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Veröffentlicht: 08.06.2006, 17:05 Uhr

Handkes Absage Je refuse! Ein Briefwechsel

In einem Brief an Joachim Erwin, den Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, legt Peter Handke die Gründe dafür dar, den Heine-Preis abzulehnen. Wir dokumentieren den Brief und das Antwortschreiben Erwins.

© dpa Kein Picknick für Hasenfüße: Joachim Erwin

In einem Brief an Joachim Erwin, den Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, legt Peter Handke die Gründe dafür dar, den Heine-Preis abzulehnen. Wir dokumentieren den Brief und das Antwortschreiben Erwins.

2. Juni 2006

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Lieber Joachim Erwin,

lieber Oberbürgermeister,

Ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich Ihnen sagen, welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis mehr erwartet hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milosevic, wie das ja wohl auch Sie sich gewünscht haben. Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte. Ich bitte Sie - so das in Ihrer Macht steht -, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und statt dessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein. Schade ist vielleicht nur, daß ich im Dezember einiges hätte darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und literarischer Sprache und daß ich nun in Düsseldorf-Rath sowie in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35, 40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre stehen - der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit - die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen.

Herzlich,

Ihr

Peter Handke

*

7. Juni 2006

Lieber Peter Handke,

kein Picknick für Hasenfüße, die sich in hellem Aufruhr um den kühlen Verstand bringen und in ihrer vorauseilenden Angst panisch alles niedertrampeln.

Kein Pardon für solche, die mit großen Brocken hoffen, medienwirksam Löcher einzuebnen, die sie zuvor heimtückisch selbst ausgehoben haben.

Doch - wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Unkenrufer stellen sich selbst ins Abseits. Die Zeit wird es weisen.

Lieber Peter Handke, ich bin tief betroffen und verärgert über die unglaublichen Geschehnisse. Welch eine Chance wurde vertan in der zweifelhaften Manier, um jeden Preis und alles in der Welt politically correct dazustehen.

Warum beauftragt man eine unabhängige Jury, um deren Entscheidung noch vor jeder ernsthaften Diskussion mit fadenscheinigen Argumenten auszuhebeln?

Wieder einmal bewahrheiten sich Nietzsches kluge Bedenken, die er als Untertitel seinem Zarathustra mit auf den Weg gab: „Ein Buch für Alle und Keinen“. Will sagen, nicht für jedermann, jedoch für alle, die sich offen damit auseinandersetzen. Und für keinen, der in blindem Ressentiment damit umspringt.

Es stimmt mich traurig, daß unter den politischen Kräften der Stadt, der ich als Oberbürgermeister die Ehre habe vorzustehen, sich nur so wenige finden, den Dichtern und Künstlern in ihrem eigensinnigen Schaffen Gehör zu schenken.

Offenbar fehlt es den meisten an Schneid, die Auseinandersetzung mit einer literarischen Sprache zu suchen, die mit Gewinn wagt, vieldeutig aufzutreten, um Schlaglichter aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit zu werfen.

Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen. Und versprechen Sie ihm und mir, nach Düsseldorf zu kommen. Mit Ihnen durch den Hofgarten zu gehen und sich zu besprechen erscheint mir eine vortreffliche Vorstellung.

Ich verstehe Ihren Unmut und den Entschluß, die Posse für sich zu beenden und abzuwinken. Doch seien Sie versichert, die Schelte folgt und wird nicht auf Sankt Nimmerlein verschoben.

Herzliche Grüße!

Ihr

Joachim Erwin

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