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Schriftstellerin Han Kang: „Was Menschen zur Gewalt treibt, hat mich schon als Kind interessiert“

„Was Menschen zur Gewalt treibt, hat mich schon als Kind interessiert“

Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang im Interview mit der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ über ihren neuen Roman „Menschenwerk“, die Schatten der Vergangenheit und Nordkorea.

14.09.2017

Text: ANNE AMERI-SIEMENS
Fotos: CYRILL MATTER

Spätsommersonne über Berlin. Han Kang, 46, betritt auf die Minute pünktlich die Hotellobby. Südkoreas berühmteste Schriftstellerin grüßt leise, ihre Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. Ob man auf der Terrasse sitzen könne, mit Blick auf die Spree? Für ihre Antworten lässt Han Kang sich Zeit, als gelte es, sich selbst stets zu überprüfen – sie ist nachdenklich und manchmal überraschend humorvoll. Denn es geht um Gewalt, Menschlichkeit und Wandel. Das sind ihre Themen – auch in ihrem neuen Roman „Menschenwerk“, der im September im Aufbau-Verlag erscheint.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Sie beschreiben in „Menschenwerk“ die brutale Realität der Unterdrückung der Demokratiebewegung in Südkorea. In Ihrem preisgekrönten Roman „Die Vegetarierin“ verweigert die Protagonistin jegliche Gewalt, indem sie kein Fleisch mehr isst, was dazu führt, dass ihre Familie mit Zwang, teils auch gewaltsam reagiert. Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit dem Thema Gewalt?

HAN KANG: Gwangju ist mein Geburtsort, der zum Symbol der Unterdrückung der Demokratiebewegung wurde. Unterbewusst habe ich mich mit Gwangju und seiner Geschichte wahrscheinlich immer verbunden gefühlt, obwohl meine Familie von dort fortzog, als ich noch ein Kind war. Einen klaren Anlass, warum mich Gewalt als Thema beschäftigt, kann ich gar nicht nennen. Was Menschen zur Gewalt treibt, hat mich schon in meiner Kindheit interessiert. Die Gedanken darüber waren einfach da – als Teil von ganz grundsätzlichen Überlegungen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Sehr ernste Überlegungen für ein Kind, ich weiß ...

Die international preisgekrönte Han Kang ist Südkoreas bekannteste Schriftstellerin.

FAQ: Sie sehen angestrengt aus, während Sie das sagen.

KANG: Die Auseinandersetzung mit Gewalt ist ja auch anstrengend. So sehr, dass ich während der Arbeit an „Menschenwerk“ zeitweise dachte: Ich kann das Buch nicht schreiben. Bergeweise hatte ich Material recherchiert: über den Aufstand in Gwangju ...

FAQ: Studenten demonstrierten dort im Mai 1980 friedlich gegen die Militärdiktatur. Ihre Proteste wurden vom Regime gewaltsam niedergeschlagen. Erneute Proteste aus der Bevölkerung folgten kurz darauf – viele junge Menschen lehnten sich damals auf. In den darauffolgenden Tagen ließ das Regime die Mehrzahl der Demonstranten ermorden.

KANG: Es war ein furchtbares Massaker. Für meine Arbeit an „Menschenwerk“ las ich aber nicht nur Berichte über Gwangju, sondern zum Beispiel auch über den Krieg in Ex-Jugoslawien und die schrecklichen Greueltaten in Bosnien und an anderen Orten der Welt. Je mehr ich recherchierte, desto schockierter, ja desto verstörter war ich. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Fakten würden mich wie eine Lanze durchbohren, so intensiv wirkte das Gelesene nach. In dieser Zeit hatte ich nachts oft Albträume. Ich war kurz davor, das Buch aufzugeben.

FAQ: Was hat Sie zum Weitermachen bewegt?

KANG: Ich fand im Zusammenhang mit dem Massaker in Gwangju Tagebuchaufzeichnungen von einem Mann, der am letzten Tag des Aufstands ermordet worden war. Das Tagebuch hatte er in Form von Gebeten geschrieben – er war Christ. Auf einer der ersten Seiten richtete er an Gott die Frage: Was leitet mich, so zu handeln? Sich gegen die Gewalt des Regimes zu stellen? Darin fand ich den Schlüssel, weiterzumachen. Ich hatte mit der Gewalt begonnen, aber es ging darum, sich weiterzubewegen. So wie dieser Mann in seinen Gedanken.


