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Hamburger Theater : Thalihaha!

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Das Thalia Theater hat sein Publikum über den Spielplan des Hauses abstimmen lassen. Und muss jetzt auch brav Amateurdramen spielen, die mittels sozialer Netzwerke massenhaft gepusht worden sind.

          Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet, Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen, die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, ungefähr auch hervorbringen würde“ - so fragte sich der Hamburgische Dramaturg Gotthold Ephraim Lessing am 5.Februar 1768 im achtzigsten Stück seiner „Hamburgischen Dramaturgie“.

          Es frisst, was ihm kredenzt wird

          Und fand, dass seine Frage nach dem Sinn oder Unsinn von Theater nicht nur dahin zielen dürfe, dass das Theater keine Romanleseanstalt sei - sondern dass das Publikum nicht an einer Tafel Platz nehmen dürfe, „an der man immer vorlieb nehmen muss“. Lessing wollte, dass das Publikum nicht vom Theater abgespeist, sondern durch das Theater gebessert werde.

          Gut 250 Jahre später haben nicht nur die Hamburger Dramaturgen ihre Häuser längst zu Romanlese- beziehungsweise Romanbearbeitungsanstalten verkommen lassen. Aber das Publikum nimmt immer noch vorlieb. Und frisst, was ihm kredenzt wird. Aber wenigstens rannte das Hamburger Thalia Theater dem Publikum schon hinterher, interviewte es auf Gassen und Straßen und in Sozialwohnungen und machte daraus regiehonorarpflichtiges Theater. Wobei das Publikum sich da gleichsam nur selbst zuschaute und auch nur wieder vorliebnahm.

          Die Branche lacht vor Schadenfreude

          Da kam der Hamburgische Dramaturg Carl Hegemann (früher Volksbühne, Berlin) auf eine zündende Anti-Vorliebnahme-Idee: Das Thalia solle das Publikum über den Spielplan des Hauses abstimmen lassen. Es gab siebenhundert Einsendungen. Und jetzt sitzt das Haus nicht nur auf einem abgestimmten Rock-Musical, einem Dürrenmatt („Die Ehe des Herrn Mississippi“), einem Wilder („Wir sind noch einmal davongekommen“), sondern auch auf vielen, von Freundeskreisen mittels sozialer Netzwerke massenhaft, aber naturgemäß anonym gepushten Amateurdramen. Und muss das nun alles brav spielen.

          Die Branche lacht sich krumm vor Schadenfreude („Thalihaha!“), sollte sich aber schön hüten. Denn das Verfahren ist ausbaufähig. Das Publikum könnte ja solcherart Intendanten per Mausklick abwählen (Dramaturgen bitte sofort auch) - und vor allem das Schnapssortiment der Kantinen bestimmen, in dem ja nicht nur in Hamburg die besten Ideen stecken.

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