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Hans Blumenberg : Sonne und Mond

Weniger Sonne, mehr Mond: Karteikarten aus Hans Blumenbergs Zettelkästen, hier in einer Ausstellung in Marbach. Bild: dpa

Das Verhältnis der Menschen zur Sonne, so schreibt der Philosoph Blumenberg, ist triebhaft. Unser Weltbild ist kopernikanisch und Ostern eine Frage der Gestirne. So hängt doch alles mit allem zusammen.

          Was hätte er, Meister all der konzentriertesten Umwege und Abschweifungen (von Fragen zu immer neuen Fragen, von Husserl zurück zu Aristoteles und wieder ins Heute) – was hätte dieser ungemein produktive Philosoph zu dem Versuch gesagt, sein Denken in ein paar Sätzen zu resümieren? Versucht man’s, dann glaubt man schon seinen ironischen, vielleicht mitleidsvollen Blick zu spüren.

          Vor zwanzig Jahren, am 28. März 1996, starb Hans Blumenberg im Alter von 75 Jahren. Theologie gehört zur Philosophie. Mit dem Studium der katholischen Theologie hatte Blumenberg begonnen, aber weil seine Mutter Jüdin war, wurde es ihm 1940 verwehrt. Spät im Krieg wurde er zur Zwangsarbeit in ein Lager der Organisation Todt gepresst. Kosmologie gehört auch zur Philosophie. In dieser Abteilung findet man seine Abhandlung „Die kopernikanische Wende“ (1965) und später die voluminöse „Genesis der kopernikanischen Welt“, dazwischen hatte er eine Schrift von Galilei herausgegeben.

          Was ist das, die kopernikanische Welt? Eine, in der nicht mehr (wie früher) die Gestirne sich in harmonischen Sphären-Schalen um die Erde drehen; nun dreht die Erde sich um die Sonne und der Mond um die Erde. Der Mond, so Blumenberg, verliert „seinen traditionellen Gestirncharakter“. Eine Leistung Galileis war der Nachweis, dass Planeten von Monden umkreist werden können. Damit war ein Argument gegen Kopernikus weggefallen.

          Bei Sonne: Alle Hüllen fallen lassen!

          Die kopernikanische Wende ist eine Wende im menschlichen Verhältnis zu Sonne und Mond. Ein weiteres Unternehmen Blumenbergs war die „Metaphorologie“. Die war – wiederum sagen wir’s in äußerster Kürze – der Versuch, von einer „nackten“ Wahrheit, einer „sonnenklaren“, zu ihren milderen, poetischeren Reflexen zu kommen. „Das Verhältnis der Menschen zur Sonne ist triebhaft; sie sind bereit, alle Hüllen fallen zu lassen, damit der Strahl sie bis in die letzten Winkel erreicht.“ Wieder kam der Mond ins Spiel und die von ihm beleuchtete „vom Tageslärm verschonte Stille“. „Der Mond ist der zwar milde, doch entschiedene Widerspruch gegen die Sonne, die ihre Peitsche über der Tageswelt und ihrer Geschäftigkeit schwingt.“

          Sonne und Mond, ein letztes Mal: Aus ihrer spezifischen Stellung zueinander wird der Ostertermin berechnet. Ostersonntag ist der Sonntag nach dem ersten Vollmond des Frühlings, im gregorianischen Kalender also frühestens am 22. März und spätestens am 25. April. Die Passion Christi, des Gottessohnes, ist auch der Stoff von Bachs Matthäuspassion. 1988 hat ihr Blumenberg ein Buch gewidmet. Vielleicht ist sein Gesamtwerk die Abbildung einer einzigen Frage auf immer neuen Projektionsflächen.

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