„Ich hatte mit der Gewalt begonnen, aber es ging darum, sich weiterzubewegen.“
HAN KANG

FAQ: Sie sagten eben, dass Sie von dem Massaker in Gwangju als Kind nichts mitbekommen haben.

KANG: Aber es hat meine Familie geprägt und dadurch sicher auch mich. Ich habe nur eine vage Erinnerung daran, wie eines Nachts ein Polizeibeamter bei uns an der Tür klingelte, und dass meine Eltern danach aufgeregt waren. Das war im Mai 1980 – nachdem der Aufstand begonnen hatte. Für „Menschenwerk“ habe ich mit meinen Eltern einige Gespräche geführt, ich wollte sie als Zeitzeugen hören so wie auch einige andere Bekannte und Freunde, die alt genug sind, um sich bewusst an die politische Atmosphäre damals zu erinnern.

FAQ: Haben Sie auch Angehörige von Menschen interviewt, die in Gwangju ermordet wurden?

KANG: Nein, ich wollte ihnen nicht noch mehr Leid zufügen, indem sie für mich die Erinnerung wachrufen.

FAQ: Weswegen war der Polizeibeamte in dieser Nacht bei Ihnen?

KANG: Es ging um die Niederschlagung des Aufstands. Von ihm erfuhren meine Eltern davon. Sie erzählten mir, wie ihr Leben sich veränderte – es ist eine Geschichte, die bis heute andauert. Viele leiden unter Schuldgefühlen, überlebt zu haben. Auch meine Eltern, obwohl sie politisch nicht aktiv waren.

FAQ: Warum gibt es bis heute Schuldgefühle?

KANG: Gwangju war in den achtziger Jahren eine kleine, ganz normale, gemütliche Stadt. Sie war nichts Besonderes – bis zu dem Aufstand. Dann wurde der Ort zu einem Exempel der Militärdiktatur. Viele Südkoreaner sehen die Ermordeten als Stellvertreter für sich selbst, darin wurzelt das Schuldgefühl. Unabhängig davon, wie aktiv man politisch war. Man fühlt sich mit den Toten verbunden. „Sie ließen statt unser ihr Leben.“ So haben es meine Eltern beschrieben. In Südkorea ist das Buch auch deshalb so erfolgreich, glaube ich.

Für ihren Roman „Die Vegetarierin“ bekam Han Kang 2016 den „Man Booker International Prize“. Sie lebt in Seoul und lehrt am Seoul Institute of the Arts kreatives Schreiben.

FAQ: Weil die Menschen sich immer noch schuldig fühlen?

KANG: Ja. Ich muss etwas in der Zeit zurückspringen, um es zu erklären. Das Buch ist 2014 erschienen, es war das Jahr, in dem die Kritik gegen Präsidentin Park wuchs. „Kein Medium wird sich mit meinem Buch beschäftigen“, dachte ich. Aber als es herauskam, schrieb jede Zeitung darüber; es gab viele Kritiker, die Aufmerksamkeit für das Buch schaffen wollten.

FAQ: Und das lag nicht daran, dass man Sie als Autorin schätzt?

KANG: Nein, in dem Maße hatte ich bei keinem anderen Buch das Bemühen gespürt, dass es Leser finden soll. Wir sind auch heute noch damit beschäftigt, das Trauma zu bewältigen. Keiner der Kritiker und Redakteure, die ich traf, sagte: „Glückwunsch zu deinem neuen Buch.“

FAQ: Sondern?

KANG: Sie sagten: „Es muss schwer für dich gewesen sein“, und: „Danke.“ Wissen Sie, die Menschen kämpften in Gwangju darum, ihre Würde zu verteidigen. Das beschäftigt uns alle. Es ist auch nicht zutreffend, sie Opfer zu nennen.

FAQ: Was wäre richtig?

KANG: Auf Koreanisch impliziert der Begriff „Opfer“ Schwäche. Die Menschen, die sich gegen die Militärdiktatur auflehnten, waren aber nicht schwach. Sie gingen bis an die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit. Sie riskierten alles, weil sie es so wollten. Gerade deshalb waren sie keine Opfer.

FAQ: Das ist Ihnen wichtig.

