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Handkes „Sturm“ im Staatstheater Karlsruhe : Immer noch Wurm

  • -Aktualisiert am

Zurück in den Schoß der Geschichte: Cornelia Gröschel als „Meine Mutter“ und Ronald Funke als „Ich“ in Handkes „Immer noch Sturm“ in Karlsruhe Bild: Felix Grünschloß

Matratzenlager für die Ahnen: Peter Handkes Stück „Immer noch Sturm“ kann in der Karlsruher Inszenierung trotz des starken Hauptdarstellers seine Poetik nicht entfalten.

          Zuletzt (und zuerst) sind wir diesem „Ich“ in Salzburg begegnet, beim Uraufführungsversuch von Peter Handkes großem dramatischem Gedicht „Immer noch Sturm“. In größtem Bühnenrahmen. Unter einem fünfstündigen Dauerregen grüner Papierschnitzel. In einer Art Familiengottesdienst. Ein missgelaunter, aggressiv in sich gekrümmter schwarzer Vitzliputzli-Wurm unternahm es da in Gestalt des Schauspielers Jens Harzer, die slowenisch-kärntnerischen Vorfahren dieses „Ichs“ zu beschwören: die Mutter, die Tante, die Onkel, die Großeltern. Sieben längst Tote, auferstanden in der Verlebendigungsphantasie eines Nachgeborenen, der sie nicht in der Geschichte untergegangen wissen will. Verlorene aus der slowenischen Minderheit, der aus ihrer alten Kultur, ihrer alten Sprache, ihren alten Liedern Vertriebenen, der einzigen Volksgruppe, die aktiven bewaffneten Widerstand leistete innerhalb Hitlers Reich, aber im Land Österreich, das auch auf Grund dieses Widerstands von den siegreichen Alliierten die Selbständigkeit zugestanden bekam, gleich nach dem Krieg sofort wieder zu den Verlierern und Unterdrückten zählte.

          Handkes schön rhythmisiertes Prosa-Poem in fünf Teilen, die sich auch als fünf Akte begreifen lassen, ist ein lyrisch emphatisches Epitaph auf diese Welt der Verlorenen, die in Lieder und Tänze ausbrechen, in Ekel vor der Welt vergehen, den Weibern nachsteigen, Obstbäume züchten, Gott lästern, zu den Partisanen gehen (ein Onkel, eine Tante), die Deutschen verfluchen, aber (die Mutter) sich mit einem Reichsdeutschen einlassen, von dem dann dieser naseweise „Ich“-Bankert herrührt, der sich wieder in den Bauch der Mutter und in alle Familienbäuche und -bräuche zurückphantasiert. Das war in Salzburg: eine hehre Qual. In Kitschkrümmungen eines prätentiösen Wurms (Harzer). Unter Schnipseln, die keine Welt bedeuteten.

          Auf der Suche nach den Ahnen: Ronald Funke als „Ich“ in Peter Handkes „Immer noch Sturm“ im Staatsschauspiel Karlsruhe
          Auf der Suche nach den Ahnen: Ronald Funke als „Ich“ in Peter Handkes „Immer noch Sturm“ im Staatsschauspiel Karlsruhe : Bild: Felix Grünschloß

          Jetzt sieht man in kleinstem Studio-Rahmen im Staatsschauspiel in Karlsruhe, das den neuen Handke als erste Bühne nachspielt, auf einer leicht nach vorn gekippten schrägen Fläche sieben Matratzen. Sieben Schaumstoff-Vertreter für die sieben Vorfahren des „Ichs“ im Bühnenbild von Heike Vollmer. Die Gartenbank auf dem slowenischen Jaunfeld, die dem „Ich“ als Erinnerungsbühne dient, ist hier ein altes Plüschsofa; der Apfelbaum mit seinen neunundneunzig Erinnerungsfrüchten ein Stehlampenskelett, in das ein paar Christbaumkugeln hineingehängt sind.

