die Medien das Sprachempfinden der Gesellschaft entscheidend mit.

Zusammen mit den Mitgliedern des Rates wird es daher mein vorrangiges Ziel sein, in der knappen Zeit bis zum 1. August 2005 zunächst die evidenten Unebenheiten der bestehenden Reform zu glätten. Um diesen Konsens sollten sich alle Mitglieder des Rates bemühen. Unabhängig davon wird sich der Rat als eine Dauereinrichtung mit der Entwicklung unserer Sprache auch über diesen Zeitpunkt hinaus beschäftigen. Denn Sprache ist die wichtigste Kommunikation des Menschen, um Kultur zu schaffen und zu leben. Daher sollte auch in Fragen der Schreibung nicht geschludert werden.

Der Autor war als langjähriger bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus auch Präsident der Kultusministerkonferenz - und damit an der Einführung der Rechtschreibreform beteiligt. Seit März 2004 ist er Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung in München.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2004, Nr. 283 / Seite 33
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