KANG: Ja, sie haben sich entschieden, zu handeln. Ich nenne sie bewusst Akteure. Egal wie sehr wir von Gewalt umgeben sein mögen, wir können immer etwas tun. Die Arbeit an „Menschenwerk“ hat mich verändert, ich bin jetzt stärker auf Würde, auf diese Seite von Menschlichkeit fokussiert.

FAQ: Ist das vielleicht auch eine Lehre, die Leser aus Ihrem Buch ziehen sollen?

KANG: An eine Lehre habe ich beim Schreiben nicht gedacht. Ich wollte einfach mit den Menschen mitfühlen – mit denen, die ermordet wurden, und denen, die überlebten und unter den Folgen von Gwangju litten.


„Man weiß, dass Nordkorea nicht weit entfernt ist, aber es bleibt surreal. So wie die Bedrohung. Die nehme ich meistens nicht wahr. Ich kenne die Situation gar nicht anders.“
Han Kang

FAQ: Es gibt keine Verbindung zur Gegenwart?

KANG: Ich sehe keine. Haben Sie das anders wahrgenommen?

FAQ: Ich habe darüber nachgedacht, ob die Erinnerung an die Gewalt und die Opfer von Gwangju auch als eine Art Mahnung bezüglich der Situation mit Nordkorea zu verstehen ist?

KANG: Nein. Zumindest habe ich nicht bewusst an eine bestimmte Lehre gedacht, die man aus dem Buch ziehen soll. Über Nordkorea denke ich auch kaum nach.

FAQ: Obwohl Sie mit der ständigen Bedrohung leben.

KANG: Ich bin 1970 geboren, also nach dem Koreakrieg. Der begann 1950, drei Jahre später wurde ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen – aber im Grunde ist er nicht beendet. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. Ich kenne die Situation gar nicht anders, als dass die Grenze zu Nordkorea geschlossen und streng bewacht ist. Soldaten und ihre Waffen gehören in Südkorea zum Alltag. Jede Verbindung nach Nordkorea ist verboten. Für mich ist Nordkorea, obwohl es nicht weit entfernt ist, surreal – so wie die Bedrohung. Es gibt in Südkorea einen Witz darüber, was man bloß tun solle, wenn der Krieg denn ausbräche. Im Unterbewusstsein spielt die Anspannung, dass es zur Eskalation mit Nordkorea kommen könnte, eine Rolle. Wir leben in diesem seltsamen Widerspruch aus Besorgnis, Anspannung, Gleichgültigkeit und dem Gefühl, dass Nordkorea für uns so unwirklich ist. Ich nehme die Bedrohung meistens nicht wahr.

FAQ: Spielt auch das Wissen darüber keine große Rolle? Die Raketentests haben unter Präsident Kim Jong-un rapide zugenommen. Der Ton, den Präsident Trump anschlägt, hat sich deutlich verschärft.

KANG: Ich bekomme immer wieder E-Mails von Freunden aus dem Ausland, die dann fragen: „Wie geht es dir, alles in Ordnung?“ Und ich antworte: „Natürlich, wieso auch nicht?“ Es ist seit so vielen Jahrzehnten nichts passiert, wissen Sie, wir haben die Bedrohung schon so lange in unserer Nähe. Sie ist normal geworden. Aber in der letzten Zeit beschäftigt die Sorge, es könne Krieg ausbrechen, viele Südkoreaner.

Südkoreaner finden Veränderungen im eigenen Land interessanter als Nordkorea.

FAQ: Denken Sie darüber nach, wie sich das Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea verändern könnte?

KANG: Ich könnte keine Prognose abgeben. Es klingt wahrscheinlich seltsam, aber ich habe über Nordkorea wirklich seit langem nicht mehr nachgedacht. Es gibt meinem Empfinden nach in Südkorea auch nicht viel mediale Aufmerksamkeit für Nordkoreas Aufrüstung, auch keine intellektuelle Debatte.

FAQ: Wie denken Sie über den Kurs von Trump?

