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Hamburger Kulturpolitik Pfeffersäcke in Geldnot

29.10.2010 ·  Das Altonaer Museum bekommt ein neues Rettungskonzept, ein Intendant fürs Schauspielhaus soll auch gefunden werden: Die Hamburger Politik setzte sich an einen runden Tisch, um sich das Wichtigste zu verschaffen - Zeit.

Von Volker Corsten
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Christoph Ahlhaus, gebürtig aus Heidelberg, Baden-Württemberg, Bankkaufmann, Jurist und CDU-Politiker, hat irgendwann Anfang vergangener Woche offenbar für sich beschlossen, doch nicht den Mappus zu machen. Der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg will es dem Parteifreund und Ministerpräsidenten seines Geburtslandes nicht gleichtun und in die Geschichte eingehen als ein erst durch Rücktritt seines gewählten Vorgängers ins Amt gekommener Landesfürst, der strammen Schrittes und sehenden Auges in den politischen Untergang marschiert. Dafür sind 6,2 Millionen Euro, die er und sein Kultursenator Reinhard Stuth bei vor allem drei Hamburger Kulturinstitutionen – Altonaer Museum, Bücherhallen, Schauspielhaus – lebensbedrohlich einsparen wollten, dann doch ein arg geringer Lohn für den hohen Preis.

Ahlhaus hatte zur Schadensbegrenzung am völlig verregneten Mittwochabend die politischen und kulturellen Würdenträger der Stadt zu einem „Kulturgipfel“ ins Gästehaus des Senats an der Außenalster mit der Adresse „Schöne Aussicht 26“ geladen. Geplant waren zwei Stunden, um endlich mal wieder miteinander statt immer nur schlecht übereinander zu reden.

Das politische Gewicht des Kultursenators

Es wurden mehr als vier Stunden, inklusive der Verspätung, die der Mann verursachte, der zwar nicht zur Party geladen hatte, aber durch sein ungeschicktes Agieren erst zu ihr geführt hatte: Kultursenator Reinhard Stuth kam als deutlich Letzter vorgefahren, um wortlos ins Haus zu rennen, während draußen ein Grüppchen Kürzungsbetroffener mit ihren Laternen im Regen stand und in bester Volksbühnentradition „Danke für meine Arbeitsstelle, Danke für jedes bisschen Glück“ zu singen (und natürlich Stuth auszupfeifen). Der spielte in den folgenden Stunden, glaubt man denen, die dabei gewesen sind, nur noch die Rolle, die seinem politischen Gewicht entspricht: keine.

Mit den Spitzen der Kulturinstitutionen saß – auch das hatten diese so noch nie erlebt – der halbe Senat am Tisch. Neben Ahlhaus auch die zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch von den Grünen, der Finanz- und die Umweltsenatorin sowie einige Mäzene wie der Kunstsammler Harald Falckenberg, insgesamt knapp dreißig Leute. Das Ziel des Gastgebers (er ist nun mal ein Mann der Wirtschaft): Lösungen suchen, damit „wieder alle gemeinsam für den Kulturstandort Hamburg eintreten“, vor allem aber die Stadt aus den negativen Schlagzeilen herausbringen.

Keine Einsparungen, Einsparungen, Bestandsgarantie

Zur Auflockerung der Stimmung, die daraufhin auch sehr gut gewesen sein muss, hatte Ahlhaus nicht nur das Eingeständnis eigener Fehler, sondern auch den festen Willen mitgebracht, ein Ergebnis zu erzielen: Nach zweieinhalb Stunden Diskussion zogen sich die Politiker zu Beratungen zurück. Ihr Kompromissvorschlag: Die Bücherhallen, deren Chefin sich für ihre schon so oft geschröpfte Institution wieder bestens schlug, müssen statt 1,5 Millionen Euro nur 500 000 Euro sparen und bekommen dafür eine Bestandsgarantie. Die 3,5 Millionen Euro, die die Schließung des Altonaer Museums bringen sollte, werden auf die gesamte Stiftung der vier Historischen Museen verlagert und gestreckt (2011 keine Einsparungen, 2012 1,5 Millionen Euro, 2013 2,5 Millionen und 2014 erst die vollen 3,5 Millionen Euro).

Für das Altonaer Museum, das vorerst nicht geschlossen wird, soll innerhalb von sechs Monaten ein neues Konzept verfasst werden. Und die Kulturtaxe, mit der die Stadt zehn Millionen Euro einnehmen und zu drei Vierteln in Kultur investieren will, soll nun nicht mehr, wie befürchtet, an „Eventproduktionen“ gehen, sondern in innovative Produktionen und Ausstellungen, um die sich alle Institutionen bewerben sollen – und über den Auswahlverfahren in einem der kommenden „Gipfel“ gesprochen werden soll.

Nicht die kleine und billige Lösung

Die Notgeburt, die eine regelmäßige Einrichtung werden soll, erlöste die Betroffenen zwar nicht vom Sparen, verschaffte ihnen aber das zunächst Wichtigste: Zeit. Das gilt auch für das Schauspielhaus, das erst von kommender Saison an mit weniger Subventionen leben soll und dann auch zunächst nur mit der Hälfte der angedrohten Kürzung, nämlich mit 600 000 statt 1,2 Millionen Euro. In der Spielzeit darauf sollen es 900 000 Euro sein, dann erst die volle Summe. Jack Kurfess, der Interimsintendant, hat bereits als Entgegenkommen von sich aus mit seinem Aufsichtsrat vereinbart, die Personalkosten in den kommenden drei Jahren um je eine knappe halbe Million senken zu wollen (was den 1,5 Millionen Euro der kommenden drei Jahre entspräche). Doch das ist Theorie, denn zunächst einmal muss ein neuer Intendant gefunden werden. Er soll laut Ahlhaus, auch das war bis jetzt keine Selbstverständlichkeit, nicht die kleine und billige Lösung darstellen.

Für die Suche ist der Statist des Abends, der kaum etwas sagte und zu sagen hatte, weiter zuständig: Reinhard Stuth. Immerhin besuchte der am Dienstag zum allerersten Mal eine Vorstellung des Hamburger Schauspielhauses: „Rust“ von Studio Braun. In der geht es (Auf der Suche nach dem deutschen Messias: „Rust“ im Hamburger Schauspielhaus ) um einen Mann, der ebenfalls ein wenig die Orientierung verloren hat. Es ist beruhigend, dass Stuth bei der Intendantensuche mit Jürgen Flimm und Frank Baumbauer zwei Männer als Berater zur Seite stehen sollen, die bewiesen haben, wie man eine Theatermaschine souverän landet.

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