          Solides Spaßhandwerk in der Regie

          Das ist auch keine Welt. Sondern ein szenischer Witz. Mit Behelfszeichen. Aber das „Ich“, das hier unterm Gebraus von sechs Ventilatoren und einer großen Windmaschine, die schon den ganzen Sturm machen, auftritt, ist kein junger Spund, sondern ein aufrechter, schon etwas älterer, leicht kahlköpfiger Herr in hellem Anzug, dunklem Hemd und kurzer, gestreifter Spießerkrawatte. Der Schauspieler Ronald Funke spielt ihn ironisch, mit skeptisch kühlem, distanziertem Witz als leicht aus der bisherigen Lebensbahn gerutschten Neugier-Bürger, der nicht schlecht staunt, was er auf einer offenbar etwas überstürzt gebuchten Pauschalreise in die Familienvergangenheit alles erlebt.

          Er tritt belustigt auf die Matratzen, testet ihre Festigkeit und ihren Federungskomfort und lässt dann die alten, tollen Geister für einen gemütlich bunten Abend los, die „Kinder seiner Liebe“, die er in gütig gewitztem Abstand und mit nüchterner Güte und schonungslos humanem Interesse umlauert, beobachtet und begleitet. Als Expeditionsreisender durch eine Ahnengalerie. Die Ahnenfiguren freilich werden vom Regisseur Dominik Günther, offenbar einem soliden Spaßhandwerker, nur angerissen, nicht ausgemalt. Keine Füllungen für Handkes penible Phantasien. Nur wasserfarbenbunte Pasticcio-Konturen. Auch hier wird sich gekrümmt. Immer noch Wurm statt „Immer noch Sturm“. In Salzburg krümmte man sich pathetisch von Handke weg, in Karlsruhe amüsanter. Man kommt ihm hier viel lustiger nicht bei.

          Das Ich sollte sich selbst genug sein

          Abgesehen davon, dass zu viel (Politisches, Soziales, Ethnisches) wegfällt und kein einziges Wort Slowenisch fällt und die Familie „We are family“ singt, mit den Armen hübsch fuchtelt und gern mit den Matratzen im Arm wild in der Gegend herumrennt, als wolle sie ihren symbolischen Stellvertretern auch mal einen Auslauf gönnen, sieht man: „Die Angerissenen“. Aber immer noch besser als „Die Plattgemachten“ (wie in Salzburg). Der Bruder Georg, erst pazifistischer Obstbaumliebhaber, dann Partisanenkommandeur: eine Art Che Guevara des Jaunfelds; mehr Mütze als Mann. Die Mutter, eine reizende Wuscheligkeit in Blond. Dass Jaunfeld-Bauern eine Art Goldmarie mit dem Prinzessinnen-Gen im Girlie-Tornister ihr eigen nennen, ist zu wenig des Märchenhaften, zu viel des Illustrierten. Und die Großeltern? Bei Handke ist der Alte ein Prophet und Weltuntergangsverliebter und die Alte ein Wunderwesen an Duldung und Hinnahme selbst der schlimmsten Nachrichten (wenn die Söhne im Krieg gefallen sind). In Karlsruhe sind sie ein ungerührt harsches, lieblos kaltes Komiker-Paar mit Sofa-Rutsch-Problemen und Raunz-Pointen.

          Trotzdem findet die Aufführung in den Staun-Augen und im Wundersuch-Kopf des „Ich“-Spielers für Momente ihre poetische Phantasie-Ruhe. Wenn Ronald Funke gar nichts macht, nur ruhig spricht und die Sprachbilder wirken lässt, wird es lebendiger, als wenn die anderen sich in lauter reizenden Geschäftigkeiten verlaufen. Nach dem Salzburger Schnipsel- und der Karlsruher Matratzen-Ablenkung wäre es an der Zeit, dass das dritte Theater, das sich an diesen so gewaltigen wie schwierigen wie schönen Text machte, sich einfach einmal ganz auf den „Ich“-Kopf konzentrierte. Er ist Bühne und Bild genug. Je leerer der Raum um ihn herum, desto voller womöglich die Szene.

          Quelle: F.A.Z.

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