KANG: Wir müssen abwarten – und ich kann nur sagen: Es darf unter keinen Umständen zu einem erneuten Krieg auf der koreanischen Halbinsel kommen. Das muss die oberste Bedingung sein, vor jedem anderen Thema, jedem anderen Streitpunkt. Der Krieg zwischen Nord- und Südkorea, dieser tragische Stellvertreter-Krieg, hat alles auf dieser Halbinsel zu Asche werden lassen, so viele Menschen ermordet, die mitten im Leben waren. Es ist nur etwas mehr als sechzig Jahre her. Man muss gegenüber Nordkorea mit viel Feingefühl vorgehen. Präsident Trumps Ton ist laut und aggressiv, ich denke, er kennt kein Feingefühl. Aber wie gesagt, ich bin keine Expertin für Nordkorea, und die Mehrheit der Südkoreaner interessiert sich – sehr viel mehr als für Nordkorea – für gesellschaftliche Veränderungen im eigenen Land: den Regierungswechsel, unseren neuen Präsidenten Moon Jae-in, die Entmachtung seiner Vorgängerin, Präsidentin Park Geun-hye. Das ist unser wahres Leben. Das ist Realität für uns.

FAQ: Sind Sie politisch aktiv?

KANG: Nicht in dem Sinne, dass ich auf Veranstaltungen auftrete, aber ich trenne auch nicht zwischen mir als Person und meiner Tätigkeit als Schriftstellerin. Alles gehört zusammen. Ich bevorzuge, durch mein Schreiben Gedanken in Bewegung zu setzen, auch im politischen Sinne. Allein zu schreiben ist politisch. Bisher habe ich mich nur im letzten Winter aktiv politisch an einer Aktion beteiligt. Wie Tausende in Südkorea habe ich an den Kerzenlichtdemonstrationen teilgenommen.

FAQ: Gefordert wurde dabei von den Demonstranten der Rücktritt von Präsidentin Park, Sie haben sie eben schon erwähnt. Im Dezember 2016 hatte das Parlament wegen Korruptionsvorwürfen für ihre Absetzung gestimmt. Das Verfassungsgericht bestätigte das Votum dann einstimmig. Es war die erste Amtsenthebung von diesem Posten, seitdem Ende der achtziger Jahre die Demokratie in Südkorea eingeführt worden ist.

KANG: Letzten Winter war die Grenze der Geduld in der Gesellschaft Südkoreas erreicht. Die Menschen begannen, sich auf der Straße zu versammeln, sie hielten Kerzen. Es waren so viele Menschen auf den Straßen zusammengekommen; wir gingen Schulter an Schulter dicht aneinandergedrängt. Zeitweise, in den kleineren Straßen, war es so eng, dass wir nicht vor- und zurückkonnten. Man steckte förmlich eingeklemmt in der Menge.

FAQ: Hatten Sie in diesen Momenten Angst?

KANG: Nein. Alle Demonstranten gingen so sorgsam miteinander um, so freundlich und geduldig. Wir hielten unsere Kerzen und verharrten so stundenlang, bis sich die Menge weiterbewegte. Diese unmittelbare Erfahrung hat mich sehr beeindruckt.

FAQ: Was genau?

KANG: Den besten Teil von dem zu erleben, was Menschen ausmacht – ihre Menschlichkeit. Und auf politischer Ebene war beeindruckend, wie machtvoll dieser Aufruf nach Gerechtigkeit wurde, weil er so verlief, weil so viele Menschen zusammenkamen und sich zeigten, weil es Protest ohne jede Form von Gewalt war. Und dann kam das Amtsenthebungsverfahren als Folge der Demonstrationen. Wir hatten etwas erreicht. Auf die Kerzenlichtdemonstrationen beschränkt sich mein aktives politisches Engagement momentan. Sollte sich die Situation in Südkorea wieder verschlechtern, würde ich nicht zögern, mich wieder zu engagieren. Aber jetzt gerade kann man Hoffnung haben und muss dem neuen Präsidenten Zeit geben. Auf die Hoffnung möchte ich mich konzentrieren.

Han Kang wurde 1970 im südkoreanischen Gwangju geboren, wo es zum Aufstand gegen die Militärdiktatur kam, von dem sie in ihrem neuen Buch „Menschenwerk“ erzählt.

FAQ: Sie sind eine Optimistin.

KANG: Man darf wahrscheinlich nicht so naiv sein, dass man sich in dieser Welt Optimismus erlaubt. Aber während der Kerzenlichtdemonstrationen habe ich zum ersten Mal seit langem eine Möglichkeit gesehen, eine Chance für Südkorea, denn die Menschen haben gezeigt, dass sie dazu fähig sind, die Gesellschaft zu verändern. Sie würden wieder auf die Straße gehen, gäbe es Anlass dazu. Friedlich, davon bin ich überzeugt. In uns allen hat sich letzten Winter etwas verändert. Es gibt einen Zusammenhalt, das wissen wir jetzt. Und dass es viele sind, die zusammenhalten. Das ist wichtig, nachdem das Land in den letzten Jahren so stark von wirtschaftlichen Problemen gekennzeichnet war. Das hat den Wandel der Gesellschaft ins Stocken gebracht.

FAQ: Inwiefern?

KANG: Ich fand, man spürte eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber Immigranten – oder wieder gegen Frauen.

FAQ: Sie sagen „wieder“.

KANG: Ja. In den neunziger Jahren, nach Einführung der Demokratie, hat es einen regelrechten Feminismusboom gegeben. Das Rollenverständnis veränderte sich, Frauen erkämpften und erarbeiteten sich ihren Platz im Bildungs- und Arbeitsbereich. Schriftstellerinnen zum Beispiel wurden mit einem Mal sehr viel stärker wahrgenommen. Eine Zeitlang schien es dann fast altmodisch, sich mit Feminismus zu beschäftigen, weil es einfach stetig bergauf gegangen war. Die wirtschaftlichen Probleme der letzten Jahre entfachten leider einen Gegentrend. Frauen wurden plötzlich stärker ausgegrenzt und abgewertet. Die Männer begannen, ihren Hass und ihre Verbitterung auf sie zu projizieren, sich Objekte der Ablehnung zu schaffen. Darauf mussten wir Frauen reagieren, uns zeigen und für unsere Rechte eintreten. Seit letztem Jahr gibt es wieder eine angeregte Feminismusdebatte; man merkt es auch daran, dass es viele feministische Publikationen gibt.


„Erst ging es bergauf. Dann wurden Frauen plötzlich wieder stärker ausgegrenzt und abgewertet. Darauf mussten wir Frauen reagieren.“
Han Kang

FAQ: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

KANG: Ja, ohne zu zögern.

FAQ: Vorhin sagten Sie, „Alles sei eins“: Ihre Person und Ihr Werk. „Die Vegetarierin“ wurde in vielen Rezensionen auch als Gesellschaftskritik verstanden, als Verweis auf Probleme, die Frauen in Südkorea im Kampf um Gleichstellung haben. In einem früheren Interview stimmen Sie dieser Deutung nicht zu. Ist das nicht ein Widerspruch?

KANG: „Die Vegetarierin“ erzählt die Geschichte von Yeong-Hye, einer an Durchschnittlichkeit nicht zu übertreffende Frau, die eines Tages beschließt, sich vegetarisch zu ernähren, und damit ihre gesamte Umwelt aus den Fugen hebt. Es ist ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein folgenreicher, denn er bedeutet einen Bruch mit sozialen Normen, die in ihrer Familie bis dahin als selbstverständlich galten. Es ging mir in dem Roman nicht an erster Stelle darum, ein Gesellschaftsporträt zu zeichnen, aber es gibt natürlich die Ebene, auf der es um Frauen geht, um ihre Stimme und dass sie gehört werden wollen – und in diesem Sinne kann man es als politisch verstehen. Anhand der Reaktionen in den letzten zehn Jahren lässt sich übrigens der gesellschaftliche Wandel in Südkorea ablesen.

FAQ: Können Sie das genauer erklären?

KANG: Zum Beispiel schrieb mir vor zehn Jahren ein Mann: „Bitte erklären Sie mir die Psyche dieser Frau. Sie ist einfach so übertrieben.“ Zuschriften wie diese bekam ich einige. Heute sehen die Leser den Erlösungskampf der Protagonistin.

FAQ: Männer und Frauen?

KANG: Auch Männer sympathisieren mit Yeong-Hyes Geschichte, generell sind es aber mehr Frauen. Soweit ich es sagen kann: jeden Alters. Sie interessiert die Ablehnung von Gewalt und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

FAQ: Letzte Frage: Ist Gleichberechtigung in Südkorea vor allem ein Thema, für das Frauen sich einsetzen?

KANG: Es gibt auch viele Männer, die uns unterstützen. Das müssen sie auch, finde ich.

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Quelle: F.A.Q.

Veröffentlicht: 13.09.2017 09:07 Uhr